Interview mit Frau Dr. Claudia Keidies: Ist Frauenförderung ein alter Hut? - Steadynews |
Home » Führung » Interview mit Frau Dr. Claudia Keidies: Ist Frauenförderung ein alter Hut?

Interview mit Frau Dr. Claudia Keidies: Ist Frauenförderung ein alter Hut?

Frau Dr. Claudia Keidies ist als Elektroingenieurin seit 17 Jahren in Dortmund für die Entwicklung der Wirtschaft und für Frauen als wichtiges Potential unterwegs. Seit acht Jahren leitet sie in der Wirtschaftsförderung den Bereich „Entwicklung von Wissenskernen / Branchen“ mit einem Team von dreizehn Mitarbeitenden. SteadyNews sprach mit der Wissenschaftlerin und Führungsfrau über das Thema „Ist Frauenförderung im Jahr 2016 wirklich ein alter Hut?“

SteadyNews: Was verstehen Sie unter dem Begriff „Frauenförderung“? Geht es einfach darum, Frauen dabei zu unterstützen, in ihrer Karriere nach vorn zu kommen? Oder steckt mehr hinter dem Begriff?

Dr. Claudia Keidies: Meiner Meinung nach geht es um viel mehr als individuelle Unterstützung. Es geht um Chancengleichheit – für Männer und Frauen. Und es geht darum, in einer modernen Gesellschaft alle Potentiale zu nutzen. Erwiesenermaßen sind gemischte Teams immer besser – also auch in der Führung.

SteadyNews: Und was brauchen wir, um diese gemischten Teams zu ermöglichen?

Dr. Claudia Keidies: Wir brauchen eine objektivierbare Personalentwicklung und Stellenbesetzung.

SteadyNews: Mit der bisherigen Personalentwicklung sind Sie nicht zufrieden?

Dr. Claudia Keidies: Es hat viele positiven Entwicklungen geben, z.B. Mentoring-Programme für weibliche Nachwuchskräfte. Aber dennoch erlebe ich, dass gute Frauen nicht oben ankommen.

SteadyNews: Woran liegt das?

Dr. Claudia Keidies: Man bezeichnet dieses Phänomen als „Homosozialität“. Es liegt unter Anderem daran, dass männliche Führungskräfte bei der Auswahl ihrer Nachfolger oder Stellvertreter immer ein Ebenbild von sich selber suchen. Eine Frau ist da „zu anders“. Dass eine Frau aber womöglich ganz andere Qualitäten einbringen kann, wird nicht positiv gesehen.

SteadyNews: Was können wir da tun?

Dr. Claudia Keidies: Das ist eine gute Frage. Die Transparenz bei Stellenbesetzungen könnten wir erhöhen,

Dr. Claudia Keidies

Dr. Claudia Keidies

indem wir unabhängige Fachexperten z.B. das System Stadtverwaltung ausbilden lassen. Führungskräfte müssten befähigt werden, eine qualitätsorientierte, chancengleiche Personalauswahl zu treffen. Ihnen muß ermöglicht werden, unabhängig ihre Entscheidungen zu treffen.

Wir brauchen externe Personalentwickler, um diese Unabhängigkeit zu schaffen. Oft heißt es „Dafür haben wir kein Geld“. Geld gilt es hier zu investieren, weil wir ja dann für Stellenbesetzungen die Besten bekommen könnten. Ein Problem ist vielmehr: „Gibt es überhaupt solche externen Personalexperten?“. Meiner Erfahrung nach als Anbieterin von Mentoring-Programmen und als Teilnehmerin in solchen Maßnahmen : es ist nicht leicht, wirklich gute Personalexperten zu finden – aber es ist möglich.

Zum Zweiten müssen die Frauen mit Macht sich in dieser Stadt noch stärker zusammentun und Forderungen stellen. Es müssen klare Zahlen und Fakten auf den Tisch: Wie sieht es denn mit Frauen in Führungspositionen aus? Wie gerecht sind die Gehaltsstrukturen ? Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Meine Vermutung ist, es ist schlechter geworden. Wir haben zwar Frauen in Führungspositionen, aber im Grunde genommen ist jede Einzelne ziemlich auf sich gestellt und hat wenig Rückhalt, wenn die typischen Probleme auftreten wie zum Beispiel, dass ihre Qualität und Leistungsfähigkeit viel schneller angezweifelt wird als bei einem Mann. Frauen müssen in Führungspositionen immer dreimal so gut sein wie ihre männlichen Kollegen. Das ist auch heute noch Realität.

Viele Frauen haben schon aufgegeben. Ich weiß von vielen Frauen, die in diesen Systemen für sich keine Chance mehr sehen. Sie machen sich dann selbstständig, machen Dienst nach Vorschrift oder ziehen sich zurück. Sogar junge Frauen resignieren schon, das finde ich erschreckend.

Drittens: Wir müssen junge Frauen zum Aufstehen bringen. Aber wie, weiß ich wirklich nicht. Frauen werden häufig als die fleißigen Bienchen benutzt. Was meinen Sie, wie viele fleißige Bienchen wir in dieser Stadt haben, die keine Forderungen z.B. zum Thema Gehalt stellen. Die noch ein Projekt und noch ein Projekt stemmen, aber von den eigentlichen Machtstrukturen ausgeschlossen bleiben.

SteadyNews: Definieren Sie doch bitte einmal diese Machtstrukturen.

Dr. Claudia Keidies: Frauen wollen Macht, um ihre Ideen durchzusetzen. Männer haben Macht, um ihre Positionen zu festigen – und von ihnen abhängige Männer hochzuziehen. Frauen haben nicht so viel Spaß daran, Macht auszuspielen und die eigene Potenz über Macht zu definieren.

SteadyNews: Ok, wir brauchen externe Experten für eine chancengerechte Personalentwicklung, Frauen in Führungspositionen müssen sich noch intensiver und gezielter vernetzen, junge Frauen müssen ermutigt werden aufzustehen. Bleibt nur die Frage: Wie können wir die Männer mit Macht kontrollieren?

Dr. Claudia Keidies: Transparenz, Transparenz, Transparenz – in allen Verfahren und Prozessen. Vielleicht ist Social Media dazu ein geeignetes Mittel. Zum Beispiel wäre doch Livestreaming aus wichtigen Sitzungen schon einmal ein guter Anfang. Verbindliche Zielzahlen wären sicher auch ein geeignetes Mittel, um Strukturen aufzubrechen. Es gibt zwar z.T. Frauenförderpläne, aber die Ziele sind oft nicht verbindlich. Ein wichtiges Thema sind die Gehaltsstrukturen. Auch da würde Transparenz helfen.

Vielen Dank, nun zum Abschluss bitte noch ein persönliches Statement, oder was auch immer Sie zum Abschluss sagen möchten, liebe Frau Dr. Keidies

Dr. Claudia Keidies: Frauen macht den Mund auf, stellt Eure Forderungen und seid nicht mehr nur die fleißigen Bienchen !

Dr._Claudia_Keidies_PortraitDr. Claudia Keidies
Leiterin Wissenskerne & Sales
Wirtschaftsförderung Dortmund
Töllnerstr. 9-11
44122 Dortmund
+49 (0) 231 / 50 29234
claudia.keidies@stadtdo.de

 

 

Alle Interviews der SteadyNews-Serie „Frauen in Führung“ auf einen Blick:

Ähnliche Beiträge

7 Comments

  1. Ich hab vor Jahren ein langes Gespräch mit einer ASF-Vertreterin gehabt, welche eindrücklich den Männerfilz in der SPD Dortmund beschrieben hat. Na, wie gewollt sind da wohl mehr Frauen in Führungspositionen in der Verwaltung? Ohne Beziehungen und das richtige Parteibuch geht sowieso nichts. Dazu muss man wohl Mann sein. Ich hab als Mitglied im Frauenausschuss in Münster erlebt, wie damals eine Stelle im Gleichstellungsbüro ausgeklüngelt wurde. Da sind Bewerbungen nur noch reine Formsache

  2. Guter Artikel! Ja, die Förderung ist nach wie vor nötig. Im Angestelltenverhältnis hätte ich nie eine Chance gehabt mir ein gutes Einkommen aufzubauen und hab mich bereits in der Uni selbstständig gemacht. Die Jobangebote waren nicht gerade attraktiv. Ein Schlüsselerlebnis war die Bewerbung bei einem großen Konzern für eine Führungspositition: Wie sagte die Personalreferentin nach dem Gespräch? „Wir haben Sie eingeladen, weil Sie mit Abstand die beste Qualifikation haben. Aber als alleinerziehende Mutter sind Sie uns ein zu heißes Eisen.“ Im Grunde habe ich diese Entscheidung der Selbstständigkeit nie bereut, aber es war ein harter Weg.

  3. Danke schön für den Kommentar liebe Stefanie. Ich fürchte, wir Frauen müssen uns noch viel äußern und viel zusammenhalten, bis die „unsichtbare Wand“ zwischen Können und Machterhalt weg ist. Leider…

  4. Transparenz, Transparenz, Transparenz, das „Im Dunkeln ist gut Munkeln“ ist die Wurzel vielen Übels beim Kampf um Machterhalt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.