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Die zersplitternde Gesellschaft – beängstigend 1

Wenn wir uns die Posts und Diskussionen in sozialen Netzwerken anschauen, erleben wir, wie sich die einzelnen Gruppierungen immer weiter zersplittern. Ich habe gestern bei Facebook zwei Beiträge gepostet, von denen ich hoffte, dass diese Gräben füllen könnten und Vorurteile aufweichen. Der Eine ist ein Beitrag von Dieter Nuhr, der sich mit der Definition und dem Auftrag von „Wissenschaft“ auseinandersetzt, der andere ein persönlicher Erfahrungsbericht einer gebildeten, weltoffenen Bürgerin (und Freundin aus Hamburg von mir), die am Samstag durch Zufall in die Anti-Corona-Beschränkungen-Demo in Berlin geraten war. Die Kommentare unter den Posts haben mich so traurig gemacht, dass ich durch eine kleine Depression gegangen bin. Ich muss mich entscheiden: Angriff, Flucht oder Lieben?

Die Zersplitterung der Welt

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Die Corona-Pandemie und deren Konsequenzen führen dazu, dass das Zusammentreffen mit anderen Menschen seine Selbstverständlichkeit verloren hat und ständig bewertet werden muss. Abstandsregeln, lauernde Beobachtung anderer Menschen, Entscheidungen für oder gegen Kontakte im haptischen Leben, Strafen und Einschüchterungen… Was für ein riesiges, globales Experiment mit der Spezi Mensch!

Wären wir Laborratten…

Wenn wir uns unsere globale Corona-Herausforderung als Versuchslabor mit Ratten vorstellen, wird es vielleicht leicht zu verstehen, warum sich die Menschen so stark zersplittern. Corona macht uns Angst.

Viele Menschen suchen sich kleine, überschaubare und Sicherheit vermittelnde Gruppen in denen sie sich so verhalten, dass man innerhalb dieser Gruppen akzeptiert wird. Ausgestoßen zu werden liegt immer im Bereich der Möglichkeiten, da es sich bei Corona um ein existenziell bedrohliches Problem handelt: Kleinste Fehlverhalten einzelner Gruppenmitglieder können dazu führen, dass es zu Masseninfektionen und Toten kommt.

Andere Menschen wiederum schließen sich Gruppierungen an, die meinen, mit dem Virus leben zu können und die bereit sind, gesundheitliche Risiken einzugehen. Sie nehmen die Regeln nicht so genau und sind geselliger als die Zurückgezogenen. Diese „Unbekümmerten“ sind natürlich eine permanente Bedrohung für die „Vorsichtigen“ – und was für eine!

Von Corona in die weite Welt

Rund um diese beiden großen Gruppierungen entstehen viele weitere Gruppierungen bzw. radikalisieren sich. Rechte, Linke, Rassisten, Menschenfreunde, Planetenretter, Unterdrückte, Gläubige, Profiteure, Kriminelle… Die Leitmedien und alternativen Medien tun das ihrige dazu durch die Publikation und Verbreitung von unterschiedlichsten Zahlen, Daten, Fakten, Interpretationen und Appellen – wie soll man sich da durchfinden!

Gesinnunsgpolizei

Da ich den chinesischen Künstler und Dissidenten Ai-Weiwei sehr verehre, habe ich mich auch mit dem Schicksal seines Vaters beschäftigt, der als Intellektueller von der maoistischen Gesellschaft so lange gedemütigt, gequält und umerzogen wurde, bis er ein gebrochener Mann war. Das hat mich tief getroffen. Der arme Sohn! Er wollte seinen Vater retten, musste hilflos zusehen, wie er zerbrach – und versucht bis heute, dieses Unrecht zu vergelten. Ich kann ihn so gut verstehen.

Bei Facebook kommt es mit manchmal vor, als würden wir uns alle gerade in maoistische Gesinnungspolizisten verwandeln. Genau so habe ich es bei Ai-Weiwei verstanden: Man schreit die Unerwünschten nieder, schüttet Häme und Verachtung über ihr Haupt, zwingt sie zu öffentlichen Selbstbeschuldigungen – oder dazu, ihre Werke selbst zu vernichten.

Wir brauchen Nadel und Faden – werft Hammer und Schere weg

Bild von waldryano auf Pixabay

Was ich mir wünsche ist, dass wir lernen, rücksichtsvoll und zugewandt miteinander zu kommunizieren. Dass wir jeden Menschen für gleich wertvoll erachten, gleich welcher Gesinnung er ist. Dass wir gemeinsam nach gemeinsamen Zielen suchen (im Grunde wollen wir ja sowieso alle ungefähr das Gleiche) und gemeinsam nach Lösungen für unsere Sehnsüchte fahnden: Frieden, Liebe, Anerkennung und ein verlässliches finanzielles Auskommen.

Evas Gesinnung meldet sich zu Wort

Meine Gesinnung ist so wankelmütig und labil wie ein Fähnchen im Wind. Es kann sein, dass ich innerhalb von Minuten meine Meinung zu politischen Systemen, zu einzelnen Politikern, zu den dringendsten sozialen Herausforderungen und zu Rettungsmaßnahmen für unseren Planeten ändere. Erhalte ich neue, für mich schlüssige Informationen, die ich bisher nicht hatte (oder die ich in meiner Informationsflut übersehen hatte) kann es sein, dass ich plötzlich eine ganz andere Bewertung vornehme.

Mag ja sein, dass ich da ein bemitleidenswerter Einzelfall bin und dass andere Menschen ihre Meinungen sehr selten anpassen, doch ich bin froh, dass es so ist bei mir. Gerade wenn ich etwas negativ bewertet habe, bin ich jedes Mal dankbar, wenn ich meine (Vor-) Urteile über Bord werfen kann, weil ich ergänzende Informationen erhalte. Zum Beispiel das Interview von Tilo Jung mit dem Wirtschaftsweisen Achim Truger hat bei mir zu einer völligen Neubewertung der Wirtschaftsweisen geführt. Was für ein toller Mann!

Der werfe den ersten Stein…

Selbst bei meinem Lieblingsthema „Ich respektiere alles, außer wenn ein Stärkerer einen Schwächeren quält“ muss ich eingestehen, dass mir das Schicksal von Tieren völlig egal ist, wenn ich Hunger auf Fleisch habe. Oder dass es mich eiskalt lässt beim Shoppen, dass viele meiner gekauften Produkte unter unmenschlichen Bedingungen produziert und vertrieben wurden. Ich bin bigott! Ich habe definitiv mein Recht, andere Menschen zu steinigen, eingebüßt. Keine Chance.

Lasst uns doch versuchen, bei Facebook und Co nicht den ersten Stein zu werfen. Das wünsche ich mir soooooo sehr! Aufeinander zugehen, mit Worten und Emojis lächeln, Liebe und Respekt verschwenden wie Kamelle zur Karnevalszeit.

Wer Bürgerkrieg will, lebt gerade in einer super Zeit. Wer Bürgerkrieg fürchtet, sollte mitmachen. Love and Peace sind das Einzige, was gegen Hass und Krieg hilft. Da bin ich mal wirklich ganz sicher…

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

2 thoughts on “Die zersplitternde Gesellschaft – beängstigend

  1. Guter Artikel, Eva!
    Regt wie fast immer zum Nachdenken an!
    Das Interview von Tilo Jung mit Achim Truger hat mir auch gut gefallen (wie so ziemlich alle Interviews von Tilo).

  2. Oh liebe Linda, weißt gar nicht, wie sehr ich Dich als „Kritik-Autorität“ ansehe und auch fürchte. Ich bin so liederlich und fast „trotzig“ in meinem Umgang mit Natur und kosmischer Pflege. Und bin froh, wenn Du mich ein bisschen so akzeptieren kannst, wie ich bin. Danke liebe Linda! Wir schaffen das <3

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