Home / Marketing / „Menschenfleischjagd“ – wie gefährlich ist der Mob im Social Web?

„Renrou Sousuo“ ist chinesisch und kann im Deutschen mit „Menschenfleisch“ übersetzt werden. Es steht in China als Synonym dafür, wenn über soziale Netzwerke (Weibo hat über 45 Millionen aktive Nutzer und ist vergleichbar mit dem Microblogging-Dienst Twitter) Menschen gejagt werden. Menschen, die identifiziert, gesucht, verfolgt und beschuldigt werden, Menschen die Wut und den Wunsch nach Bestrafung ausgelöst haben. Die FAZ berichtete Ende Juli 2015 unter dem Titel „China jagt das Menschenfleisch“ von der Hatz im Internet. Doch das, was den Leser an einer fremden Kultur entsetzt, gibt es auch hier. Facebook ist unter Anderem ein Sammelort für Menschen, die sich gemeinsam empören, Menschen verhöhnen und Menschen jagen: Promis, Politiker, angebliche Kriminelle oder andere „Volksschädlinge“ – ohne Hintergrundwissen wird geliked, geteilt, kommentiert – gejagt…

„Hängt ihn höher!“

Web-MobFast täglich lesen wir über Zusammenrottungen bei Facebook, bei denen sich Facebook-User auf Menschen oder Gruppierungen stürzen und diese verhöhnen, bedrohen, beschimpfen. Flüchtlinge, politisch Andersdenkende, Menschen die sich im Fernsehen blamiert haben, Prominente und Politiker: In Kommentaren finden sich unter manchem Post so viele Hasstiraden und sadistische Phantasien, dass man einfach nur weglaufen möchte.

Nie ebbt die Diskussion ab, ob die Klarnamenpflicht bei Facebook richtig ist oder gegen Persönlichkeitsrechte verstößt – doch bei diesen Menschenfleischjagden sieht man, dass sehr viele Facebook-User sich nur einen „glaubwürdigen“ Namen geben und sich weiterhin hinter einer anonymen Fassade verstecken, um ungesühnt Schaden anzurichten.

„Dieser Mann kümmert sich nicht um seinen bissigen Hund!“

Ich fand vor einigen Monaten in meinem Newsfeed ein Foto von einem Hund mit ungefähr diesem Text: „Dieser Hund hat gerade mein Kind gebissen. Mira hat furchtbar geweint und sie blutet am Bein. Der Besitzer war nicht zu sehen und konnte auch nicht gefunden werden. Wir mussten ins Krankenhaus. Ich bin so wütend! Wer kennt diesen Hund und weiß, wem er gehört? Standort des Fotos ist xxxx“.

Ich habe nicht verfolgt, inwieweit sich der „Mob“ an der Jagd nach dem Herrchen/ Frauchen beteiligt hat. Und ich bin auch bei Facebook so gut wie nur mit Menschen befreundet, die „Workaholics“ sind und wenig aus ihrem Privatleben posten. Bei Online-Zeitungen meide ich die Kommentare und versuche, die Menschen, die auf Menschenfleischjagd stehen, aus meinem Leben auszublenden.

Ich mag es nicht wenn sich weltweit empört wird über Mütter, die ihr Kind Menschenhändlern überlassen haben, über Piloten, die sich gemeinsam mit Passagieren in den Tod gestürzt haben, über Polizisten, die hilflose Opfer erschossen haben. Ich kenne die Hintergründe nicht der einzelnen Personen, und ich vertraue immer noch lieber Gerichten, die Straftaten aburteilen – als meinem Vorurteils-Verstand, der aus wenigen Brocken eine passende „Wahrheit“ zurechtbastelt und dummdreist weiterverbreitet.

Ich lache auch nicht gern über dicke Frauen, die bei entblößtem Körper Rad schlagen. Ich weiß nicht, ob die dicke Frau bei der Erstellung des Handyvideos den Wunsch hatte, dass die ganze Welt ihren Körper sieht – oder ob sie sich in einen Mann verliebt hatte und dachte, er findet sie schön – bis dieser irgendwann später einfach das Video ins Web stellte. Vielleicht ist die Frau schon tot, weil sie sich so schämte für die unfreiwillige internationale Prominenz?

Klar kann ich sagen, ich blende diese hässliche Seite des Social Webs aus, doch ich fürchte, das reicht nicht. Cybermobbing ist so verbreitet und gefährlich, dass man es nicht übersehen sollte. Dopaminausschüttungen durch Massen-Zusammenrottungen sind so verführerisch, dass man nicht einfach nur hoffen kann, es wird von allein weniger werden und immer seltener Opfer fordern.

Doch was kann man tun? Aufklären in den Schulen? Pädagogische Sendungen in den Medien? Schnelleres unkompliziertes Löschen von unliebsamen Inhalten bei Google, Facebook, Twitter und Co durch die Opfer? Zur Schau Stellen von den Massen-Spöttern und -Jägern durch spezielle Plattformen? Klarnamenpflicht durchgängig einrichten – ohne Chance, sich hinter einem Pseudonym zu verbergen? Was wäre wohl der richtige Weg – hat jemand eine gute Idee?

Bildquelle: Morguefile

 

Über Eva Ihnenfeldt

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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2 thoughts on “„Menschenfleischjagd“ – wie gefährlich ist der Mob im Social Web?

  1. Liebe Eva, du hast mal wieder „den Nagel auf den Kopf getroffen“. Genau das ist es, was mich bei Facebook und Co. am meisten stört, (neben vielen belanglosen und unsinnigen Posts vieler Mitmenschen). Leider wird es nichts geben, das die Menschen aufhält, über andere zu lästern, zu urteilen, sich lustig zu machen. Das ist die moderne Form des Prangers! Und dazu noch die Anonymität des Netzes…Wie soziale Medien Menschenleben zerstören können, ist hinlänglich bekannt. Da hilft nur, neben der Aufklärung, als Alternative, wenn es zu schlimm wird – offline gehen.
    Und ich kenne immer mehr Leute, die sich so dem ganzen Quatsch entziehen.

  2. Liebe Alex, das tut total gut, dass Du das schreibst. Das baut auf. Ich grüble so oft darüber, warum das Ver-Urteilen so weit verbreitet ist! Im I-Ging heißt es: „Die beste Art, das Böse zu bekämpfen, ist der entschlossene Fortschritt im Guten“. Vielleicht sind die vielen Menschen, die andere gern runterziehen, das beste Mittel, um die Gleichgesinnten zu erkennen – und gemeinsam etwas Konstruktives auf die Beine zu stellen! Ich wollte Euch doch sowieso jetzt nach der Sommerpause mal besuchen. Dann können wir das Interview machen und ein bisschen darüber sprechen. Das würde mich sehr freuen.

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