Eva Ihnenfeldt denkt… Vom gläsernen Menschen im Social Web

Heute morgen habe ich den Newsletter von Zalando mal geöffnet (nur noch heute Winterschlussverkauf!) und war doch wirklich überrascht, wie gut mich das Online-Warenhaus schon kennt. Eva Ihnenfeldt bevorzugt Kleider und Röcke vor Hosen, sie mag folgende Farben, hat folgende Kleidergröße und folgenden Kleidungsstil. Ich gebe zu, dass das bei der Flut an möglichen Artikeln sehr praktisch ist. Doch es geht noch viel weiter! In den USA verkaufen Firmen wie LexisNexis persönliche Daten aus dem Social Web an Banken, Finanzämter, Anwälte – und wir sind dieser gläsernen Existenz tatsächlich ohnmächtig ausgeliefert…

Ich weiß noch, wie ich vor über fünf Jahren einen Artikel verfasst habe zu der Praxis von Banken, Scoring-Werte danach zu ermitteln, in welcher Straße jemand wohnt und wie er oder sie mit Vornamen heißt. Was waren das für niedliche Vorzeichen gegenüber dem, was wenige Jahre danach nun Realität ist!

Du zahlst wenig Unterhalt? Du behauptest, allein zu leben und dadurch mehr Unterhaltsansprüche zu haben? Deine Spuren im Netz verraten dem gegnerischen Anwalt, ob Du lügst – und verwendet die Indizien, um Dich zu überführen. Oder Du betrügst Deinen Partner? Dein Bewegungsprofil zeigt genau, wo Du an welchem Tag um wie viel Uhr warst – erwischt!

Du bist Unternehmer und zahlst relativ wenig Steuern? Du kaufst im Web teure Urlaube ein und exklusive Unterhaltungselektronik? Das Finanzamt vergleicht Dein Online-Shoppingverhalten (und Deine Zahlungen per EC-Karte) mit Deinen angegebenen Gewinnen und kann zielgenau Betriebsprüfungen anordnen.

Du willst einen Kredit und hast Freunde, die eher zweifelhaft sind? Du schreibst Dir mit ihnen E-Mails, in denen Du über Banken schimpfst und chattest bei Facebook mit Bekannten, dass Du einmal im Leben auch zu den Gewinnern gehören möchtest? Das wird der Bank, bei der Du den Kredit beantragt hast, nicht gefallen – kann gut sein, dass sie Deinen Antrag ablehnen – natürlich ohne Dir zu verraten, woher sie zu ihrer Entscheidung kommen.

Du bewirbst Dich um ein politisches Amt? Dann pass gut auf, was Du online tust und mit wem Du verbunden bist. Du bewirbst Dich um eine Stelle? Dann bemühe Dich, ein gutes Profil von Dir zu hinterlassen in Mails, Chats, mit Deinen Käufen, Deiner Musik, Deinen Büchern, Deinen Bekanntschaften, Deinen Fotos und anderen Hinterlassenschaften im Web, auf EC-Karte und Kreditkarte.

Du lebst Deinen Rassismus, Deine pornografischen Vorlieben und/ oder Deine psychischen Probleme unter einem Pseudonym aus? Kein Problem, Deine IP-Adresse wandert immer zuverlässig mit, bei allen Posts, Forenbeiträgen, Mails und Einkäufen.

Wie gesagt, das alles ist in den USA schon Realität, und was weltweit damit geschieht, können wir nicht wissen. Unsere Daten werden vornehmlich bei US-Firmen gesammelt und ausgewertet, und ich wüsste jetzt keinen Grund, warum sie ihre Daten nicht an deutsche Anwälte oder Banken oder Parteien und Unternehmen verkaufen sollten!

Der gläserne Mensch ist keine Fiktion mehr, er ist Realität. Und auch die Behörden werden Mittel und Wege finden, um von dem Wissen der Firmen wie LexisNexis zu profitieren – ist alles nur noch eine Frage des Preises und des daraus erzielten Gewinns. Ich persönlich ziehe daraus die Konsequenz der offenen Tür:

„Das bestgehütete  Geheimnis ist eine offene Tür“

Sollen sie alles von mir wissen – ich lebe in diesem Wissen und ich bin froh, auf diese Weise die Menschen, mit denen ich nichts zu tun haben möchte, bewusst aus meinem Leben zu entlassen. Genau so, wie ich bewusst die Themen und Orte, die ich nicht wirklich möchte, aus meinem Leben entlasse.

Ich glaube fest daran, dass die „Guten“ gewinnen, da sie begeistern und mobilisieren können – sie sind zwar nicht mächtig im Sinne von Geld und traditionellem Einfluss, doch zum ersten Mal in der Geschichte haben sie die mediale Macht durch die globale Vernetzung in Echtzeit. Also ist mein Appell: Macht keine Kompromisse mit Euren Visionen und Euren Überzeugungen, lebt offen und bewusst und verantwortungsvoll – dann bleibt vor allem der herrliche Nutzen, dass Zalando und Amazon uns unsere Lieblingsstücke vorschlägt – und uns langes Suchen erspart.

Quelle: Süddeutsche „Wie die Datensammel-Industrie hinter Facebook und Co. funktioniert“

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

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