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Von der Toleranz an Ostern 0

Die stille überwiegende Mehrheit der Deutschen hat es gerade zu Ostern etwas schwieriger als sonst in diesem Land. Gut, Weihnachten auch, aber Weihnachten gibts Geschenke und da kann man eher ein allgemeines „Wir haben uns doch alle lieb“-Gefühl mit verbinden. Ostern ist dagegen schwieriger. Denn Ostern ist die Konfrontation mit dem eigentlichen Inhalt des christlichen Glaubens: Da wird jemand zu Tode gefoltert, ans Kreuz genagelt – also praktisch gehängt – und ersteht am dritten Tage dann wieder auf. Das ist etwas, was schon die frühen Christen gegenüber ihrer Umwelt verteidigen mussten, wenn man mal einen Blick in gewisse Stellen der paulinischen Briefe wirft. Ja, das ist unbequem. Besonders für Atheisten.

Toleranz für Ostern?

Abgesehen mal von der immer wieder aufkommenden Diskussion, ob Karfreitag nun getanzt darf und berüchtigte Filme angesehen werden dürfen – und diese Diskussion werde ich hier garantiert nicht führen, weil wir dann bis nächstes Jahr eine lange Kommentarspalte haben werden und die Frage ist eigentlich, ob unsere Gesellschaft nicht doch an ein paar Tagen innehalten sollte, der Karfreitag als Gedenktag des menschlichen Leides nicht doch seinen Platz hat und man deswegen das Ganze einfach mal etwas gelassener angehen sollte – ist der Umgang mit Ostern eine komplizierte Geschichte. So bat kürzlich jemand in meiner Timeline auf Facebook, man solle doch generell die ganzen Osterwünsche und Ostergrüße bitte unterlassen, als Atheistin interessiere sie das gar nicht. Andere Leute feiern statt Ostern Ostara – wobei nicht gesichert ist, ob es diese heidnische Göttin wirklich gegeben hat oder sie nur ein Auswuchs der Fantasie eines mittelalterlichen Mönches war – und wieder andere haben zufälligerweise in diesem Jahr fast zusammen mit Ostern Pessach gefeiert. Ramadan kommt übrigens doch etwas später.

Man muss sich der Tatsache stellen, dass die schweigende Mehrheit der Deutschen mittlerweile nichts mehr mit den Inhalten des christlichen Glaubens anfangen kann. Geht es so weiter, dann haben wir in der Tat in einigen Jahren ein Deutschland, welches von Atheisten beherrscht werden wird. Damit werden Christen sicherlich umzugehen haben und sicherlich ist die Frage, wie weit dann eine Toleranz reicht nochmal neu zu stellen. Die Frage ist: Wenn man in einer Kultur lebt, die von christlichen Werten geprägt worden ist – und in der christlichen Werte auch als Vorbild für die Gesetzgebung gesehen worden sind – kann man dann sich komplett aus der Wertegemeinschaft verabschieden? Ist die Forderung meiner Facebook-Bekannten nun gerechtfertigt: Lieber zu den Feiertagen nichts sagen und niemanden auf die Füße treten oder dessen Glauben zu verletzen?

Toleranz als Wert

Toleranz ist eine Tugend, die immer wieder neu verhandelt und auch neu verteidigt werden muss. Dabei ist Toleranz das Gewährenlassen und das Dulden von fremden Überzeugungen – verwechselt wird das oft mit der Gleichberechtigung der anderen Meinung oder Weltanschauung. Wir werfen das umgangsprachlich in einen Topf, aber das ist durchaus zu trennen. „Tolerare“ meint aber im lateinischen dulden, ertragen. Wer toleriert, der erträgt. Der toleriert, der duldet. Der duldet, dass das der Andere nicht unbedingt seiner Meinung oder seines Glaubens ist. Dieser Aspekt der Toleranz steht immer ein wenig hintenan. Wir sagen „Toleranz“ und meinen Gleichberechtigung. Aber diesen Anspruch haben wir im Grundgesetz schon verankert. Jeder kann und darf also seine Religion oder Weltanschauung oder seinen Glauben daran, dass es keinen Gott gibt in Deutschland frei ausleben. Solange er sich im Rahmen der Gesetze hält. Es nennt sich Religionsfreiheit.

Ist dann Toleranz überflüssig? Nein, denn die Duldung der Menschen kann nur durch die Menschen selbst geschehen – das Recht auf Religionsfreiheit ist zwar gegeben, wenn aber Menschen auf die Straßen gehen, weil eine Moschee gebaut wird, wenn Menschen vermehrt wieder gegen Juden hetzen – dann verletzt das nicht gerade die Religionsfreiheit. Wenngleich natürlich auch Maßnahmen in Folge geschehen können, die wider die Gesetze dieses Staates sind. Da ist dann die Grenze der Freiheit. Die Duldung des Anderen, die Duldung des Mitmenschen ist allerdings essentieller Teil der Gesellschaft und ohne eine Duldung des Andren könnte wohl kaum eine Gesellschaft funktionieren. Wenn der Nachbar am Samstag seinen Rasen mäht, dann ist das noch nicht eigentlich eine Frage der Toleranz – wenn ich aber gerade entspannt im Liegestuhl liege und lese, dann beeinträchtigt mich der Lärm schon in meiner Freizeit. Ich toleriere aber den Lärm, weil ich weiß, dass ich irgendwann mal ebenfalls den Rasen mähen muss und dann wird’s dem Nachbarn eventuell auch nicht unbedingt passen. Das Beispiel hinkt. Keine Frage. Denn Toleranz erduldet gerade das, was nicht Normal ist und was nicht im Rahmen der Gesellschaft als Norm oder als Wert an sich verankert ist. Hilft uns das bei der Frage nach Atheismus, christlichen Werten und Ostergrüßen?

Normal ist, was als Normal definiert wird

Da hilft dann die Frage, was als normales Verhalten definiert wird und was nicht. Normal ist erstmal das, was wir selbst als normal empfinden oder definieren. Und das hat sich in der Geschichte oft und öfters mal gewandelt. Es gibt kein Idealbild des Normalen, Gesellschaften haben das immer wieder neu definiert. Aber bleiben wir mal dabei und stellen fest: Normal in unserer Gesellschaft ist es immer noch bestimmte Feste zu feiern, die christlichen Ursprungs sind. Es ist also normal, dass in meiner Facebooktimeline Ostergrüße erscheinen werden. Außer ich verbitte mir das. Dann stehe ich aber mit meinem Verhalten außerhalb der normalen Gepflogenheiten und daher gilt dann die Toleranz, die Duldung des Verhalten, das nicht normal ist in dem Falle für mich. Das heißt: Die Mehrheit duldet mein Verhalten und akzeptiert, dass ich anders denke oder anders glaube.

Daraus kann ich aber keinen Anspruch stricken, dass mein Verhalten nun für alle gelten soll. Das ist etwas, was meine Bekannte bei Facebook falsch deutet: Ja, natürlich kann ich mit einer speziellen Liste bei Facebook dafür sorgen, dass alle Ostergrüße sehen außer meiner Bekannten. Natürlich geht das. In der Hinsicht wäre ich dann respektvoll und tolerant und würde zeigen, dass mir an der Bekannten etwas liegt. Ein weiterer Aspekt des Ganzen also. Ich kann aber keinen generellen Anspruch daraus folgern, dass nun alle Facebookbekannten – und damit auch die Gesellschaft an sich – nicht weiter Ostergrüße an Andere entrichten dürfen. Oder anders formuliert: Wenn Andere mir tolerant gegenüber sind, sollte ich auch tolerant gegenüber den Anderen sein. Quid pro quo. Geben und Nehmen. Toleranz ist Duldung, ja. Aber Toleranz wirkt in beide Richtungen.

„Was ist Toleranz? Toleranz ist die Lebensader der Humanität. Wir alle sind voller Schwächen und Irrtümer: Vergeben wir uns gegenseitig unsere Dummheiten! – dies sei das erste Gesetz der Natur.“ So Voltaire in seinem Artikel für das philosophische Taschenlexikon aus dem Jahre 1764. Das gegenseitige Sich-Dulden, das Sich-Ertragen ist keine angenehme Tugend. Und vermutlich wird daher oft aus dem Dulden ein aggressives Fordern. Das aber entspricht nicht mehr der Toleranz als Wert an sich. Sicherlich müssen wir darüber nachdenken, in wieweit die christlichen Werte noch bestimmend für unsere Gesellschaft sind oder sein werden, wenn die Mehrheit der Deutschen nicht mehr christlich glaubt. Andererseits liegt es natürlich dann auch bei den Atheisten eine fruchtbringende Diskussion ohne Häme und Spott darüber zu führen, wie denn nun eigentlich die Gesellschaft auszusehen hätte. Und solange dies nicht in einem größeren Rahmen geschieht, solange die Mehrheit der Deutschen toleriert, dass Christen ihre Feste feiern und solange dies allgemeiner Konsens ist: Solange ist es an mir, meiner Bekannten Respekt und Toleranz angedeihen zu lassen und ihr persönlich keine frohen Ostern zu wünschen. Und solange ist es allerdings auch an ihr zu erkennen, dass sie noch in einer Wertegemeinschaft lebt, die christliche Wurzeln hat und dass sie auf längere Zeit hin auch dies tolerieren muss.

Über Christian Spliess

Der selbstständige Journalist und Social Media Redakteur Christian Spließ begleitet Unternehmen und Organisationen bei der erfolgreichen Umsetzung von Social Media Kampagnen. Christian Spließ ist einer der Social Influencer in NRW - vor allem über Twitter und Facebook.

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