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Ist „Existenzgründung“ ein Weg in die Freiheit? Oder ein Weg ins Tagelöhner-Prekariat? 0

Seit ich 2004 auf die Idee kam, eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer zu starten, hat sich viel verändert. Damals gab es hervorragende Förderbedingungen für Existenzgründer aus der Arbeitslosigkeit, sie waren ein Teil der Hartz-Reformen. Damals gab es unzählige „Not-Gründungen“, da es unzählig viele Arbeitslose gab, die ihre Familien ernähren mussten und ihre Häuser abbezahlen. Damals war das Internet noch neu und brachte den ungeübten Jungunternehmern ungeahnte Möglichkeiten, auch ohne Marketing-Budget erfolgreich für sich und ihre Produkte und Dienstleistungen zu werben.

Bildquelle: pixabay_geralt

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Viele dieser unfreiwilligen Gründer haben ihren Schritt in die Selbstständigkeit nie bereut. Sie haben erstaunt festgestellt, wie gut ihnen ihr selbstbestimmtes Leben schmeckt und wie viel Spaß es macht, immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen und sich ständig weiterzuentwickeln. Sie haben gelernt, wie toll es mit über 50 ist, Arbeit, Familie und Freizeit in eine gute Balance zu bringen, weil man ganz einfach nicht mehr so viel erwirtschaften muss wie als junger Familienvater mit vielen Verbindlichkeiten. Sie haben an Selbstbewusstsein gewonnen und arbeiten auch über das Rentenalter hinaus freiwillig ein paar Stunden wöchentlich weiter: Als DozentIn, WebentwicklerIn, IT-Freelancer, Coach, BuchhalterIn, TexterIn, Interims-ManagerIn, VertrieblerIn…

Die Entdeckung des Tagelöhner-Prekariats

In den vergangenen Jahren hat sich dann ein Trend entwickelt, auf diesen vielen Einzelselbstständigen Geschäftsmodelle aufzubauen: Crowdworker, Dienstleister, Texter, Fahrer, Vermieter… Immer mehr Portale und Agenturen bieten sich als Vermittlungsplattform an, um Selbstständige und Auftraggeber bzw. Kunden zusammenzubringen. Bei den einen voll automatisiert, bei anderen mit Agentur-Dienstleistungen für die passgenaue Vermittlung. Oder als Unternehmen, das über die Leistungen der „Subunternehmer“ Produkte auf Honorarbasis erstellen lässt und diese weiterverkauft – wie üblicherweise im Content-Marketing.

Da gibt es Absolventen der Geisteswissenschaften, die täglich viele Stunden Content produzieren für einen Hungerlohn, da gibt es Freelancer-Dozenten, die an Musikschulen und anderen Einrichtungen für viel zu geringe Stundensätze unterrichten und davon unter dem Hartz-IV-Niveau leben müssen – natürlich ohne Altersabsicherung und Absicherung im Krankheitsfall. Da gibt es Uber-Fahrer, Reinigungskräfte und viele andere Dienstleister, die von Tag zu Tag und von der Hand in den Mund leben. Das fühlt sich nicht an wie Freiheit – das fühlt sich an wie ein Rückschritt in die Zeiten der Industrialisierung, als es noch keine sozialen Sicherungssysteme gab für die ausgebeutete Masse.

Wir in Deutschland haben es noch gut, da unsere Arbeitslosenquote gering ist. Doch auch bei uns verbergen sich hinter den beruhigenden Arbeitslosenstatistiken Wahrheiten, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Mütter, 50+ Fach- und Führungskräfte, Akademiker aus geisteswissenschaftlichen Bereichen, Menschen mit BurnOut und anderen Narben, Menschen mit Berufen, die heute einfach überflüssig werden durch neue Technologien und Prozesse.

Ich mache mir Sorgen

Ich mache mir Sorgen, dass wir immer weiter hineingeraten in einen Strudel des neuen Tagelöhner-Prekariats. In den USA gibt es schon einen hohen prozentualen Anteil an selbstständigen Freelancern, die von Auftrag zu Auftrag, von Kunde zu Kunde hetzen – immer in der Sorge, nicht genügend Aufträge zu ergattern. Und immer in der Sorge, im harten Wettbewerb mit den anderen Freelancern die Preise weiter drücken zu müssen. Und immer in der Sorge, krank zu werden, die Verbindlichkeiten nicht mehr zahlen zu können, in existenzielle Not zu geraten.

Wenn erst einmal die digitale Arbeitsplatzvernichtung zuschlägt…

Aus der romantischen Existenzgründer-Bewegung im Rahmen der brutalen Hartz-Reformen ist ein neuer Geschäftszweig geworden, um den sich die Politik noch nicht kümmert in unserem Land. Ich weiß nicht, wie viele Perspektivlose in Spanien, Griechenland und anderen EU-Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit schon den Weg ins Tagelöhner-Prekariat gegangen sind – da, wo der Mindestlohn nichts zählt und wo jede Minute Arbeitskraft verwertet wird ohne Rücksicht auf Pausen, Arbeitsweg, Ausfallzeiten, unbezahlten Aufwand für Buchhaltung, Auftragsbeschaffung und Verwaltungstätigkeiten. Da, wo Sozialversicherung unbezahlbar wird, weil man Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil allein tragen muss – und wo man mit über 400 Euro verpflichtendem Krankenkassenbeitrag monatlich überhaupt erst einmal anfängt!

Wir müssen politische Rahmenbedingungen schaffen, um dieser neuen Sorte Arbeitskraft-Verkäufer ein angemessenes Schutzfeld zu bieten. Wir brauchen eine bezahlbare Sozialversicherung für Freelancer inklusive Rentenversicherung, Krankengeld und Arbeitslosenversicherung. Diese Beiträge müssen anhand der realen Umsätze und Gewinne berechnet werden – und nicht geschätzt oder festgelegt anhand Tabellen, die nichts mit der Realität dieser Arbeiterklasse zu tun haben. Die Auftraggeber, Plattformen und nutznießenden Unternehmen müssen an den Kosten beteiligt werden. Wir brauchen eine Reformierung des Steuerrechts, so dass Unternehmen anhand ihrer Gewinne an den Sozialversicherungsleistungen des Staates  beteiligt werden – nicht nur anhand ihrer sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer.

Noch leben wir hier in einem gemäßigten System, doch auch in Deutschland wird durch die Digitalisierung Arbeitslosigkeit zunehmen. Und mit der Arbeitslosigkeit werden die selbstständigen Tagelöhner und selbstständigen Verkäufer und Händler dramatisch zunehmen. Wenn wir bittere Armut vermeiden wollen, müssen wir den Rahmen dafür schaffen, sonst sehe ich schwarz.

Erschreckender Bericht vom NDR: Mit 28-Minuten-Video – jeder dritte Anspruchsberechtigte verzichtet auf Hartz IV…
Warum Menschen auf Hartz-IV verzichten und lieber Tagelöhner sind

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/die_reportage/Warum-Menschen-auf-Hartz-4-verzichten,sendung631452.html

Screenshot ndr.de

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Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk Kmu-digital.net - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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