Gibt es das Böse? So wie es das Gute gibt?

Wir leben in einer Zeit, in der in den Medien ausufernd über die moralische Pflicht debattiert wird, dem Bösen entschlossen entgegenzutreten und das Böse (in Person des russischen Präsidenten und seiner Gefolgschaft) niederzuringen. Ich bin also gezwungen, mich mit der Frage auseinanderzusetzen. Gibt es das Böse? Woran erkennt man das Böse? Unterscheidet Menschen von Tieren, dass sie böse sein können?

In Abständen kommt bei mir immer wieder die Frage auf „Gibt es das Böse losgelöst von Umständen, die einen Menschen zum Bösen zwingen? Gibt es das Böse als eigenständige Energie – so wie es das Göttliche gibt?“ Oder auch: Gibt es eine tiefliegende Wahrheit in Religionen?

Mein Vater, Jahrgang 1927, hat mir gesagt, dass viele Täter im Nationalsozialismus durchaus aus liebevollen Elternhäusern und unbelasteten Kindheiten stammten. Sie waren nicht böse, weil sie schreckliche Traumata kompensieren mussten – sie hatten einfach Freude daran, Macht über Menschen, Menschengruppen und ganze Kulturen zu haben, diese quälen zu können und nach Belieben zu unterwerfen und zu ermorden. Sie erlebten Befriedigung dabei – einfach nur so.

Bild von Alexa auf Pixabay 

Der Lustrausch am Bösen

Bei dieser erschreckenden Vorstellung denke ich sofort an Sex. Man fängt harmlos an, sucht Impulse zur Luststeigerung – und landet, zack, im Sadismus. Als ich 2004 eine ZDF- Dokumentation über die mächtigen Eliten hinter dem belgischen Kinderschänderring-Täter und Mörder Marc Dutroux sah (unten eingebettet), konnte ich nicht fassen, dass sich ein schützendes Netzwerk aus Politik und Behörden um den Pädophilenfolterring zog, so dass die Wahrheit nie aufgedeckt werden konnte.

Sicher waren und sind auch diese mächtigen Mitglieder der Oberschicht nicht unbedingt Opfer schlimmer Kindheiten – einige haben sich nur immer weiter in eine Sucht aus Lust, Macht, Bruderschaft, Status und Gier hineingesteigert. Sie hatten es ganz einfach genossen, sich an der Angst und Qual von Kindern zu berauschen – und Herr über Leben und Tod zu sein.

Das Böse: Wer ist wie Gott?

Auch sadistische Einzeltäter berichten davon, wie berauschend es ist, sich gottgleich zu fühlen. Und so wird in Religionen das „Böse“ definiert: „Die Begierde, Gott gleich zu sein“.

Ok, lasse ich mal so stehen. Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben, weil das Böse (in Form einer Schlange) ihnen versprach, sie könnten nach dem Genuss vom Baum der Erkenntnis Gott gleich sein. Wären sie der Empfehlung nicht gefolgt, würden sie wohl noch heute dumm, aber glücklich in Frieden mit Löwe und Lamm im Garten Eden lustwandeln.

Das Böse ist Genuss

Schrecklich, sich die Untaten des Bösen vorzustellen, wenn diese einfach nur aus Lust und Machtsteigerung geschehen, einfach nur aus diesem „weil ich es kann“. Und doch würde ich nicht gern tauschen mit Adam und Eva im Love&Peace-Lustgarten. Immer nur das Gute? Immer nur vereinende Liebe, die keinen Hader kennt, keinen Schmerz und keine Sünde?

„Das Böse ist immer und überall“

Auch wenn sicher nicht jeder von uns in der Lage wäre, durch geeignete Umstände zum Sadisten aus hochgezüchteter Lustbefriedigung zu werden, sind nicht nur Religionen davon überzeugt, dass in jedem Menschen auch das Böse lebt. Oder wie meine Pädagogik-Dozentin sagte „In jedem Menschen lebt ein Heiliger und ein Verbrecher“.

Macht und Aggressivität

Um Macht zu erhalten und zu erweitern, braucht man ein überlegenes aggressives Potential. Macht ist gleichzusetzen mit Siegen im Krieg. Doch anstatt diese Energie in physisch ausgetragenen Schlachten auszuleben, bleiben bei Schreibtischgenerälen nur körperliche Aktivitäten und andere Leidenschaften, um die überschüssige Aggression abzubauen – und es bleiben Fantasien, in denen man Wut, Kampf und Kränkung ausscheiden kann. Diese Gewalt-Phantasien sind oft an Sexualität gekoppelt.

Ist das Böse männlich?

Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Gewalt-Straftätern ist beeindruckend. Über 80 Prozent der Gewaltstraftaten werden von Männern begangen. (Deutschlandfunk). Doch das muss nicht heißen, dass wir Frauen eher dem Guten zugeneigt sind als Männer.

Die Freude an Macht und dem Genuss, Schwächere leiden lassen zu können, finden sich auch in Zusammenhängen, die nicht strafrechtlich verfolgt werden. Mobbing in Schule und Beruf, psychische Gewalt gegenüber Kindern und Pflegebedürftigen, Gewalt gegenüber Untergebenen oder dem unterlegenen Partner, Freude an der Täterschaft im System – auch wir Frauen wissen, was der „Verbrecher in uns“ mag. Auch wir können Böses tun.

Definition des Bösen

Das Böse kann eine Art Rache für erfahrene Kränkungen sein, aber auch ein Lustrausch wie bei einer Drogensucht. Das Böse kann auch zu handfesten Vorteilen führen, sowohl materiell als auch gesellschaftlich, wenn es in das System passt, in dem man lebt.

Was können wir tun?

Erst einmal sollten wir uns bewusst machen, dass auch in uns „ein Heiliger und ein Verbrecher“ leben. Und wir sollten uns bewusst machen, dass der „Böse“ in der Regel fest davon überzeugt ist, mit seinen Taten etwas Rechtmäßiges und „Gutes“ zu tun. Reue ist eher selten.

Der Schrei nach Liebe

Letztendlich ist die Freude am Quälen häufig eine Kompensierung von Kränkungen. Auch die Mächtigen mit den liebevollen Kindheiten können über sadistische Leidenschaften ihre Kränkungen abbauen. Auch die Familienmütter und -väter, die ihre Familien quälen, nutzen ihr Ventil für selbst erlittene Demütigungen und Kränkungen und fühlen sich im Recht bei ihren Taten. Reue findet man selten, sagt der Gerichtspsychiater Reinhard Haller: „Das ganz normale Böse“.

Langweiliger Himmel oder spannende Erde?

Ja, ich liebe das Leben in der Dualität – trotz Alledem und Alledem. Ja, ich wünsche mir, Opfer zu schützen und Taten verhindern zu können. Ja, die Vorstellung, dass Täter einfach nur Freude am Bösen haben, ohne selbst durch die Hölle gegangen zu sein als Kind, macht mich fassungslos.

Und doch weiß ich, auch ich bin FiftyFifty positiv und negativ geladen. Das Böse ist immer und überall, sang die „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Das Leben in Freud‘ und Leid, in Wohlsein und Schmerz, in Erfolg und Niederlage hat nun Mal beide Pole: das Positive wie das Negative, das Gute wie das Böse – einfach so. Ich habe mich einverstanden erklärt – ich lebe gern.

ZDF-Dokumentation über das mächtige Netzwerk, das den belgischen Missbrauchstäter, Mörder und Kinderhändler Marc Dutroix schützt – trotz der massiven Proteste der belgischen Bevölkerung. (28 Minuten)

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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