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Rückblick zur FuckUp-Night in Essen am 8. März 2017 – Was man aus „Scheitern“ lernen kann 1

Wenn ich so in meinem Umfeld erzähle, dass ich mich auf die nächste „FuckUp-Night“ freue – oder bei Facebook im Freundeskreis frage, wer auch bei der nächsten FuckUp-Night dabei ist, ernte ich manchmal bares Erstaunen: Eva bei wilden Sex-Orgien? Schwer vorstellbar und es stimmt natürlich auch nicht. FuckUp-Nights ist eine internationale Bewegung, die 2012 in Mexiko startete, und bei der StartUps und Unternehmer auf der Bühne öffentlich preisgeben, wie sie einmal gescheitert sind. Seit Mai 2015 gibt es nun auch die FuckUp-Nights im Ruhrgebiet. Am 8. März fand die siebte Veranstaltung statt – in der Weststadthalle in Essen, und wieder gab es gute Learnings für die Gäste – von denen sage und schreibe 600 gekommen waren!

Wie immer hatte das Team von FUN-ruhr.de alles ganz großartig organisiert und einen lebendig ungezwungenen – und doch gut strukturierten Abend – realisiert. Darum an dieser Stelle vielen Dank an das Team2digital, das WorkInn, ThePlant, Ruhrgründer, und an den Initiativkreis Ruhr, der mit einem großzügigen finanziellen Beitrag für eine großartige Verpflegung (Currywurst und Lauch-Käsesuppe) und für reichhaltig fließende Getränke sorgte – sogar Freibier gab es für die 600 Gäste!

Diesmal waren es drei Speaker, die von ihren Erfahrungen mit unternehmerischem Scheitern berichteten. Besonders interessant und lehrreich fand ich Christian Dommers, der mit Freunden aus der Studentenzeit heraus im Jahr 2008 das Stadtmagazin WerGehtHin gegründet hatte. Gestartet wurde in Köln, schnell kamen weitere Städte wie Hamburg, Berlin, München hinzu. Zu besten Zeiten hatte das Unternehmen 50 Mitarbeiter und zwei Büros.

Gleich im ersten Jahr lag der Umsatz bei einer Millionen Euro. Das Geschäftsmodell beruhte auf Gutscheinen – ähnlich wie bei Groupon. Investoren beteiligten sich gern an dem aufstrebenden StartUp, doch als Groupon ins Straucheln geriet, änderte sich auch die Einstellung der Geschäftspartner zu WerGehtHin. Investoren zogen sich zurück. 2012 war es dann soweit. In einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion musste Christian Dommers den Insolvenzantrag abgeben, was natürlich allen Gründern extrem schwer fiel. Schließlich hatten sie jahrelang für das Unternehmen gelebt!

Christian Dommers, der persönlich rasch wieder eine spannende Herausforderung im Digital-Business fand und seit einigen Jahren als Head of Business Development beim Unternehmen Eyeo (Adblock Plus) arbeitet, erzählt bewegend auf der Bühne, wie es sich anfühlt, wenn man widerstrebend den Insolvenzantrag in den Nachtbriefkasten in Köln einwirft, weil man keine Insolvenzverschleppung riskieren will. Wie es ist, wenn man Leute entlassen muss und sich ständig fragt, ob die Insolvenz nicht ein Fehler war, weil das Geschäftsmodell doch eigentlich noch funktioniert.

Wie man wochenlang wie in einem Alptraum lebt, weil man sich noch so sehr als verantwortlicher Gründer und Geschäftsführer fühlt – und sogar dem Insolvenzverwalter nach Kräften dabei unterstützt, die Büros zu räumen und gründlich „aufzuräumen“. Wie man ständig telefoniert und korrespondieren muss mit Kunden, der Presse, den Nutzern, weiteren Anspruchsgruppen. Wie man sich ständig erklären muss und zusehen, wie man den Schaden für alle Beteiligten möglichst gering hält. Wie man automatisch wie ferngesteuert funktioniert und wie Christian Dommers zwei Monate brauchte, um die Tragweite des Ganzen wirklich zu realisieren.

Eindringlich gab uns Christian Dommers die Learnings weiter:

  1. Misstraut Eurer eigenen Investoren-Story – fangt nicht selbst an zu glauben, was Ihr Investoren erzählt, um an Finanzierungen zu kommen. Haltet Distanz zu Eurer Vision!
  2. Businessplan ist nicht verlässlich. Man kann nicht so genau planen. Im Grunde genommen reicht eine DIN-A-4 Seite, um ein Geschäftsmodell zu skizzieren. Denn grundsätzlich kommt alles immer anders, als man denkt – und Geschäftsmodelle verändern sich während der Gründungs- und Aufbauzeit so beträchtlich, dass es sich eigentlich nicht lohnt, einen durchgeplanten Businessplan zu erarbeiten.
  3. Ein Produkt – ein Nutzen. Sich nicht verzetteln. Die Grundsätze der Lean-StartUps beachten: Halte die Prozesse so schlank wie möglich, sei schlank bei Kapital, Produkt, Prozessen.
  4. Das Team möglichst klein halten. Führen und organisieren von vielen MA kostet viele Ressourcen. Stecke lieber die Kraft in die Gestaltung Deines Unternehmens als in die Führung von Mitarbeitern. Besser wenige Top-Leute haben als viele Mitarbeiter, die geführt werden müssen.
  5. Den Tatsachen ins Auge sehen. Der Wettbewerb kann einen überrollen. Nicht die Augen verschließen vor den mächtigen Playern und den Innovationen und Marktbewegungen, die einen gefährden können.
  6. Nimm Dir Zeit für Dein Leben. Der Tunnelblick des 24-Stunden-Unternehmers ist eine große Gefahr. Pflege Deine Themen abseits des Business. Denke an Familie, Freunde, an die Menschen, die Dir Halt geben.
  7. Ungewissheit akzeptieren. Man braucht auch einfach Glück als Unternehmer. Akzeptiere, dass Du als Unternehmer nie in „Sicherheit“ bist und dass ständig etwas passieren kann, was Dir den Boden unter den Füßen wegreißt.

Nach Christian Dommers, der uns alle sehr beeindruckte, gab es noch einen eher unterhaltsamen Vortrag von Nils Ehle, der beim Camp.Essen beschäftigt ist und erzählte, wie er als Hobby-Fotograf mal eine Plattform für reiselustige Hobby-Fotografen umsetzen wollte. Sein Vortrag zeigte wieder einmal, wie wahr der Ausspruch ist „Ein bisschen selbstständig ist wie ein bisschen schwanger.“ Auch sehr gute Ideen können nicht funktionieren, wenn sie neben Job und Privatleben angegangen werden. Da fehlt das Herzblut und der starke Wille zum Erfolg. Aber auch das ist natürlich für die vielen gründungswilligen Zuhörer eine wertvolle Story.

Als Letztes sprach Christian Lindner, MdL, Landesvorsitzender FDP NRW und Bundesvorsitzender FDP. Auch er hatte schon in sehr jungen Jahren ein StartUp gegründet. Mit 17 meldete er sein erstes Gewerbe an und konnte sich schon mit 20 einen Porsche leisten. Während der Dotcom-Blase platze dann allerdings der Traum – wie bei so vielen anderen StartUps auch.

Kurzum: In vielen Städten und Regionen Deutschlands gibt es die FuckUp-Nights Bewegung – der Eintritt ist bewusst kostenlos, um möglichst viele Gründungswillige daran teilhaben zu lassen. Es ist auf jeden Fall empfehlenswert, dort mitzumachen. Nicht nur die Vorträge sind lehrreich und bringen weiter, auch das Netzwerken ist ein sehr zentraler Benefit für alle Teilnehmer. Gerade in dieser zwanglosen Atmosphäre lernt man neue Menschen kennen und kann sich austauschen, vernetzen, neue Projekte und Innovationen kennen lernen. Vielen Dank an den wunderbaren Moderator Christian, an Carmen, Dörthe, Lisa, Gunnar und Benjamin. Ihr seid ganz schön wichtig für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Das Ganze hat enorme Tragweite, da bin ich sicher.

 

 

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk Kmu-digital.net - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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