„Community Manager“ – ein Job für Leute wie Domian?

Vor einigen Tagen schrieb mir ein ehemaliger Social Media Manager Teilnehmer, dass sich auf der Facebook Fanpage von Nivea Men eine Diskussionslawine gebildet hat, weil die Agentur, die die Fanpage betreut (oder die Nivea-Abteilung „Community-Management“), ein Bild von einem Mann mit Vollbart gepostet hat mit dem Spruch: Gentlemen, der #‎Movember‬ beginnt! Also ran an die Klingen und ab mit dem Winterpelz. Damit alles glatt geht, helfen unsere Produkte euch natürlich dabei.“ Neben vielen Fotos von Fans mit Vollbart gab es auch viele Kommentare, die empört waren, dass die Movember Foundation (Spenden sammeln und sich im November nicht rasieren) so falsch und kommerziell interpretiert wurde.

Es war früher Morgen, als ich die Nachricht las, und ich scrollte langsam durch die hunderte von Kommentaren, Antworten, Bilder und Likes. Da schienen wirklich Unmengen von Männern sich für ein Thema zu ereifern, dessen Bedeutung mir einfach nicht einleuchten wollte. Der eine ist für Vollbart, der andere dagegen, der eine unterstellt Beiersdorf Tierversuche, der andere behauptet, er rasiere sich nur mit Macheten. Immer wieder natürlich Empörung gegenüber den Fanpage-Betreuern, dass sie eine Spendenaktion für Werbung missbrauchen.

call-center_manDie Community Manager der Nivea Men Fanpage bleiben freundlich, leicht devot, erklären, verstehen, entschuldigen sich, gehen vor nach dem Tonalitäts-Handbuch für Community-Manager. Die ersten (häufig gelesenen) Kommentare werden brav beantwortet, weiter unten kann sich die Gemeinde dann allein miteinander austoben, da kaum ein Fanpage-Besucher sich die Mühe macht, so weit durchzuscrollen.

Ich lese weiter auf der Fanpage. Die Liebste kommt früher zurück als erwartet – Nivea Deo schützt gegen Stress-Schwitzen. Länger schlafen ist so gut gegen Falten wie die regenerierende Nivea-Nachtpflege…. Männer kommentieren mit Herzchen, mit Emoticons, mit witzigen „Hehe’s“ und „Oh cool“. Ich bekomme so langsam Angst. Ist das die Generation neuer Männer? Oder ist diese Fanpage eine Zuflucht für eine verfolgte Minderheit von Männern, die gern Kind geblieben wären?

Und wie geht es diesen Community Managern, die den ganzen Tag von der Grafikdesign-Abteilung Bilder und Videos zur Verfügung gestellt bekommen, die sie mit passenden Sprüchen anreichern müssen? Die innerhalb weniger Stunden antworten müssen, wenn sie gefragt werden, was denn das coole Deo kostet und ob der Kopfhörer auf dem Bild auch von Nivea ist…. (Hallo …., gerne helfen wir dir weiter. Alle Gegenstände auf diesem Bild….sind leider kein Teil des…NIVEA Sortiments. Beste Grüße vom NIVEA MEN Team).

Ich frage mich, ob diese Community Manager angekettet an ihren Tischen sitzen und ähnlich wie Galeeren-Sklaven zu dieser geistlosen Konversation gezwungen werden. Oder ob sie sich irgendwelche Drogen genehmigen, um das auszuhalten. Zumindest für mich wäre es eine Vorstellung von Hölle, so arbeiten (heißt leben) zu müssen. Reden und reden und reden, ohne Sinn und Verstand, ohne Fortschritt oder Ausweg.

Ich surfe weiter auf der Suche nach Marken-Kommunikation bei Facebook. Lande sehr schnell bei Instagram – call-centerBeispiel Haribo. Fotos von Mädchen, die Gummibärchen essen und Unmengen von Kommentaren wie „Süß“, „Herzchen“, „Jamjamjam“. Meine anfängliche Angst wandelt sich langsam in Panik so früh am Morgen – ohne den ersten Kaffee und was zu essen. Haben die alle nichts zu tun? Sind das alles Freaks, die völlig vereinsamt noch mit Mitte 20 in ihrem Kinderzimmer sitzen und sich an dem Austausch von Unsinnigem mit Fremden über den Tag retten? Was gibt Einem so etwas? Glück? Geborgenheit? Das Überbrücken von Sinnlosigkeit und Langeweile?

Und dann diese vielen Community-Manager, wie viele mag es davon schon geben in Deutschland? Ich frage mich, wer freiwillig so einen Job machen könnte und diesen auch noch gern macht. Vielleicht der Typ Sozialarbeiter aller Domian, der in Allem noch den Kern des Mitgefühls entdeckt? Oder der Typ Kneipenwirt, der sich sagt, so lange die Gäste zahlen, ist mir egal, wie dämlich sie sind? Oder der Typ „Ich denke nicht, ich tue, was mir gesagt wird und suche in meiner Freizeit Ausgleich für meinen hirnlosen Job?“. Aber wenn es so viele Fans gibt, die so kommunizieren, gibt es ja sicher auch viele Jobber, die gern so kommunizieren?

OK, ich muss ja nicht da mitmachen. Ich kann ja im Social Web bestimmen, mit wem ich über was kommuniziere und warum. Ich kann als Fanpage-Administrator mehr Anspruch haben als Likes und dumme Sprüche sammeln. Ich kann Strategien entwickeln und mich auf ernsthafte Kunden, Wünsche, Fragen und Anregungen konzentrieren. Aber mal ehrlich: Stimmt es womöglich, dass wir dabei sind, in eine völlig infantile Dummwelt zu gleiten? Haben wir womöglich wieder einmal die „Büchse der Pandora“ geöffnet und ein neues Unheil in die Welt geholt?

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

3 thoughts on “„Community Manager“ – ein Job für Leute wie Domian?

  • Reply Newsletter der SteadyNews vom 10. November 2015 - Steadynews | 17. November 2015 at 08:01

    […] „Community Manager“ – ein Job für Leute wie Domian? Vor einigen Tagen schrieb mir ein ehemaliger Social Media Manager Teilnehmer, dass sich auf der Facebook Fanpage von Nivea Men eine Diskussionslawine gebildet hat, weil die Agentur, die die Fanpage betreut… […]

  • Reply Michael Grippekoven 10. Januar 2016 at 14:53

    „Typ Sozialarbeiter aller/ à la Domian“? Nein: Jürgen Domian ist echt qualifizierter Seelendoktor für echte Probleme, die Menschen bewegen. Und wenn er allen Vorgesprächen zum Trotz einen Verar…ungsanruf bekommt („Ist der Kopfhörer auch von NIVEA?“), darf er auch mal sauer sein und entsprechend antworten..!

    • Reply Eva Ihnenfeldt 10. Januar 2016 at 17:15

      Aber ich fürchte, Community-Manager (also Mitarbeiter im Kundensupport über Social Media Kanäle) müssen die Kunden auch dann noch aufrichtig respektieren und ihnen zur Seite stehen, wenn diese Fragen stellen, die auf den ersten Blick dumm erscheinen. Und sauer antworten als Dienstleister? Keine gute Idee, wirklich keine gute Idee…

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