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Warum ich unserer Katze Lilli so dankbar bin – und was ich über den Tod gelernt habe

Eva Ihnenfeldt: Am 29. Februar 2016 um 3.00 Uhr in der Frühe ist unsere Katze Lilli für immer eingeschlafen. Im Mai wäre sie 19 Jahre alt geworden, und sie starb während der Übertragung der Oskar-Verleihung in unserer Begleitung, auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Decke. Ihr letztes Lebenszeichen war ein leichtes Zucken mit der Pfote – dann war es vorbei. Für mich ist dieses gemeinsame letzte Abenteuer ein sehr bedeutsames Erlebnis. Da die SteadyNews durchaus auch mein öffentliches Tagebuch sind, möchte ich für mich zur Erinnerung – und für alle Leser – beschreiben, was der Tod mir bedeutet – und was ich von Lilli in den letzten Wochen gelernt habe.

Lilli

Lilli

Ich mache mir schon immer viele Gedanken über den Tod, muss gestehen, dass ich zu den Menschen gehöre, die den Tod lieben. Für mich ist es der schlimmst Alptraum, mir vorzustellen, wir müssten ewig leben. Keine Erlösung aus diesem irdischen Dasein, kein Entrinnen aus dem Kreislauf von Leid und Freud, Auf und Ab, Zuversicht und Ent-Täuschung. Ich liebe das Leben mit seinen vielen Abenteuern und Überraschungen – aber noch mehr liebe ich den Tod mit seinem Frieden, seiner Stille und seiner tröstlichen Erlösungswirklichkeit.

Egal, was passiert: Wir werden alle sterben, darauf können wir uns verlassen. Gerade aus dieser Gewissheit nehme ich die Energie und den Mut, mein Leben in vollen Zügen zu genießen: Was soll schon passieren? Ich darf mich trauen, so zu sein, wie ich bin. Ich werde irgendwann sterben dürfen, also bin ich in Sicherheit. Kinder sind alle groß. Alles darf, nichts muss.

Doch wie wollen wir sterben? Einfach umfallen, um sich vor Leid und Panik zu schützen? Oder langsam immer schwächer werden, bis das Lebenslichtlein erlischt? Den eigenen Zeitpunkt selbst bestimmen, wenn das Leben nicht mehr lebenswert erscheint? Oder in der Blüte der Jahre im Kampf mit übermächtigen Gegnern fallen? Und wie alt wollen wir werden? Egal? Oder so alt wie irgendwie möglich? Oder gern alt, aber Demenz geht gar nicht – dann lieber tot? Oder gern alt, aber bloß nicht siechend und abhängig von Anderen – dann lieber tot?

Was ich von unserer Lilli gelernt habe

Lilli lebte tatsächlich von Anfang an bei uns. Sie hatte damals Glück gehabt. Aggressive Tierschützer hatten ihre auf dem Land frei lebende Mama eingefangen um sie kastrieren zu lassen. Darum waren die hilflosen Babys, die Appolonia im Schafsstall versteckt hatte, ohne Milch und Versorgung. Meine Kinder und ich brauchten Tage, um sie endlich zu finden – Lilli war die Einzige aus dem Wurf, die diese Notzeit lebend überstand. Ihr Brüderchen starb noch in unseren Armen, die anderen Geschwisterchen waren schon tot.

Lilli hat viel erlebt bei uns. Zwar war sie eine Wohnungs- und Balkonkatze, doch da ich (bis ich mich 2004 selbstständig machte) immer sehr viel Besuch und dank meiner Kinder viele junge Menschen um mich hatte, war sie immer damit beschäftigt, uns allen Manieren beizubringen. Gäste wurden schon mal körperlich gemaßregelt, wenn sie gegen Lillis Knigge-Regeln verstießen, und ich konnte sie gut verstehen. 2003 kam dann noch Luzi als Mini-Yorkshirewelpe zu uns, und machte aus der renitenten Gouvernante eine wohlerzogene Lady. Die Konkurrenz dieses kleinen Hundes, der ihr kaum bis zur Schulter reichte, tat ihr gut.

Lilli hat durchaus einige ihre sieben Leben ausgereizt. Da wir ein sehr freies Leben bevorzugen und Freiheit über Sicherheit setzen, gelang es ihr zweimal, vom Balkon zu fallen (immerhin aus dem zweiten Stock), und nach einem der Umzüge entwischte sie und blieb eine Woche unauffindbar. – Zurück kam sie dann von allein, furchtbar schmutzig, dünn, aber gesund. Beim Tierarzt war Lilli nur einmal als junge Frau. Staunend sah ich damals zu, wie sie kastriert wurde – wie ein gekreuzigter Jesus, auf den Kopf gestellt, wurde sie mit zwei kleinen Schnitten von ihrem sexuellen Leid befreit. Es musste sein, da sie immer entsetzlich schrie, wenn sie rollig wurde.

Dann, vor etwa einem Monat, veränderte sich etwas. Sie war in ihrer Hygiene weniger zuverlässig, und wir schimpften mit ihr, weil sie neben das Katzenklo machte – oder auch in den Flur. Erst als meine Tochter meinte, sie wäre sicher ein bisschen verwirrt im Alter, gaben wir seufzend auf, stellten extrem leicht zugängliche Katzenklos auf, verschlossen nicht notwendige Räume, entfernten die Teppiche und putzen bei Bedarf hinterher. So ist das eben mit alten Leuten.

Vor einer Woche dann begann der Sterbeprozess. Sie fraß immer weniger, sprang nicht mehr so hoch, wurde immer wackeliger, wechselte immer wieder mit einer gewissen inneren Unruhe ihre Lieblingsplätze und schlief viel. Wir ließen sie gewähren ohne uns einzumischen. Ich musste an meine Oma denken, die so ähnlich starb. Sie aß am Ende nichts mehr, trank kaum noch, wurde immer weniger und schlief friedlich ein – ganz klein und zusammengekuschelt in einem viel zu großen Krankenhausbett. Damals hatte ich die Ärzte gebeten, sie nicht bei ihrem Sterbeprozess zu stören, und genauso war es jetzt bei Lilli. Stört sie nicht, wenn sie sich auf den letzten Schritt vorbereitet – mit fast 19 Jahren hat sie ein Recht auf ihren Tod!

Drei Tage vor ihrem Tod übermannten mich dann doch die Emotionen, und ich musste viel weinen. Ich wusste nun, dass es keinen Kampf mehr geben würde, keine medizinischen Eingriffe nötig sein würden, es gab nichts mehr zu tun als sie zu begleiten. Das war der Moment, wo ich mir erlauben konnte, zu trauern und mich zu erinnern an die vielen Momente, die wir gemeinsam hatten. Wie schade, Lilli, dass Du uns nun verlässt – es ist so endgültig und Du wirst uns so fehlen!

An diesem Tag hörte ich viel von den Puhdies das Lied „Wenn ein Mensch lebt“. Endlich verstand ich den Text so richtig! Es war ein Trauerlied, angelehnt an die berühmte Stelle in der Bibel aus dem dritten Kapitel Buch Kohelet, das ich von allen Büchern der Bibel am meisten liebe:

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten /und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,eine Zeit zum Weinen /und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten / und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen / und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.

Klar, Lilli ist kein Mensch, aber Freundin war sie schon. Rücksichtsvoll bis zur letzten Minute. Wir betteten sie in eine Decke auf dem Sofa uns hielten Wache bis zur letzten Minute. So wie man bei einer Gebärenden Händchen hält, wenn sie in den Wehen liegt, hielten wir Pfötchen, während sie immer leichter wurde in ihrem Atmen und ihren Bewegungen. Wir begruben sie bei Sternenlicht und durften erleben, wie es ist, wenn Erde nach und nach einen Körper bedeckt und barmherzig trennt von dem Gewusel dieser Welt. Traurig ja, aber auch glücklich, dass sie so ein würdiges wunderschönes Ende erfahren durfte. Danke!

Eva Ihnenfeldts Wunsch ans Sterben – von Lilli inspiriert

So, lieber Gott, oder lieber Kosmos, oder liebe Eva, die sich selbst bestimmt, liebes Karma, oder liebes Glück, das unberechenbar und unplanbar ist: Genauso wie Lilli möchte ich sterben. Wenn die Zeit soweit ist, möchte ich aufhören zu essen und in Ruhe gelassen werden. Ich möchte noch ein bisschen vor mich hindenken oder hinträumen können, möchte noch ein bisschen mitbekommen von den Geräuschen der Lebenden und möchte mich wie eine Gebärende auf die letzte Sekunde vorbereiten.

Gern kann ich dement sein wie meine Oma in dieser letzten Phase, gern kann ich Krebs haben oder ein anderes Leiden (an irgendetwas muss man schließlich sterben), da bin ich ganz offen. So lange es möglich ist, Schmerzen durch Medikamente zu tilgen, ist es mir egal. Aber Zeit möchte ich haben! Zeit, mich behutsam zu trennen von all dem Schönen und Schrecklichen, das in dieser Welt vorhanden ist. Ich will nicht einfach umkippen – ich will Abschied nehmen können! Aber ich möchte das Recht haben, zu verhungern, wenn das Lebenslichtlein nur noch spärlich flackert, ich möchte den Respekt erfahren, dass man mich in Ruhe lässt und nicht ins Überleben zwingt. Verhungern ist im Alter keine Qual, sondern eine natürliche Gnade. Und ein behutsamer Tod durch Einschlafen ist ein Geschenk, und keine Kapitulation der Umgebenden.

Ich weiß, Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabu. Unendlich alt werden zu müssen ist bei uns für viele Menschen so etwas wie ein letzter Wettbewerb im „Höher, schneller, weiter“. Da bin ich anders. Ich habe nun die Gnade erfahren dürfen, sowohl meine Mutter, als auch meinen Vater, als auch unsere Katze beim Sterben begleiten zu dürfen. Und mir ist völlig egal, wie alt die einzelnen Angehörigen waren. Sie sind alle drei friedlich entschlafen, und bei allen Dreien war ich zum Zeitpunkt ihres Todes dabei. Welche Gnade! Welch unverdientes Geschenk! Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich verehre ihn als besten Freund, als Erlöser.

Als die Kraft zu Ende ging, war’s kein Sterben, war’s Erlösung

– für mich der schönste Trauerspruch, den es gibt. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die einen schrecklichen Todeskampf erleiden müssen, und das tut mir unendlich leid. Ich wünschte, alle lebenden Wesen könnten so friedlich sterben wie meine drei Angehörigen. Ohne Panik, ohne Kampf, ohne Schmerzen. Alles andere ist mir gleichgültig. Für mich ist der Tod der Höhepunkt des Lebens – das Ziel und die Erfüllung. Mögen wir in Respekt und Zuneigung den Wesen in unserer Umgebung ihr Sterben gönnen können – und uns selbst auch. Danke.

 

Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk KMU-digital - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Wir organisieren Veranstaltungen, beraten und begleiten Unternehmen bei ihren digitalen Projekten, sind ein Netzwerk aus Unternehmen mit digitaler Kompetenz. Neben Social Media und Online Marketing liegen unsere Schwerpunkte bei der Prozessoptimierung, digitaler Kommunikation und allen Formen von Webnutzung. Die SteadyNews sind das Online-Magazin von KMU-digital. Für Fragen, Wünsche und/ oder Anregungen sind wir immer offen. Eva Ihnenfeldt Mobil: 0176 80528749

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4 Comments

  1. Liebe Eva! Danke für Deinen bedeutsmanen, wichtigen, und persönlichen Beitrag. Wie Du weißt, habe ich meine eigenen Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Den Tod meines 26 Wochen jungen Sohnes in meinem Bauch. Der Tod hat viele Gesichter. Das erlösende Gesicht ist bestimmt ein dominierendes, aber der Tod kann auch unerwartet kommen, sich durch die Hintertür einschleichen, ohne Vorwarnung. Das ist der schmerzendste Tod für die Angehörigen, denn man versucht, in dem Unfassbaren den Sinn zu sehen. Jeden Tag Frage ich mich: warum? Obwohl ich weiß, das ist nicht die richtige Frage. Die Frage ist, wann kann ich meinen Sohn wiedersehen. Und wenn der Tag kommt, werde ich glücklich sein. Der Tod ist Teil des Lebens, er verbündet, er weicht Herzen auf und macht Herzen stark. Er bringt uns zusammen, er erinnert uns an unsere Menschlichkeit und dass wir unser Leben auf Werden nicht verschwenden dürfen. Manchen werden nur wenige Wochen gewährt.

  2. Liebe Nina! Das, was Du und Dein Mann da erlebt, ist wirklich eine ganz besondere „Warum!“ Trauer. Ich habe es zwar nicht selbst erlebt, aber ich kenne eine Frau, die dreimal hintereinander ihre Kinder vor der Geburt verloren hat. Das kann niemand verstehen, was das für ein Schmerz ist. Und vor wenigen Generationen war es ja noch so, dass viele Kinder in den ersten Jahren starben. Meine Oma hat 13 Kinder geboren, und drei davon (merkwürdigerweise alle „Gertrud-Getauften“) sind als Kleinkind gestorben. Und von den Söhnen später drei im Krieg geblieben. Sieben sind geblieben. Wir sind heute so weit vom Thema Tod entfernt, dass Menschen wie Du und ich, die offen darüber sprechen und die Menschen zwingen, sich damit auseinanderzusetzen, wichtig sind. Grüß mir Deinen kleinen Sohn, wenn Du ihn irgendwie irgendwo siehst – und sag ihm, er soll gut auf seine Mama aufpassen. Aber das macht er ja sowieso…

  3. Karin Mager sagt:

    Liebe Eva,
    deine Gedanken zum Tod finde ich sehr tröstlich. Im Kreis seiner Lieben aus dem Leben scheiden zu dürfen, ist sicher sehr schön. Fünf Menschen aus meiner Familie – zwei Brüder und meine Eltern und mein Stiefvater sind alle sehr plötzlich und unvorbereitet gestorben – Unfälle, Suizid, Herzinfarkt. Auch damit müssen wir leben.
    Gerade wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, gibt es öfters Situationen, wo es ganz plötzlich zu Ende sein könnte. Ein Auto schoss vor kurzem aus einer Einfahrt raus und ich konnte gerade noch mein Fahrrad zur Seite reißen.

    Da ich zutiefst überzeugt bin, dass wir auf einer anderen Ebene des Seins weiterleben, finde ich den Tod aber nicht erschreckend. Ich habe viel über Nahtoderfahrungen gelesen. Besonders beeindruckend finde ich den Bericht von Anita Moorjani „Heilung im Licht“ und auch von Stefan von Jankovich „Der Tod, mein schönstes Erlebnis“.

  4. Hallo liebe Karin, vielen Dank für Deine Impulse – und Leseempfehlungen! Die beiden Empfehlungen schaue ich mir auf jeden Fall an. Trotzdem tut es mir leid, dass Du und Deine Familie so viel mit dem Tod zu tun habt. Aber eins ist gewiss: Menschen, die einen tiefen Glauben haben, können den Tod annehmen – ob es auch Menschen ohne Glauben so gut gelingt, weiß ich nicht.

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