Home / Featured / ARD-Beitrag bei YouTube: Unsere Web-Daten werden gespeichert und verkauft

Man hat es ja eigentlich geahnt, und doch sind die Journalisten, deren Web-Verhalten unerwartet komplett vor ihnen ausgebreitet liegt, schockiert. Es ist eben schon ein Unterschied, ob man theoretisch weiß, dass persönliche Daten gespeichert und verkauft werden, oder ob man als „Probedatensatz“ kostenlos an ein angebliches StartUp gesendet wurde, gemeinsam mit den Daten jeder Bewegung von Millionen von anderen Internet-Nutzern, als Kostprobe und Kaufanreiz. Es macht wütend, dass Politiker immer noch so tun, als ob sie von dieser Komplettüberwachung nichts wüssten. Spätestens seit dem 1. November 2016 kann das nun niemand mehr behaupten – doch nun ist es an uns: Was sollen wir tun? Wie gehen wir mit diesem Wissen um? (Der 9-Minuten-Panorama-Beitrag ist als Video hier eingebettet).

bildschirmfoto-2016-11-03-um-13-03-45Man sollte sich auf jeden Fall diese bahnbrechende Dokumentation vom NDR ansehen. Nicht nur, dass es eine Meisterleistung vom Panorama-Reporter-Team ist, sorgfältig und in monatelanger Recherche und Arbeit ein StartUp zu erfinden und eine Scheinidentität anzulegen, um mit den privaten Datenhändlern in Kontakt zu kommen und Verhandlungen zu führen. Nicht nur dass sie in den Millionen Bewegungsdaten vom Monat August 2016 (als kostenloser Datenprobesatz!) mit Hilfe von Experten leicht aus den „anonymisierten Daten“ die Identitäten herauslesen konnten und zwei betroffene Journalisten fanden, denen sie die Ergebnisse vorlegten.

Das Bahnbrechende ist, dass bisher immer noch viele Menschen in Deutschland in der Illusion lebten, sie könnten sich durch Verweigerung von Facebook und Twitter vor der Ausspähung schützen. Ab jetzt kann das niemand mehr behaupten. Die eigenen Daten zu schützen auf dem Desktop und den mobilen Endgeräten ist komplizierter, als auch die betroffenen Journalisten dachten. Denn natürlich sind sie Profis und hatten ihr Bestes gegeben, damit genau das nicht passierte…

Was sollen wir nun tun?

Ich gebe zu, dass ich in den letzten Monaten, seit ich selbst intensiv die Ausspähung der Internetdaten recherchiert hatte und darüber geschrieben habe (Rund 1.000 Datenhändler verfolgen unser Verhalten im Web), durch die übliche bigotte Haltung der Besserwissenden so frustriert war, dass ich nur noch antwortete: „Es ist vorbei! Macht Euch nicht vor!“

Wir sind gläsern, und die Aussicht, dass die Politik wieder unsere Privatsphäre einführt, ist lächerlich unwahrscheinlich. Erstens ist das kein Problem, das auf nationaler Ebene politisch gelöst werden könnte – und zweitens kaufen auch staatliche Dienste und Geheimdienste bei den privaten Datensammlern. Es gibt also ein Interesse daran, dass alles so bleibt, wie es ist.

Doch nun haben Dennis Arntjen und ich beschlossen, zumindest innerhalb unserer bescheidenen Möglichkeiten ein Zeichen zu setzen und unsere Webangebote und unser Social Media Verhalten nach und nach so datenschützend zu verändern, wie es uns möglich erscheint. Natürlich werden wir dadurch nichts ändern, doch immerhin können wir jeden einzelnen Schritt (etwas Google Analytics ersetzen) hier dokumentieren und andere Unternehmen anregen, es uns nachzumachen. Wir wollen ein Zeichen setzen, auch wenn es faktisch nichts ändert. So wie Menschen keine Pelzmäntel von Tieren mehr kaufen, oder Vegetarier/ Veganer werden, um gegen Tiermissbrauch und Massentierhaltung zu protestieren.

Es ist nicht möglich für KMU-digital.net, auf Geschäftsbeziehungen mit US-Firmen zu verzichten. Google, Facebook, Twitter, Mailchimp und andere US-Dienste gehören zu unserem grundlegenden Arbeitswerkzeug und sind für Unternehmen sowie StartUps im digitalen Wandel wichtig, um zu bestehen und zu wachsen. Wir werden sehen, was wir alles tun können, um diese Zeichen zu setzen. Und wir werden in den SteadyNews Anleitungen dazu schreiben, wie wir vorgegangen sind. Nicht viel, was wir tun können – aber besser als meine bisherige Haltung: „Ist doch sowieso egal, es ist passiert und lässt sich nicht ändern. Wir sind gläserne Menschen und Punkt.“

Nun aber unbedingt gucken: Nackt im Netz – Millionen Nutzer ausgespäht. Panorama 3 vom 1. November 2016

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

2 thoughts on “ARD-Beitrag bei YouTube: Unsere Web-Daten werden gespeichert und verkauft

  1. 1) Irreführend finde ich die Episode in der Reportage, wo die Reporterin indirekt suggeriert, dass die Protokollierung des Nutzerverhaltens nur durch die Installation einer Überwachungssoftware wie in dem Bericht genanntes Programm WOT. Ich finde es schade, dass die Reporterin es nicht erwähnt hat, dass die auf fast jeder Website installierte Google-Dienste dazu führen, dass fast lückenloses Webprotokoll des Nutzerverhaltens erstellt wird.

    > Doch nun haben Dennis Arntjen und ich beschlossen, zumindest innerhalb unserer bescheidenen Möglichkeiten ein Zeichen zu setzen und unsere Webangebote und unser Social Media Verhalten nach und nach so datenschützend zu verändern, wie es uns möglich erscheint.

    Dass die Beteuerungen der Website-Anbieter bezüglich Anonymität der gespeichertn Daten scheiheilig sind, zeigt die hier zitierte ARD-Reportage ziemlich deutlich. Und so verdingen sich die Website-Betreiber, die auf ihrem Server Google- oder andere kostenlose Dienste einsetzen, als Zuträger, Handlanger der Datensammler. Bezahlt für vermeintlich kostenlose Dienste wird mit den persönlichen Daten der Website-Besucher.

    2) wenn http://steadynews.de/ tatsächlich etwas der Sache Datenschutz beitragen wollen, rege ich an, dass http://steadynews.de für die Kommmunikation mit der Community möglichst schnell ein überwachungsarmes Kanal wie https://de.wikipedia.org/wiki/Diaspora_(Software) anbietet. Hier https://podupti.me/ eine Liste der Zugänge zu dem dezentralen Diaspora-Netzwerk.

  2. Hi lieber Gustav, ich verstehe Dich sehr gut – und Du hast mich ja auch nicht unerheblich inspiriert mit Deinem kritischen Blick. Doch was wir bei KMU-digital vertreten und was uns wichtig ist, ist der Nutzen für die Wirtschaft und die Weiterentwicklung derselben. Es wäre für unsere Zielgruppe (Selbstständige, kleine und mittlere Unternehmen, Berater) kein Weg, auf Netzwerken wie Diaspora zu bleiben. Unsere Kunden, Geschäftspartner, Mitarbeiter, Stakeholder und Lieferanten sind nicht bei Diaspora. Aber vielleicht habe ich mal Zeit, Euch politisch Engagierte zu besuchen auf Diaspora und Co. Hacker sind sehr wichtig für die Weiterentwicklung. Lösungsorientiert und konstruktiv an der Digitalisierung mit ethischem Blick zu arbeiten, das will ich gern tun.

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