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Gesichtserkennung für Jedermann? Mit PimEyes Menschen stalken 0

Gesichtserkennung im öffentlichen Raum wird immer selbstverständlicher. Doch mit dem polnischen StartUp PimEyes können nicht nur Behörden und/ oder Unternehmen auf entsprechende Software zurückgreifen sondern auch Menschen wie Du und ich. Du findest Jemanden in einem Cafe oder auf der Straße spannend? Foto mit dem Smartphone schießen und bei PimEyes eingeben – und mit etwas Glück findest Du persönliche Daten von dem/der Objekt Deiner Neugierde.

Bild von Free-Photos auf Pixabay 

OK, ich habe das Programm gerade mit meinem eigenen Gesicht ausprobiert, und die Ergebnisse sind eher erschütternd als überzeugend. Lauter brillentragende Omis aus der ganzen Welt wurden mir bei den 72 Bild-Ergebnissen präsentiert. Nur zwei Bilder waren wirklich von mir – beide aus YouTube-Videos. Aber das ist relativ egal – Alle Algorithmen haben mal klein angefangen…

Vom Überwachungskapitalismus zum Verhaltenskapitalismus?

Das Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ der Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff erfährt zu Recht seit Erscheinen im Oktober 2018 viel Aufmerksamkeit. Aus dem lästigen, persönlichen Datenüberschuss in der ersten Zeit des digitalen Wandels ist schon längst Gold geworden. Wir werden gefunden, analysiert, in Verhaltensschubladen eingeordnet und dementsprechend mit Inhalten bespielt. In der Regel sind diese Inhalte Werbeanzeigen oder auf uns zugeschnittene Angebote wie bei Netflix oder Spotify.
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Von der Analyse zur Konditionierung

Verhaltenskapitalismus ist also eine Steigerung der Analyse unseres Verhaltens. Es geht darum, uns über Manipulationen hinzuleiten zu einem vom Absender gewünschten Verhalten. Den Konsumenten in uns anzusprechen, ist mit Abstand die häufigste Zielsetzung, doch Corona zeigt jedem Einzelnen, wie anfällig wir sind für neue Überzeugungen und/ oder Verhaltensmuster.

Mag es klassische Konditionierung sein (auf einen natürlichen Reiz wie „Appetit“ wird ein neutraler Reiz wie „Supermarktmarke“ hinzugefügt – und wir verbinden die Kette mit Genuss) oder operante Konditionierung (ein von uns ausgeführtes Verhalten wird mit einer von außen zugefügten Reaktion belohnt oder bestraft) – wir sind biologische Wesen und niemand von uns ist frei davon.

Selbstbeobachtung bei Corona-Medienkonsum

Was ich bei mir in den letzten Monaten der Corona-Pandemie erstaunt festgestellt habe ist, wie sehr meine Bewertung der Gefahr von der Medienberichterstattung abhängig ist. Mal wird die Gefahr als gering eingestuft, mal als bedrohlich, mal bin ich stolz auf unsere Politik in Deutschland, mal völlig enttäuscht…

Fakt ist, ich habe kein fundiertes Wissen, das mich zu einer objektiven Bewertung qualifiziert – ich habe nichts als das Medienguckloch, das mich manipuliert – auch wenn die Redaktion das vielleicht nicht einmal beabsichtigt.

Vielleicht sollten wir uns alle gerade jetzt einmal besonders intensiv beobachten dabei, wie unser Wertesystem (emotionale Zuwendung bzw. Ablehnung) auf von außen kommende Eindrücke reagiert. Denn eins ist klar, es bleibt schon längst nicht bei der Überwachung – die experimentelle Verhaltensmanipulation ist im Marketing bereits Alltag und wird ständig auf neue Standards gehoben.

Wenn unsere Nächsten uns stalken können…

Wenn tatsächlich nicht nur Unternehmen und Behörden, sondern auch all unsere Mitmenschen dabei mitmischen können, unsere Nächsten zu identifizieren und zu beeinflussen (wie wir es ja in den sozialen Netzwerken ständig beobachten) werden wir auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen verändern müssen.

Leiten uns Vertrauen oder Misstrauen? Wollen wir stalken oder gutmütig geschehen lassen? Schränken wir unser Verhalten aus Sorge um Nachteile ein oder lassen wir alle Schranken fallen nach dem Motto „Jetzt erst recht“. Drehen wir womöglich durch, weil wir uns ständig beobachtet und bedroht fühlen von allen Seiten?

Politik und Justiz als rettende Instanzen?

Politisch wird überlegt, das StartUp PimEyes mit seinem Gesichterkennungsprogramm für Jedermann zu verbieten. Google und Co gehen juristisch gegen das Angebot vor, da PimEyes Content der Digital-Giganten verwendet für die Ergebnissuche. In der Zwischenzeit fordert PimEyes nur noch dazu auf, das eigene Gesicht hochzuladen, um dem Vorwurf der Stalker-Software zu entkommen.

Doch es ist wie immer bei der technischen Innovations-Schraube – schlägt man einen Kopf des Ungeheuers ab, wachsen mehrere nach. Hätten wir keine so vorbildliche Justiz, könnte man auf Dauer wohl überhaupt nichts gegen diese Erweiterung der Überwachung im öffentlichen Raum tun.

Das Wunder einer menschlichen Transformation?

Ich wünsche mir von Herzen, dass wir Menschen endlich verstehen, dass wir Brüder und Schwestern sind und das niemand von uns „besser“ oder „schlechter“ ist. Was nicht heißt, dass wir kriminelles Verhalten geschehen lassen – sondern dass wir den Menschen hinter seinem unsozialen Verhalten und den daraus folgenden gesellschaftlichen Konsequenzen als Mensch achten.

Wir brauchen eine Transformation des Zusammenhalts, des Respekts und der emotionalen Wertschätzung füreinander. Sonst befürchte ich eine Dystopie, gegen die Orwells Schreckensvision wie aus der Steinzeit erscheint. Ja, wir sind alle manipulierbar. Wir haben keine andere Wahl, als mit Bewusstsein und Mitgefühl zu einem friedlich freundlichen Weg zu kommen. Sonst sehe ich kohlrabenschwarz…

Netzpolitik über das polnische StartUp PimEyes

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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