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Eva Ihnenfeldt: Die „Dr. h.c. Affaire“ und Der Prozess – war’s das? 100

Heute war der große Tag. Um 13 Uhr war in Lübeck der Prozess gegen mich angesetzt. Von dem ursprünglichen Vorwurf, dass mein Blogbeitrag „Dr. h.c. of Ministry Eva Ihnenfeldt stellt sich vor: Ich setze mir selbst die Krone auf“ einen akademischen Titelmissbrauch darstellen könnte war nun plötzlich keine Rede mehr – geladen war ich wegen einer E-Mail, die ich 2012 drei Tage nach meinem Geburtstag geschrieben hatte und die (wenn man sehr gründlich sucht) im Internet auf einer alten Seite im Newsletterarchiv verfügbar war. Trotzdem sollte ich 1.200 Euro Geldstrafe zahlen.

Heute morgen um 5 Uhr war die Nacht zu ende. Mein Anwalt Maik Swienty und ich setzten uns um 6.45 Uhr in Witten ins Auto und fuhren gen Norden. Zufällig musste Maik heute sowieso nach Hamburg, da er mit seiner Familie in den Urlaub fliegt – und so hatten wir abgemacht dass ich ihn auf dem Rückweg im Hotel am Flughafen absetzte mit Koffern – und Akten und Anwaltsrobe wieder mit nach Witten nehme. Unfassbar was man manchmal für ein Glück hat!

Vor dem Prozess: Pommes auf der Verkehrsinsel

Vor dem Prozess: Pommes auf der Verkehrsinsel

Um 11. 15 Uhr waren wir schon da – die Strecke war ebenfalls freundlich zu uns, sogar um Hamburg herum war es erstaunlich frei. So konnten wir noch Pommes essen gehen auf einer Verkehrsinsel. Vor dem Gerichtssaal trafen wir dann auf den Journalisten und Polizeireporter Peer Hellerling, der schon einmal für die Lübecker Nachrichten so augenzwinkernd über den Fall berichtet hatte (er hat übrigens auch so einen kirchlichen Doktortitel: „Dr. h.c. of Writing & Editing, MLDC Miami“.

Zu Beginn der Verhandlung (endlich konnte ich Maik Swienty mal in Robe bewundern!) bat mich der Richter, aus meiner Sicht den Fall zu schildern. Ich versuchte in wenigen Worten, den Unterschied zwischen einer E-Mail, die wöchentlich an Freunde, Kunden und Netzwerkpartner von mir geht, und einem Blogbeitrag zu erläutern: „Also über den Blogbeitrag hätten wir ja noch diskutieren können – aber der ist ja jetzt raus aus dem Fall. Wurde jetzt wohl doch als Satire akzeptiert schätze ich. Aber eine E-Mail unter tausenden, die so versteckt ist im Web dass ich mich frage wer es überhaupt geschafft hat sie zu finden – mein Kompliment – da weiß ich nicht einmal, was ich dazu sagen soll.“

Maik zitierte dann den beanstandeten Fußnotentext:

…ein Witz zum Heulen, aber wahr:
„Wenn man manche Fehler geschickt zeigt, wirken sie glänzender als die Wahrheit.“

Der Spruch nun wirklich gut gefällt
Frau Dr. h.c. Ihnenfeldt*
…und wenn irgendwas ist: immer anrufen!
Tel.: 0231/ 77 64 150
Mobil: 01761/ 77 64 150

*Dr. h.c. Eva-Maria Ihnenfeldt
Ministry MLDC/ Miami

Danach wurde viel geblättert von den drei Männern. Für einen Laien ist das schwer verständlich (schon allein, dass die Akte

Peer Hellerling von den Lübecker Nachrichten - und sein Praktikant

Peer Hellerling von den Lübecker Nachrichten – und sein Praktikant

200 Seiten hatte – immer mal warfen der Richter oder Staatsanwalt eine dreistellige Seitenzahl in den Raum) es wirkte auf mich ein wenig hilflos – als wenn sich doch noch überraschendes Beweismaterial auftun könnte oder so.

Der Richter wäre auch gern auf den „Ich setze mir selbst die Krone auf“ Blogbeitrag zu sprechen gekommen – aber das wurde von Maik natürlich immer gleich unterbunden – nicht Gegenstand der Anklage – keine Chance.

Schließlich warf der Staatsanwalt mir vor, ich hätte in dem beanstandeten Newsletter von März 2012 in der Zwischenzeit einen Artikel meiner damaligen Praktikantin gelöscht, der ebenfalls den Groupon-Deal thematisiert hatte. Er meinte damit wäre heute für einen Leser des Newsletters nicht mehr ersichtlich, dass es sich um einen Scherz handle. Er wurde sogar richtig wütend – aber um Himmels willen – warum?

Kurz bevor ich ebenfalls laut wurde kam mir der kluge Maik dazwischen und hielt ein Plakat des ZDF hoch. Es zeigte Oliver Welke, Urban Priol und Erwin Pelzig mit angeblichem Doktortitel. Maik: „Wollen Sie dann diese drei Comedy-Stars auch verklagen?“ Der Staatsanwalt: „Das liegt nicht in unserem Zuständigkeitsbereich“. Maik Swienty: „Aber eine E-Mail von Frau Ihnenfeldt gehört noch zum Zuständigkeitsbereich Lübeck?“.

Der Richter wollte nun einlenken und richtete das Wort an mich: „Ja, wir können ja noch mal über die Höhe der Geldstrafe reden, wie ist denn Ihre finanzielle Situation..“ Aber das hatte ich schon mit mir selbst geklärt, schon vor Tagen: „Tut mir leid“, entgegnete ich „Hier geht es nicht um Geld, hier geht es um meine Ehre. Ich habe nie einen akademischen Titel missbraucht und ich würde noch nicht mal 50 Euro zahlen. Sie tun mir ja auch wirklich leid wegen dieser ganzen Geschichte, und ich will mich auch nicht wichtig machen – aber mein Rechtsempfinden lässt keinen Kompromiss zu. Ich zahle nicht“

Maik sprang ein: „Ja dann beantrage ich Paragraph 153 blablabla – Einstellung des Verfahrens.“ Der Richter zu mir: „Würden Sie sich denn damit einverstanden erklären, auf die Erstattung der Gerichtskosten zu verzichten?“ Ich: „Natürlich, ich will doch keine Gerichtskosten.“ Der Staatsanwalt: „Und würden Sie noch heute den besagten Newsletter aus dem Archiv entfernen – ich muss sicher sein dass kein Leser mehr darauf stoßen könnte und falsche Schlüsse ziehen“. „Aber sicher – der Newsletter kommt weg, noch heute abend, versprochen – aber der Blogbeitrag bleibt!“ Dann schlug ich vor wir sollten doch jetzt einfach Schluss machen und zusammen einen Kaffee trinken gehen.

Nach dem Prozess: Marzipan Nusssahnetorte bei Niederegger

Nach dem Prozess: Marzipan Nusssahnetorte bei Niederegger

Leider musste der Staatsanwalt seine Kinder abholen und hatte keine Zeit mehr für Kaffee – schade! Aber immerhin lachten wir alle erleichtert (nur Maik war noch etwas verhalten weil er diese ganze Geschichte zu empörend findet) und dann gingen wir mit Peer Hellerling und seinem Praktikanten noch in die Stadt. Maik und ich aßen köstliche Torte im Niederegger Cafe, besichtigten das Buddenbrock Haus und das Hospital zum Heiligen Geist (das älteste Krankenhaus der Welt!).

Sehr gefreut haben wir uns, als wir eine Buchhandlung betraten und dort die Frankfurter Rundschau fanden (ja es gibt sie noch). Dort hatte prozessbegleitend der wunderbare Thomas Stillbauer der Geschichte eine ganze Seite gewidmet, da auch ein Frankfurter Magier betroffen ist und bald vor Gericht muss. Maik und ich ergatterten noch jeder ein Exemplar – eine schöne Erinnerung – und Maik war zu unserer Freude richtig ein Mittelpunkt des Artikels!

Frankfurter Rundschau: Zauberkünstler muss vor Gericht

So, da muss ich also doch nicht in den Knast (ich hätte wirklich nicht gezahlt) ok, also weiter im Geschäft. Mal sehen ob das Bundesverfassungsgericht bereit ist über die Hausdurchsuchung nachzudenken, die Eingabe haben wir schon vor Monaten gemacht – Maiks Auffassung nach stellt sie eine eklatante Verletzung des Grundgesetzes dar. Morgen schickt dann noch Peer Hellering seinen Bericht aus den Lübecker Nachrichten als pdf – der wird bestimmt auch richtig gut.

Lübeck wird mir auf jeden Fall in merkwürdiger Erinnerung bleiben. Bei der Ankunft hatten wir eine Lübeckerin nach dem Weg gefragt und freundlich bemerkt das wäre ja eine so schöne Stadt. Doch sie schüttelte energisch den Kopf „Lübeck ist furchtbar, hier ist nichts schön“ „Aber das Wasser!“ „Wasser ist in Travemünde“ „Aber es gibt doch Schlimmeres als Lübeck“ „Nee, da gibts nichts Schlimmeres“ – meinte sie energisch und stapfte davon. Hmmmm….

Maik Swienty und Eva Ihnenfeldt nach dem Prozess vor dem Amtsgericht Lübeck

Maik Swienty und Eva Ihnenfeldt nach dem Prozess vor dem Amtsgericht Lübeck – Peer Hellering hat fotografiert

Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk Kmu-digital.net - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

14 thoughts on “Eva Ihnenfeldt: Die „Dr. h.c. Affaire“ und Der Prozess – war’s das?

  1. So eine Geld und Zeitverschwendung gibt es vermutlich nur in Deutschland. Was hätten Du und Dein Anwalt sowie der Richter und Staatsanwalt nicht alles sinnvolles an einem solchen Tag erledigen können.
    Hoffentlich sind die Richter in Zukunft humorvoller und lassen solche Satire erst gar nicht zur Hauptverhandlung zu.
    Ich freue mich über den für Dich guten Ausgang des Verfahrens. Und Du hast recht Lübeck ist sehr schön und interessant. Ich habe sie vor einer Woche anlässlich der Hochzeit meiner Mitarbeiterin kennengelernt.

  2. Ja da hast Du recht lieber Detlef. Ich bin froh dass der Oberstaatsanwalt Möller gegenüber der FR zugegeben hat, dass damals „Der Wink aus Berlin“ kam. Schade wenn die Politik die Justiz für sich einspannt, das ist für alle Beteiligten eine demütigende Geschichte. Mir taten Richter und Staatsanwalt richtig leid. Sie fühlten sich wohl durch die Medienaufmerksamkeit wie „Lübecker Schildbürger“. Sicher werden sie sich das beim nächsten Mal nicht so einfach gefallen lassen. Ich hoffe dass die 20, 30 Verfahren die nun noch wegen der Geschichte vor dem Amtsgericht Lübeck verhandelt werden von meinem Ergebnis profitieren. „Berlin“ kann nicht machen was es will – wir leben nicht in den „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma!

  3. Lambert und Birgit, was mir bewusst wurde während des Prozesses ist, dass Richter und Staatsanwaltschaft relativ gleichgültig sein kann, ob Recht gesprochen wird oder nicht. Sie stehen außerhalb des Systems und sind beschützt. Das hat viele Vorteile da sie wenig angreifbar sind – aber irgendwie ist es schon komisch über Menschenleben entscheiden zu können ohne mit den Konsequenzen rechnen zu müssen. Fast wie ein Spiel – doch für andere sehr ernst…

  4. Da Richter und Staatsanwalt Beamte sind suchen die wohl vermehrt den Weg des ‚geringsten Widerstands‘. Aber völlig egal ist es ihnen nicht, meiner Meinung nach. Sie sind schon angreifbar nämlich durch öffentliche Berichterstattung. Fast alle Gerichtsverhandlungen sind zwar öffentlich, aber es wird nur über einen kleinen Bruchteil der Prozesse berichtet. In meinem Weg durch die diversen Instanzen habe ich gemerkt, dass die (Justiz) Beteiligten inklusive Anwälte die Öffentlichkeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

  5. Hallo lieber Herr Stratmann, ja darum habe ich auch den Weg in die Öffentlichkeit gewagt – ich wusste das ist meine einzige Chance und ich bin sehr glücklich, dass das interaktive Web uns heute diese Möglichkeit bietet. Danke an alle die mich unterstützt haben – allen vorneweg die Journalisten, sie sich des Falles angenommen haben. Ich fürchte sonst wäre das ganz anders ausgegangen – nun habe ich einen Hauch Ahnung davon wie es ist, völlig ohnmächtig einem mächtigen Apparat ausgeliefert zu sein – und meine Hochachtung vor Helden wie Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot ist ins Unermessliche gestiegen.

  6. Liebe Eva,
    klasse, wie du hier dem humorlosen Staat die Stirn geboten hast. Welcher Depp hat dich deshalb eigentlich vor Gericht gebracht?. Ich hatte die Sache zugegebenermaßen via facebook sowieso für einen Witz gehalten und nicht wirklich geahnt, wie ernst tatsächlich die Lage war.
    Bin froh, dass wir dir NICHT im Knast per blog, mail,post, twitter, facebook und co. Beistand leisten müssen.
    Bewundere, wie du die Nerven behalten hast und noch lachst!!!!

  7. Liebe Eva, ich freue mich für ich, dass Du vor Gericht so erfolgreich warst und sogar Deinen Humor noch parat hattest. Und Respekt, dass Du Deinen Prinzipien treu geblieben bist und jede Zahlung verweigert hast.

  8. Gratuliere liebe Eva!
    Deine klare Einstellung zu Recht und Ehre gepaart mit deinem unkonventionellen Mut – was soll da ein Gericht machen – Hut ab!

    Hatte schon ein Kuchenrezept mit „metallischem Inhalt“ für den Besuch im Knast rausgesucht – ich speichere es mal, irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich das noch mal brauchen kann.

    Nun erhol dich schön von deinem spannenden Ausflug in die Welt des Gesetzes. Wir sehen uns am 18.11. in Bochum – ich freue mich.
    Gruß
    Romana

  9. Hi liebe Romy! Ach das ist so lieb was Du schreibst. Was Du was ich gelernt (und auch gleich getwittert) habe aus diesem Abenteuer: „Entschlossenheit ist ein Synonym für Unbesiegbarkeit“. Das war ganz merkwürdig, ich war wirklich innerlich so klar, ich glaube das hat man gespürt. Aber vielleicht war das auch nur mein ganz persönlicher Film – ich denke alle Anwesenden haben die 30 Minuten ganz unterschiedlich erlebt – das hier ist meine Version. Und ich habe versucht so ehrlich und objektiv wie möglich bei der Aufzeichnung zu sein – ich schwöre…

  10. Danke liebe Claudia, wenn ich dieses Risiko vergleiche mit dem was die Pussy Riot Sängerin mitmacht ist das alles so lächerlich! Ich wünschte ich könnte ebenso entschlossen sein wenn es wirklich ums Ganze geht – und ich bin ein minibisschen optimistisch, dass ich dazu in der Lage sein könnte – aber das kann man nicht planen. Und NOCH leben wir in einer glücklichen Zeit, die solche Fragen nicht aufwirft. Möge es so bleiben…

  11. Liebe Bärbel, danke schön! Aus Deinem Munde noch mal ein ganz besonderes Kompliment 😉 Aber das ist wirklich eine spannende Frage – wer war es? Der Oberstaatsanwalt Möller hat in der FR zugegeben, dass „Der Wink aus Berlin“ kam. Das hatten Maik und ich auch aus der Akte entnommen. Schade wenn die Politik versucht, die Justiz einzuspannen – wie sind doch nicht irgendwo – das passt nicht zu Deutschland.

  12. Pingback: Interessante Menschen V1 › dosiert.de

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