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Beatrix Gutmann und die 60.000 Bürgerreporter vom Lokalkompass.de 87

Beatrix Gutmann ist Leiterin Community und Social Media beim Lokalkompass.de. Wir sprachen fast zwei Stunden über diese Plattform, bei der sich tatsächlich 60.000 Menschen als „Bürgerreporter“ registriert haben – und immerhin ca 6.000 tatsächlich regelmäßig aktiv sind. Eigentlich ist der Lokalkompass ja „nur“ die Online-Ausgabe der vertrauten kostenlosen Anzeigenblätter unserer Region, doch tatsächlich ist es viel viel mehr, es ist lebendiger Bürgerjournalismus!

Da grübeln wir und reden und diskutieren, wie lokale Online-Zeitungen finanziell erfolgreich sein können, wie man die Bürger mit einbeziehen kann und ob Blogger mitmachen dürften – und fast unbemerkt hat sich neben dieser öffentlichen Diskussion seit 2010 ein Content-Gigant nach vorn gearbeitet. Der Lokalkompass ist im Sichtbarkeitsindex Deutschlands (Sistrix) die unangefochtene Nummer 1 aller Anzeigenblätter –  und das Geheimnis  dieser Sensation lüftet nun im SteadyNews-Interview Bea Gutmann:

SteadyNews: Liebe Bea, zunächst besticht beim Lokalkompass.de die Struktur der Zeitung. Ich staune wie es möglich ist, dass Ihr eine so moderne durchdachte „Social Media Zeitung“ führt. Es ist kinderleicht sich als Bürgerreporter zu registrieren und zu schreiben, die Vernetzung mit allen sozialen Netzwerken funktioniert intuitiv, ob Kommentare, Autoren-Abonnements, Statistiken, Diskussionen, Fotogalerien, Videos… alles ergibt sich auch für Laien wie von selbst und die Zugriffsraten sind traumhaft. Wie schafft Ihr was riesige Verlagshäuser nicht schaffen?

Bea Gutmann, Leiterin Community beim Lokalkompass.de

Bea Gutmann, Leiterin Community beim Lokalkompass.de

Bea Gutmann: Das ist viel einfacher als man denkt. Wir arbeiten mit einem fertigen Content Management Baukastensystem von Gogol Medien. Das System ist speziell für Zeitungen und wird ständig weiterentwickelt. Wir können uns selbst zu hundert Prozent auf Redaktion und Community Management konzentrieren, da uns technisch alles abgenommen wird. Gogol hat viele bedeutende Zeitungen als Kunden, auch in der Schweiz und in Österreich. Sehr erfolgreich ist zum Beispiel myheimat.de. Wenn man sich das Portal anschaut erkennt man sofort wie ähnlich es dem Lokalkompass ist. Wir sind allerdings tatsächlich einer der größten Kunden von Gogol, worauf wir recht stolz sind.

SteadyNews: Bleiben wir noch ein bisschen bei der Struktur und den Leistungen von Gogol Medien: Was ist mit Suchmaschinenoptimierung?

Bea Gutmann: Auch in Bezug auf Suchmaschinenoptimierung leisten Gogol Medien hervorragende Arbeit. mehr als 50 Prozent unserer Zugriffe kommen über Google, das ist ein sehr hoher Wert. Dank Google Analytics können wir täglich den Traffic messen und analysieren. Wichtig ist aber auch der Support für das Community Management. Bei 60.000 Bürgerreportern muss die administrative Betreuung  perfekt sein. Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit. Mein eigenes Redaktionsteam für den Lokalkompass besteht nämlich nur aus drei Menschen – und das bei 200 bis 300 Beiträgen täglich! Aber es funktioniert, weil auf Technik und Support unbedingter Verlass ist.

SteadyNews: 200 bis 300 Beiträge Tag für Tag? Und das sicherlich nicht unbedingt zwischen 8 und 17 Uhr vermute ich…

Bea Gutmann: Ja, es ist wirklich eine Menge. Ein Drittel der Artikel stammt von unseren

WVW & ORA Anzeigenblätter-Redakteuren vor Ort, das sind insgesamt etwa 100 Festangestellte und freie Redakteure, doch zwei Drittel stammen tatsächlich von Bürgerreportern. Wir drei Lokalkompass.de Community Manager haben vor Allem die Aufgabe, die Beiträge zu sichten und zu genehmigen, Kommentare zu prüfen – und die große Community zu betreuen. Und natürlich hast Du recht: geschrieben wird auch am Wochenende, abends – und nachts!

Es geht ja auch bei Weitem nicht nur um das Portal lokalkompass.de. Ganz wichtig ist die Begleitung und Moderation der Facebook Gruppen und unserer Fanpage. Ohne Facebook wäre unsere lebendige Bürgerreporter-Community nicht denkbar. Neben Facebook sind wir natürlich auch auf Twitter und YouTube aktiv, und sogar bei Pinterest und Instagram sind wir gut vertreten.

Doch das bekommen wir gut hin zu Dritt. Mit der Zeit weiß man intuitiv, worauf man zu achten hat und wie man am besten reagiert. Da ist viel Psychologie und Feingefühl gefragt. Allerdings ist so eine Aufgabe nichts für Leute, die einen geregelten Arbeitstag  brauchen. Und wichtig ist auch, dass man die Community respektiert und schätzt – ohne Wertschätzung hat man keine Chance. Es gibt Bürgerreporter bei uns die sagen „Der Lokalkompass ist mein Leben“ – das ist wunderschön und sie leisten wirklich hervorragende Arbeit.

SteadyNews: Wann seid Ihr gestartet und wie hat sich der Lokalkompass zu diesem Giganten entwickelt?

Bea Gutmann: Gestartet sind wir im Mai 2010, und zwar in Wesel. Langsam haben wir immer mehr Geschäftsstellen hinzugenommen, bis Mitte 2011 alle – fast 50 – Anzeigenblätter-Redaktionen von ORA und WVW eingegliedert waren. Ich war vom ersten Tag dabei und habe auch direkt vom Start an den Aufbau der Bürgerreporter-Community aufgebaut und begleitet.

SteadyNews: War es nicht schwer die Print-Kollegen vom Online-Angebot zu überzeugen?

Bea Gutmann: Ja, gerade in der ersten Zeit war es wirklich nicht leicht. Es bedeutet ja auch wirklich einen Mehraufwand, die Print-Beiträge onlinegerecht umzuschreiben und suchmaschinenoptimiert einzustellen. Das bedeutet pro Artikel 30 bis 60 Minuten mehr Arbeit. Hinzu kommt noch die Verbreitung über Facebook. es ist alles freiwillig, wir mussten trotzdem überzeugen. Vor allem war es für die meisten Kollegen zunächst unvorstellbar, mit ihrem persönlichen Namen bei Facebook eigene Communities aufzubauen. Ich habe sehr viel geschult und geholfen.

Heute lieben viele Redakteure ihre Facebook-Freunde, denn sie haben verstanden, dass dieses große Netzwerk auch ihrer eigenen Reputation dient – und aus journalistischer Sicht sehr hilfreich ist. Wenn man zum Beispiel bei Facebook fragt, warum es gerade draußen so geknallt hat, bekommt man in Windeseile Auskunft von Augenzeugen. Da haben wir schon erstaunliche Erfahrungen gemacht mit Bränden, Katastrophen, Unfällen… Auf die eigene Community ist Verlass.

SteadyNews: Es läuft also viel über persönliche Facebook Profile? Das ist toll, und welche Erfahrungen macht Ihr mit Facebook Fanpages und Facebook Gruppen?

Bea Gutmann: Natürlich haben wir eine zentrale Facebook Fanpage mit 4.800 Fans. In den Regionen nutzen die Redakteure neben den persönlichen Profilen auch Facebook Gruppen. Manche Redakteure halten die Gruppen offen, andere geschlossen.

SteadyNews: Wie hast Du mit dem Aufbau der Bürgerreporter-Community begonnen? 60.000, von denen 10 Prozent wirklich aktiv sind – das fällt sicher nicht vom Himmel!

Bea Gutmann: In jeder Stadt habe ich zunächst zu Auftaktveranstaltungen eingeladen. So entstand der erste Stamm von Reportern. Dadurch dass wir die Community intensiv betreuen und beraten, funktionierte dann auch das „Weitersagen“. Die Anzeigenblatt-Redakteure vor Ort erhielten Moderationsvorlagen und lernten ebenfalls, wie man professionell eine Community moderiert.

Es war wirklich gut, dass wir sukzessive an den Start gegangen sind –das hat vieles erleichtert. 2012 haben wir mit unserem Konzept sogar den internationalen XMA Cross Media Award des Weltverbandes der Zeitungen gewonnen – für unser „Bürgerengagement sozial und lokal“ – das war eine unglaubliche Ehre.

SteadyNews: Ihr habt also die Print-Redakteure in Online-Redaktion und Community-Management geschult. Was muss man da alles bedenken?

Bea Gutmann: Artikel werden ganz anders aufgebaut als in Print. Überschriften sollten suchmaschinenfreundlich sein um gefunden zu werden. Der ganze Artikel muss nach SEO-Regeln geschrieben werden. Verlinkungen sind sehr entscheidend. Der Mehrwert zum  Printartikel muss da sein durch Links zu weiterführenden Informationen und Quellen.

Ich muss wissen wie ich durch Social Media Reichweite erlange, ich muss Facebook und Twitter verstehen – und die Unterschiede nutzen. Ich lerne wie ich mein Smartphone einsetzen kann für Fotos, Videos, Interviews. Ich lerne Visualisierungstechniken und lerne, spannenden vielfältigen Content zu erstellen. Online bietet natürlich sehr viel mehr Möglichkeiten als Print.

Heute unterrichte ich auch auch an der Ev. Journalistenschule in Berlin den Nachwuchs,. Gerade für junge Journalisten ist es eine große Chance, die eigene Reputation über soziale Netzwerke zu stärken. Tatsächlich ist unser Online „Anzeigenblatt“ für Journalisten eine bedeutende Unterstützung beim Eigenmarketing.

Unserer Redakteure erhalten etwa  15 Prozent des Traffics für ihre Artikel über ihre Facebook Profile und Gruppen. Da kann  ein einziger aktueller  Online-Artikel schnell auf 14.000 bis 15.000 Unique User (einzelne Leser) kommen!

Früher hatten die Kollegen Angst, die Bürgerreporter könnten ihnen den Job wegnehmen – heute wissen wir alle, dass es für uns keine bessere Unterstützunggeben kann als genau diese Bürgerreporter.

SteadyNews: Was tut Ihr noch um die Community lebendig zu halten?

Bea Gutmann: Wir machen sehr häufig Verlosungen und Gewinnspiele. In unserem „Eventkompass“ gibt es schon malTicket-Verlosungen von Konzerten und Veranstaltungen, die eigentlich ausverkauft sind. Während im Lokalkompass eher ältere Bürger mitmachen, sind es beim Eventkompass vor Allem junge Leute, die begeistert bei den Verlosungen dabei sind und häufig auch sehr kreative Spiele und Aufgaben mitmachen.

Ein besonderes Highlight war Aschermittwoch. Das Musical „Sister Act“ war längst ausverkauft. Wir wetteten, dass wir es schaffen 50 Leute zu finden, die bereit sind sich als Nonne verkleidet zur  Metronom-Theater in Oberhausen zu begeben – und in dieser Verkleidung das Musical besuchen könnten.
Hier geht es direkt zur Nonnenwette

Es kamen nicht 50 „Nonnen“ – es kamen sage und schreibe 2.160! Aus ganz Deutschland waren Musicalfans angereist, es war unglaublich. Wir mussten die ganze Nacht Tickets drucken und für die nächsten Tage  noch weitere Veranstaltung ansetzen für all die verkleideten Nonnen, denn versprochen ist versprochen.

Gewinnspiele sind sehr wichtig. Eine Aktion, die wir jetzt gerade durchführen ist eine gemeinsame Kampagne mit den „Ackerhelden.de“. Zwei ehemalige Marketing-Manager haben ihren Job aufgegeben und sich nun zur Aufgabe gesetzt, Äcker an Biobegeisterte zu vermieten. Wir haben mit ihnen gemeinsam zwei Äcker im Lokalkompass verlost und werden nun ein Jahr lang die glücklichen Gewinner begleiten bei ihren Erfahrungen als frischgebackene Biobauern. Ein tolles Projekt.
Hier geht es direkt zu den Ackerhelden

SteadyNews: Welche Artikel im Lokalkompass werden am meisten gelesen?

Bea Gutmann: Sehr gern gelesen werden lebendig erzählte Geschichten, aber auch Aktuelles, und natürlich alles rund um „Blaulicht“ – also alles, was auch in Polizeiberichten steht.

SteadyNews: Kommen wir zu den Bürgerreportern, was sind das für Menschen?

Bea Gutmann: Das ist sehr unterschiedlich. Viele sind schon Rentner und haben Zeit, sich auf ihre neue Aufgabe zu konzentrieren. Aber es gibt auch einige Jüngere, es gibt Frauen die sich in ihrer Region sehr engagieren, und natürlich gibt es Aktive aus Vereinen, aus der Kultur und aus sozialen Initiativen.

Wir haben eine sehr aktive Bürgerreporterin bei uns, die unglaublich schön Geschichten erzählt und sehr viele Fans hat. Sie macht viele Fotos, vernetzt sich mit anderen Bürgerreportern um gemeinsam Stories zu schreiben, macht Interviews und erzählt aus dem kleinen Ort, in dem sie wohnt. So ist sie immer bekannter geworden mit der Zeit.

SteadyNews: Wie pflegt Ihr Eure Community – nur online?

Bea Gutmann: Nein, wir machen auch was zusammen! Rosenmontag waren wir mit 30, 40 Bürgerreportern in Köln beim Rosenmontagszug. Direkt am Kölner Dom hatten wir eine Tribüne gemietet und haben den ganzen Tag gefeiert – auch für das leibliche Wohl war bestens gesorgt.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen – zum Beispiel im rechtlichen Sinn. Im Lokalkompass gibt es inzwischen mehr als 2,2 Mio. Fotos online, da ist es unmöglich bei jedem einzelnen Foto zu prüfen, ob Urheberrechte und Persönlichkeitsrechte ausreichend beachtet wurden. Doch dank der guten Kommunikation passiert fast nichts. Meistens reicht es aus, beanstandete Texte oder Bilder zu löschen – Fehler können nun mal passieren.

Um Probleme zu vermeiden, herrscht bei uns eindeutige Klarnamenpflicht. Jeder muss Namen und Telefonnummer angeben, und wir rufen tatsächlich auch an, wenn wir uns nicht ganz sicher sind mit einer Identität. Wir sind in der Zwischenzeit so gewieft, dass wir auch „normale Namen“ als Fakenamen sehr schnell entlarven.

SteadyNews: Welche Themen sind typisch für Bürgerreporter?

Bea Gutmann: Unsere Lokalreporter berichten oft über Missstände wie eine wilde Müllkippe – oder sie fragen, warum wohl ein See nicht besser genutzt wird. Skandale sind ebenfalls ein beliebtes Thema, da geht es dann vor allem um Firmen, um Umweltverschmutzung oder soziale Probleme. Politik wird eher von den Parteipolitikern selbst genutzt. Da passen wir aber auf, dass keine Parteipolitik betrieben wird. Das wollen wir nicht.

Wir haben unter unseren Reportern einige Spezialisten, die Ratgeber schreiben. So hat jetzt ein Bürgerreporter sehr anschaulich erklärt, was hinter dem bundesweiten E-Mail-Hacker-Angriff steckte und wie man sich schützen kann. Das ist natürlich sehr wertvoller Content, der von mehr als 10.000 Besuchern gelesen wurde.

SteadyNews: Wenn ich gewerblich tätig bin, habe ich dann auch eine Chance, im Lokalkompass schreiben zu dürfen? Oder kann ich nur Anzeigen schalten?

Bea Gutmann: Natürlich können auch gewerblich Tätige schreiben – sie dürfen nur nicht werbende Texte schreiben, das müsste dann als Werbung bezahlt werden. Aber wenn ich einen redaktionellen Beitrag schreibe, der auch in einer Lokalzeitung im redaktionellen Teil so stehen könnte ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir den Artikel stehen lassen.

Wir haben jedoch auch sehr attraktive kommerzielle Angebote für Läden und Firmen. Im „Firmenkompass“ können Unternehmen ein eigenes Profil erstellen und erhalten zusätzliche Aufmerksamkeit für ihre PR-Artikel durch eine Box in der Teasergasse vom Lokalkompass.

SteadyNews: Wie sieht es finanziell aus? Wie geht es dem Lokalkompass?

Bea Gutmann: Wir schreiben schwarze Zahlen, das ist schon mal gut. Trotzdem wollen wir den kommerziellen Teil natürlich weiter ausbauen und verbessern. Online-Banner sind vielleicht nicht für jedes Geschäft geeignet, Online-PR hingegen bietet eine Menge Vorteile! Aber die Print-Anzeigenblätter bringen natürlich viel mehr Umsatz, da ist der riesige Lokalkompass ein ganz kleines Licht.

Liebe Bea, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Mega-Interview. Ich selbst will jetzt auch bei Euch so „richtig“ mitmachen als Bürgerreporterin, ich habe da auch schon eine Idee. Dieses ganze Konzept ist so großartig, so im Sinne von Web 2.0! Ich wünsche Euch junge innovative Anzeigenverkäufer, die in der Lage sind Unternehmen begreiflich zu machen, wie sehr sich Online-Content-Marketing lohnt. Wenn das erst einmal verstanden ist, wird es ein zweites Lokalkompass-Wunder geben – warte mal ab.

 

Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk Kmu-digital.net - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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