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Fehlende Netzneutralität gefährdet Digitalisierung und Gesellschaft 0

Mit dem Begriff Netzneutralität bezeichnet man den diskriminierungsfreien Zugang zu Datennetzen sowie die Gleichbehandlung von Daten bei der Übertragung. Dieses Gebot wird auch in Deutschland seit einigen Monaten immer weiter aufgeweicht. Aktuellen Anlass darüber zu schreiben, liefert die US-Telekommunikations-Aufsicht FCC mit ihren Plänen eben diesen Grundsatz aufzugeben.

Warum diskutiert man überhaupt darüber und macht es nicht schon lange so, wie es die FCC jetzt umsetzen möchte? Was ist an der Netzneutralität so wichtig? Wo wird sie heute bereits aufgeweicht und welche Beispiele gibt es dafür, dass fehlende Netzneutralität schlecht ist? Diese Fragen möchte ich in diesem Artikel beantworten.

Netzneutralität abschaffen. Warum?

Diese Frage könnte man sich stellen, wenn man davon ausgeht das die Datennetze heute grundlegend für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft sind. So wie wir in anderen Lebensbereichen darüber diskutieren wie schädlich und schlimm Diskriminierung ist, sollte es doch auch im Falle des Zugangs zu Datennetzen sowie des Transports von Daten vollkommen logisch erscheinen, dass hier keine Diskriminierung stattfinden darf.

Dazu gibt es aber tatsächlich unterschiedliche Meinungen, die ich hier zum besseren Verständnis der Diskussion ganz kurz darlegen möchte:

Position 1: Effizienz beim Datentransport sichern

Telekommunikationsanbieter wie die Deutsche Telekom oder Vodafone stehen vor einer großen Herausforderung. Die Menge an im Internet gespeicherten, heruntergeladenen und verschobenen Daten steigt stetig rasant an. Es ist absehbar, dass die Kapazitäten der aktuellen Datennetze sowie der dazugehörigen Infrastruktur nicht ewig ausreichen wird.

Also müssten, um die Netzneutralität zu erhalten und alle Daten vollkommen gleichberechtigt zu behandeln, die Netz immer weiter ausgebaut werden. Das kostet Geld. Geld das diese und andere Anbieter nicht ausgeben möchten, weil sie befürchten die Kosten nicht wieder einzuspielen oder auch nur geringere Gewinne zu verbuchen.

Deshalb sagen viele Telekommunikationsanbieter, dass es doch wesentlich effizienter sei, Daten mit unterschiedlicher Priorität zu behandeln. Wichtige Daten werden schneller übertragen, weniger wichtige eben langsamer. Das würde dazu führen, dass Netzkapazitäten den Datenmengen länger standhalten und nicht so schnell umfangreich ausgebaut werden müssten.

Position 2: Verhindern das die Großen den Kleinen Steine in den Weg legen

Kritiker der Abschaffung wiederum sagen, dass eben dies nicht geht. Denn wer entscheidet letztendlich welche Daten wichtig und welche weniger wichtig sind? Nach den Plänen der FCC entscheidet unter anderen das Geld darüber. Wer also für den Transport seiner Daten mehr zahlt, der stellt sicher das diese schneller zum Ziel gelangen.

Klingt doch erst einmal ganz fair. Oder?

Kritiker (und zu denen gehöre ich) sehen das etwas anders. Sie argumentieren, dass dies unter anderem dazu führen würde, Innovation zu behindern. Beispielsweise könnte der Betreiber einer großen Videoplattform mit viel Geld dafür sorgen, dass seine Inhalte schneller transportiert würden. Kleinere, neue Anbieter hätten keine Chance ihre Inhalte gleichberechtigt transportieren zu lassen, weil ihnen das Geld fehlt.

Dies würde dazu führen, dass große Anbieter kein Geld in Innovationen investieren, sondern lediglich für den schneller Transport zahlen. Kleine Anbieter könnten sich trotz vorhandener innovativer Entwicklungen niemals durchsetzen, da potentielle User naturgemäß immer den Anbieter wählen der ihm Inhalte schneller und zuverlässiger liefert.

Ein weiteres Argument ist ein eher politisches. Die Freiheit des Internets hat in den letzten Jahren vielfach dazu geführt, dass politische Entwicklungen überhaupt von statten gehen konnten. Wenn nun einige wenige wohlhabende Organisationen in der Lage wären, eigene Inhalte schneller und mit höherer Priorität übertragen zu lassen, würden eher kleine und frische Organisationen, die einen politischen Wandel herbeiführen oder auch nur ihre Meinung zu einer Diskussion beitragen möchten benachteiligt.

Anhand dieser beiden Positionen lässt sich gut erkennen, welche Interessen Vordergründig zu einer Befürwortung oder Ablehnung der Abschaffung von Netzneutralität führen.

Wo wird die Netzneutralität schon heute verletzt?

In Deutschland

Vodafone und die Deutsche Telekom bieten in ihrem Mobilfunknetzen Tarifoptionen an, die dazu führen das Daten die von bestimmten Diensteanbietern stammen, nicht vom monatlichen Inklusivvolumen abgezogen werden.

Anhand des Beispiels Deutsche Telekom wird sogar noch eine weitere Gefahr deutlich, die bei Abschaffung der Netzneutralität besteht. Mit der von der Deutschen Telekom angebotenen kostenfreien Tarifoption wird Kunden bei Nutzung des mobileTV der Telekom kein Datenvolumen abgezogen. Nutzt man aber als Telekom Kunde, andere Anbieter mobiler TV Angebote, werden die Daten vom Inklusivvolumen abgezogen und ich brauche am Ende des Monats ggf. eine teure Zusatzleistung um mit hoher Geschwindigkeit weiter surfen zu können. Dieses Angebot gilt auch für einige Partnerunternehmen der Telekom.

Wohin diese Vorgehensweise führt, ist relativ klar: Die Telekom als Unternehmen entscheidet, welche Angebote Vorteile im Wettbewerb erhalten und setzt diese mit dem Einsatz von Technik und dem Bruch der Netzneutralität durch. Nur wer sich mit der Telekom gut stellt, erhält in deren Netz diese Bevorzugung. Wie man sich mit einem Konzern „gut stellt“ ist wahrscheinlich auch jedem klar. Man unterstützt mit Geld oder anderen Leistungen dessen positive wirtschaftlich Entwicklung. Dies reicht übrigens bis hin zu Gedanken, diese „Leistung“ Startups anzubieten um ihnen den Markteinstieg zu erleichtern und im Gegenzug Anteile von diesen Unternehmen zu erhalten, die irgendwann einmal sehr viel Geld wert sein könnten.

Portugal

In Portugal dreht ein Mobilfunkunternehmen den Spieß um und verlangt für bestimmte Daten einfach mal mehr Geld von den Kunden. Das Inklusivvolumen gilt dann nur für normales Surfen und wer zum Beispiel gerne per Whats App Chatten möchte oder Facebook auf dem Handy nutzt, zahlt jeweils 4,99 € im Monat zusätzlich.

MEO Angebotsseite per Google Translate übersetzt

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Nicht nur das Kunden so in zusätzliche Tarifbestandteile gezwungen werden ist dabei schlimm. Auch die Tatsache, dass neue Anbieter es neben der Herausforderung überhaupt Kunden zu gewinnen nun auch noch irgendwie in diese Tariflandschaft gelangen müssen. Das benachteiligt wieder kleine innovative Anbieter und stärkt den großen etablierten den Rücken.

Darum ist Netzneutralität wichtig!

Einige Punkte habe ich schon aufgeschrieben. Ich möchte trotzdem noch einmal darauf eingehen und andere Punkte hinzufügen.

  • Fehlende Netzneutralität benachteiligt Kunden. Das ist am Beispiel aus Portugal gut zu erkennen.
  • Fehlende Netzneutralität verhindert Innovationen. Große etablierte Unternehmen können sich mit Geld eine Art Schutz vor kleinen innovativen Startups kaufen, den diese sich nicht leisten könnten.
  • Fehlende Netzneutralität schadet der Demokratie. Denn die Möglichkeit, bestimmten Inhalten Vorrang einzuräumen widerspricht dem Grundsatz der freien Meinungsäußerung.
  • Fehlende Netzneutralität behindert den Breitband Ausbau. Denn wenn Telekommunikationsanbieter durch die Diskriminierung von Daten, Ihre Kapazitäten aus ihrer Sicht optimaler nutzen könnten, gäbe es keinen Grund mehr für einen schnellen Ausbau der Kapazitäten.

Seht ihr noch weitere Gründe die für den Erhalt der Netzneutralität sprechen? Die Kommentare stehen offen. Oder schreibt mir eine eMail an d.arntjen@kmu-digital.net.

 

Über Dennis Arntjen

Als Vertriebsspezialist, Social Media Kenner und Experte des digitalen Wandels schreibt Dennis Arntjen jede Woche Beiträge rund um die Digitalisierung des Mittelstands. Gemeinsam mit Eva Ihnenfeldt leitet Dennis Arntjen das Unternehmernetzwerk KMU Digital. Dort ist er verantwortlich für die Mitgliederbetreuung, den Vertrieb sowie verschiedene Themen rund um die Organisation von Veranstaltungen.

One thought on “Fehlende Netzneutralität gefährdet Digitalisierung und Gesellschaft

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