Bedingungslose Selbstliebe: Ein Brief an Dich selbst

Zwischen bedingungsloser Selbstliebe und narzisstischem Wahn liegt ein schmaler, bedeutungsvoller Grat. Führt bedingungslose Selbstliebe dazu, alles Wahrnehmbare um sich herum lieben und achten zu können, führt die narzisstische Verblendung („es gibt nur Einen, auf den ich mich verlassen kann – und das bin ich selbst“) dazu, die wahrnehmbare Welt zu unterteilen in „Nützliches“, „Wertloses“ und „Schädliches“. Schwer ist es, zu Güte und allumfassender Versöhnung zu kommen – doch es gibt Wege wie diesen: Ein Liebesbrief an Dich selbst. Hier die Anleitung.

Ein Liebesbrief an mich selbst

Stelle Dir vor, Du seist Deine eigene Mutter oder Dein eigener Vater. Du lebst weit entfernt von Deinem Kind, kannst es nicht besuchen und kannst nicht mit ihm sprechen. Es ist wichtig, dass Du Deinem Kind mitteilst, wie sehr und wie bedingungslos Du es liebst. Vielleicht weil Du bald sterben musst – oder weil Ihr Euch im Streit getrennt hattet.

Und so setzt Du Dich hin und schreibst einen Brief. Du weißt wie wichtig es für Dein Kind ist, sich der Liebe der Mutter oder des Vaters bewusst zu sein. Dieser Segen ist Schutzschild, Werkzeug, Medizin – und auch Waffe, wenn das Leben es erfordert. Dein Wunsch ist es, Dein Kind zu stärken und es zu erfüllen mit dem Glauben an sich und an die Richtigkeit seiner wahrnehmbaren Welt.

Du schreibst diesen Liebesbrief als Du selbst in Deiner Mutter- oder Vaterrolle. So wie wir mit unserem inneren Kind kommunizieren können, können wir auch mit unserer inneren Elternpersönlichkeit kommunizieren. Wir selbst sind es – nicht unsere leiblichen Eltern.

Mein Beispiel: „Liebesbrief an mich selbst“

Um an den Punkt zu kommen, mir selbst einen mütterlich-/väterlichen Liebesbrief zu schreiben, habe ich zunächst Liebesbriefe an meine Kinder geschrieben. Auch an meine Eltern habe ich vor geraumer Zeit ähnliche Liebesbriefe geschrieben – also aus der Perspektive einer liebenden Instanz, die sie in ihrer Kindlichkeit und Verletzbarkeit beschützt und begleitet.

Nun fühle ich mich bereit, auch mir selbst so einen elterlichen Liebesbrief zu schreiben. Das ist nämlich die schwerste Aufgabe, da wir heute lebenden Menschen mehr oder weniger mit Versagergefühlen bzw. Schuldgefühlen beladen sind. Die Einen haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein aus ihrer Leistung heraus – die Anderen haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein aus ihrem Charakter heraus.

Eine Lehrerin von mir sagte einmal „In Jedem von uns leben zugleich ein Heiliger und ein Verbrecher“. Und das ist wohl so. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wollen wir uns selbst bedingungslos lieben wie es ein/e bedingungslos liebende/r Mutter oder Vater tut, lieben wir auch unsere Schattenseiten. Das habe ich versucht, in meinen elterlichen Liebesbrief an mich selbst zu berücksichtigen und mit einzubinden.

Versuche es einfach einmal! Und denke daran: Übung macht den Meister. Schreiben liegt natürlich nicht Jedem. Du kannst auch genauso gut über das Diktiergerät am Handy mit Dir selbst in Deiner elterlichen Rolle kommunizieren. Frage Dich selbst: „Sag mal, warum liebst Du mich eigentlich“ und höre Dir selbst beim Sprechen zu. Übrigens ist diese elterliche Rolle das, was einige Menschen als ihren Schutzengel wahrnehmen. Oder als personifizierten Gott. Du hast also die Wahl. Ich fand es schön, einen Brief meines innerlichen Eltern-Ich’s zu lesen. Ich werde diesen ausdrucken und zur Hand nehmen, wenn mich wieder einmal Selbstzweifel und Ängste niederdrücken. Hier also mein elterlicher Liebesbrief an mich selbst:

Liebe Eva-Maria,

Ich liebe Dich, weil Du genauso bist wie Du bist. Als Du zur Welt kamst, brachtest Du die Fähigkeit mit einer Primaballerina, die als weißes Wesen auf schwarzer Bühne tanzt – allein und geborgen in der Bewunderung des staunenden Publikums. Du warst von Anbeginn an sowohl menschenscheu und schüchtern – als auch Mittelpunkt der Menschen, die Dir Aufmerksamkeit geben. Dein Leben war und ist eine Gratwanderung zwischen diesen Extremen.

Solange Du Kind warst, war es immer meine Aufgabe, Dich zu beschützen und Dir geistiger Korrekturgeber zu sein. Kamst Du vom Wege ab und hast Dich verirrt in der einen wie anderen Richtung, so sorgte ich für Umstände, die Dich empfänglich machten für Wendungen Deines Weges. Als Du klein warst, waren wir unentwegt im Dialog – je älter Du wurdest, desto unabhängiger wurdest Du von mir als „Erzieher“, desto besser lerntest Du, aus Inspirationsquellen Deine Hinweise zu verstehen.

Liebes Kind, ich bewundere Deine unablässige Selbstdisziplin in Deinem Bemühen, Deinen beiden Zielen immer näher zu kommen. Zum Einen dem christlichen „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ und zum Anderen dem selbstbezogenen „Wie man sich bettet, so liegt man – und wenn einer tritt, dann bin ich das…“. Heute bist Du so weit, verstanden zu haben, dass nur die bedingungslose Liebe zu sich selbst zur bedingungslosen Liebe zu allem Wahrnehmbaren führt.

Deine Ziele sind keine Gegensätze – Deine Ziele bedingen einander. Auch das ist ein weiterer Schritt auf Deinem Weg – aber noch lange nicht das Ende der Reise. Ich verspreche Dir, dass ich Dich nie verlassen werde und dass Du weiterhin all die Hinweise erhältst die Du brauchst, um der Auflösung des Rätsels entgegen zu gehen.

Ich weiß, dass Du den Fleiß und die Beharrlichkeit in Dir trägst, nicht darin zu erlahmen. Ich weiß, dass Du genügend Eigenliebe hast, um für Dich und Deine Bedürfnisse zu sorgen. Ich weiß, dass Du genügend Fähigkeiten und Potenziale hast, um gut zu sein für das, was Du in dieser wahrnehmbaren Welt ersehnst.

Bleib wie Du bist kleine Primaballerina, bleib wie Du bist, scheues Waldwesen, lebe weiter nach Deinem Prinzip „Ora et labora“ und sei gewiss: Ich liebe Dich über alle Maßen und bin Dir Schild, Licht und Korrektur Dein Leben lang.

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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