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Warum Karfreitag Eva Ihnenfeldt so unendlich viel bedeutet

Ich bin nun 57 Jahre alt, und habe eine Menge erlebt. Die Menschen nehmen mich meist wahr als extrem fröhlich, begeisterungsfähig und empathisch. Früher dachten noch Viele, dass ich diese optimistische Sicht auf die Welt sicher daraus zöge, dass ich noch nichts Schlimmes erlebt hätte und ganz einfach verwöhnt wäre – doch das passiert heute nicht mehr. Wäre auch schwer zu begründen. Ich stehe vollständig „meine Frau“, muss mich wirtschaftlich durchbeißen wie alle Anderen auch, und oft genug habe ich Situationen durchlebt, in denen ich ähnlich dem Mädchen in „Sterntaler“ nichts mehr hatte als mein Hemd am Leib. Aber gerade diese Krisen und diese verzweifelten Phasen sind das, was mir mein Vertrauen zu mir selbst gegeben haben. Nur, wenn der Mensch in tiefster Not ist, spürt er doch, was bleibt!

Ach, ich wäre so gern so mutig und unerbittlich wie Jesus von Nazareth, der ohne Ausflüchte sein Kreuz auf sich genommen Kreuzhat. Meine Feinde nicht hassen und fürchten, sondern ihnen auf Augenhöhe vergeben. Sich nicht unterordnen und anpassen, sondern klar und eindeutig für Recht und Menschlichkeit eintreten. Das Böse nicht zulassen, sondern ihm unerschrocken ins Auge blicken und es brandmarken, wo immer man es sieht.

Karfreitag bedeutet mir so unendlich viel, weil dieser Tag in mir anrührt, was oft vergraben bleibt: Tiefes Mitgefühl für die geschundene, verachtete, gequälte, menschliche Kreatur. Der Kontrast zwischen den Spöttern, Tätern und Richtern und der Unschuld des Opfers, das zur Schlachtbank getrieben wird. Täglich unzählige Mal erleben wir es in einer Welt, die sich vor Allem davor fürchtet, Besitz abzugeben und Privilegien zu verlieren. Die Wohlhabenden und die Geschundenen, sie kommen sich näher in einer Zeit, in der man auch im tiefsten Afrika per Internet sehen kann, wie wir hier leben: Ein riesiges gläsernes Versailles.

Karfreitag bedeutet mir so unendlich viel, weil ich mir von Herzen wünsche, ich könnte auch nur ein Hundertstel so konsequent und klar sein wie dieser Jesus. Ich denke, wir leben nun in einer vorrevolutionären Aera, wo die gesamte Welt den Prozess durchleben wird, den die französische Revolution symbolisiert. Die Armen lassen sich nicht mehr zurückdrängen von Polizei, Geographie und Militär, sie tragen ihre Schmerzen nicht mehr unter sich aus – sie kommen direkt auf uns zu und verlangen ihr Recht!

Alte Religionen bäumen sich auf und versuchen, über Gewalt und Angst zu verhindern, dass sich Menschen aus ihren traditionellen Rollen befreien und sich selbst verwirklichen. Besitzende bäumen sich auf und versuchen, über Politik und Macht ihre Reichtümer zu schützen und in ihrer unersättlichen Gier noch mehr zusammenzuraffen (was macht man eigentlich mit dem ganzen Geld? Was für ein Schwachsinn!).

Johannes 12,24: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt’s allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte“

Natürlich ist Ostern dann der eigentliche Jubel – der Beweis, dass dieses Wort stimmt. Wir brauchen immer wieder die tiefste Schwärze und den einsamsten Tod, um fruchtbar zu sein, uns zu mehren und das Gute und Wahre zu verbreiten.

Karfreitag ist für mich so heilig und wunderschön, weil er das Wunder der Hingabe an das Unausweichliche zeigt. Wer dieses Geheimnis versteht, ist dem Schlüssel zur Freiheit nahe. Also mach ich jetzt ein bisschen Stille: Trauere am Karfreitag, akzeptiere den Tod am Karsamstag – und feiere das Licht am Ostersonntag. Und dann geht es wieder weiter in unserer spannenden vorrevolutionären Zeit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – wird Zeit, das Prinzip auf die ganze Welt zu übertragen. :)

Ich kam, ein Gefangener, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

Werner Bergengruen: Letzte Strophe aus „Die letzte Epiphanie“

Christus

 

Bildquelle 1: pixabay_Angelo_Giordano

Bildquelle 2: pixabay_jerycho1960

 

 

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3 Comments

  1. Anonymous sagt:

    Täusche ich mich, oder schreibst Du in letzter Zeit mehr als früher über die wirklich essentiellen Themen des Lebens?
    Wie auch immer, ich freue mich über deine weisen, tiefen Gedanken.
    Es tut gut, zu erleben, dass ich nicht alleine über diese Dinge nachdenke.
    Ja, wir leben wirklich in einer Dualität. Es kann kein Glück gefühlt werden ohne die Erfahrung des Unglücks, es gibt den Tag nicht ohne die Nacht, Deine Fröhlichkeit nicht ohne Erfahrungen des Leids. Die Hingabe an das Unausweichliche, ich nenne es Demut, war eine Weile mein wichtigstes Lebensthema.
    Ich brauchte dringend mehr davon, und sicher ist das auch heute noch so.
    Danke für diesen Beitrag.

  2. Liebe Claudia, das Ganze fing in den Weihnachtsferien an – übrigens waren auch Eure Reaktionen auf den „Depressionen und Facebook“ Artikel nicht unschuldig daran. Ihr habt mich überzeugt, dass es sich lohnt, über Seelen-Themen zu schreiben. Ich habe nur immer Sorge, ich könnte die Leser – die ja nun alle Business machen – damit nerven! Ja, bei mir mischen sich Dankbarkeit, Glücksgefühle, Sinn und Melancholie ganz intensiv zusammen, und ich möchte auf nichts davon verzichten. (Vor allem nicht auf „Sinn“). Muss mal gucken, wie die Öffnungsraten der persönlichen Beiträge im Newsletter sind. Nerven will ich wirklich nicht, und Pragmatismus ist mir auch wichtig, aber wir leben in einer Zeit, in der sich unser globales Handeln als Bumerang erweist. Nur, wenn wir es schaffen, unsere Ignoranz zu bereuen und wenn wir uns auf den Weg machen, Mitgefühl und tätige Nächstenliebe global zu entwickeln, können wir die Ausuferung von Krieg und Gewalt verhindern. Wenn ich dazu ein minibisschen beitragen kann durch Schreiben und Debattieren, würde es mich freuen.

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