Home / Marketing / Liebe und Sex in Zeiten des Internets: Ist es schlecht, Moral über Bord zu werfen?

Die Dating-App Tinder hat es im August 2015 geschafft, einen kleinen Skandal über Twitter auszulösen. Tinder ist im Grunde genommen ein sehr einfaches Prinzip: Junge Leute zwischen 18 und 28 (ab 28 wird Tinder deutlich teurer) laden ihr Foto dort hoch und können sich durch die Fotos anderer Tinder-Nutzer „durchwischen“. Gefällt ihnen ein Profil, wischen sie nach rechts. Hat der Andere auch Interesse, gibt es ein „Match“ und man kann sich verabreden. Man sagt, die allermeisten Tinder-Nutzer sind auf der Suche nach Sex. Die „Dating Apocalypse“ machte das US-Magazin Vanityfair zum Thema – und Tinder antwortete mit 30 wütenden Tweets und verteidigte das Dating-Prinzip. Was ist es nun, eine Gefahr für die Menschlichkeit oder ein Stück Freiheit?

Tinder: Gefahr oder Chance?

Tinder: Gefahr oder Chance?

Ich selbst bin natürlich viel zu alt, um Tinder auszuprobieren und musste mich auf viele Erfahrungsberichte als Sekundärquellen stützen, doch ich denke, ich habe das Prinzip verstanden. Junge, meist berufsorientierte Männer und Frauen wollen sich (noch) nicht fest binden, haben aber Interesse an Flirts und sexuellen Begegnungen. Sie können sich in kürzester Zeit durch hunderte von Kurzprofilen wischen, die geografisch in der Nähe sind. Verabredungen sind schnell getroffen, wahrscheinlich gibt es auch schon in vielen Großstädten Szene-Lokale, die sich als Tinder-Treffpunkte etabliert haben. Bei Gefallen kann man direkt miteinander Sex haben – oder zunächst den Kontakt behutsam vertiefen.

Für Kirchen, Regierungen und die meisten Religionen ein Schreckensszenario: Sex ohne abgesegnete Legitimation, wild durcheinander, ohne Besitzverhältnisse, Verantwortung und Reglementierungen – ist das die Zuspitzung von Materialismus in einer entseelten Welt? Gelten nur noch Aussehen und Status – und eventuell noch die Qualität als Liebhaber/in? Erinnert diese Tinder-Fastfood-Dating-Praxis an üble Science-Fiction-Visionen, bei denen die Menschen durch Brot und Spiele nur noch zu willenlosen, morallosen Untertanen werden, die wie Drogensüchtige auf der Jagd nach dem nächsten Kick sind?

In den 30 Antwort-Tweets von Tinder (die anscheinend eine gezielte PR-Aktion waren und keine spontane Gefühlswallung bestürzter Social Media Mitarbeiter) wird darauf hingewiesen, dass sich viele Bindungen aus Tinder ergeben hätten. Liebesbeziehungen, Hochzeiten, romantische Verbindungen von Menschen, die in ihren Gesellschaften wegen sexueller Orientierung unterdrückt sind – verändert Tinder die Welt und befreit von moralischer Unterdrückung?
Bericht über den Twitter-Skandal bei Twitter im STERN

 

Ich vermute, dass die Dating-App, die in Deutschland 2 Millionen Nutzer installiert haben (Tinder, 2012 gegründet, rechnet weltweit mit 100 Millionen Registrierungen bis Ende 2015) sowohl Segen als auch Fluch sein kann. Zwar ist die Identität der Nutzer Tinder in den meisten Fällen bekannt, da die Registrierung über Facebook mit seiner Klarnamenpflicht erfolgen muss, doch trotzdem gibt es genug Möglichkeiten, Tinder für unredliche oder gar kriminelle Zwecke einzusetzen. Minderjährige, die sich anbieten, Stalker, Überträger von Geschlechtskrankheiten, Schummeleien beim Alter – und die vielen Menschen, die so tun, als seien sie Singles…

Doch anscheinend hat Tinder diese Gefahren ganz gut im Griff, zumindest habe nicht nicht viel gefunden im Netz an Warnungen vor Tinder. Vor Allem ältere Männer (ab 28 wird Tinder dann immer teurer) sind wohl ein unangenehmes Phänomen, Pädophile sind z.B. auf der Suche nach Mädchen, die jünger sind als 18. Dubiose Tinder-Nutzer können natürlich bei den Betreibern gemeldet werden, das scheint gut zu funktionieren.

Die meisten Erfahrungsberichte, die ich gelesen habe, sind positiv bis begeistert. Auch junge Frauen, die auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung sind, machen erstaunlich gute Erfahrungen im Vergleich zu Singlebörsen wie Parship & Co. Hier als schönes Beispiel der Selbstversuch der 21-jährigen Luca von Prittwitz, Autorin im Münchner Mercur. Könnte es sein, dass Tinder tatsächlich ein wenig die Welt verändert, weil die einfache Benutzung und die Ehrlichkeit und Unbeschwertheit befreit von anerzogener Moral und sexueller Unterdrückung?

Mit dem Geburtsjahr 1959 komme ich aus einer Generation, die noch als Nachzügler von den Errungenschaften der 68-er Revolution profitieren konnte. Wir lebten in WG’s, machten uns keine Gedanken über gesellschaftliche Konventionen in Bezug auf Sex, probierten aus und waren selbstverständlich permanent auf der Suche nach der großen Liebe. Eigentlich brachte erst Aids einen Bruch in diese Befreiung, seitdem ist ungeschützter Geschlechtsverkehr ohne feste Bindung kaum noch denkbar.

Tinder erweitert diese Freiheit, da sofort ersichtlich ist, wer in meiner geografischen Umgebung Lust auf ein Date hat – spätere körperliche Vertiefung nicht ausgeschlossen. Ich bin also nicht mehr angewiesen auf die Menschen, die ich durch Schule, Uni, Beruf, Freundeskreis, Freizeitgestaltung kenne – ich kann wählen wie aus einem Versandkatalog. Und so lange ich unter 28 bin, sogar in der Grundfunktion kostenlos!

Heißt das nicht auch, dass ich nicht mehr jede Gelegenheit wahrnehmen muss, weil es die letzte sein könnte? Ist das nicht auch eine Befreiung von sexuellen Abenteuern, da ja nichts mehr „wegläuft“? Ist das nicht eine Entspannung im Spiel um „das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“? Ein bisschen durchblättern, ein bisschen verabreden, ein bisschen lachen, ein bisschen Aufregung, ein bisschen Spaß?

Ist es nicht wunderbar, den Moralaposteln und Religionswächtern mit Unverständnis und gelangweiltem Blick zu begegnen, weil man nicht mehr für ihre Argumente zugänglich ist?
Doch kommen wir zu den Gefahren von Tinder und Co:

Nicht alle Menschen sehen aus wie Supermodels, haben Flirt-Potential und sind beliebt. Es gibt übergewichtige Menschen, Menschen mit unglücklichen Proportionen, sozial ungewollte mit schwierigem Verhalten – oder mit unangenehmen Geruch. Ist Tinder für diese jungen Menschen nicht eine weitere Ohrfeige, weil sie keine Dates finden und sich nun endgültig nicht mehr der Illusion hingeben können, es sei eigentlich alles in Ordnung?

Ich denke, dass es nach und nach immer mehr Ausdifferenzierungen dieser Entwicklung geben wird: Ein Tinder für Übergewichtige, für Mobbing-Opfer, für Menschen mit Behinderung, für Senioren, Brillenträger… und ich finde es ehrlich gesagt gut. Schon immer war ich für den Grundsatz, dass jeder Mensch nach seiner Fasson selig werden soll, und wenn Tinder keine Gefahr bedeutet, ist es ok.

Natürlich kann sich dadurch der Trend zur Oberflächlichkeit und zum Narzissmus weiter steigern, natürlich kann durch sexuelle Entspannung die übliche Kompensation durch beruflichen Ehrgeiz, Kriegslüsternheit, religiösen Eifer, traditionelle Werteverteidigung, Neid und Gier weniger werden, aber ist das so schlimm? Lasst den jungen Menschen mit ihren Sehnsüchten und Hormonschwankungen doch ihren Spaß, Hauptsache sie denken immer an schützende Verhütungsmittel und wissen, was sie wollen – und was nicht.

Bildquelle: Morguefile

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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