Social Media Buch Teil 8: Social Media und die „Freiheit des Wortes“

Die Grundprinzipien des Web 2.0, des „Mitmachnetzes“, haben bewirkt, dass Kreativität rund um den Erdball einen ganz neuen Stellenwert erfährt. Selbst im misstrauisch vorsichtigen Deutschland haben schon die Hälfte aller Interntuser einen Facebook-Account (Stand März 2011) – und jeder versucht natürlich, in seinen Postings und Status-Updates spannend, lustig, herausragend oder einfach sympathisch zu wirken. Und diese Effekte erreicht man durch Kreativität.

Ich habe mal einen Vortrag über den Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, gehört. Dieser hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die These aufgestellt, dass wir zunächst in ein Zeitalter der Lehrer hineinwachsen – also in ein Zeitalter der Bildung – und dann, ab der nächsten Jahrtausendwende, in ein Zeitalter der Künstler. Daran muss ich jetzt manchmal denken.

Werden die Menschen rund um den Erdball nun alle Künstler? Und wenn es so ist, was hat das für Konsequenzen? Wie würde sich ein Volk von Kreativen auswirken auf Politik, Wirtschaft, Erziehung und Zusammenleben?

Doch betrachten wir zunächst, ob diese These überhaupt haltbar ist: Wachsen wir mit dem Internet hinein in ein Zeitalter von Sprachverarmung und Fastfood-Primitivität – oder wird durch die Möglichkeit, sich öffentlich auszudrücken, tatsächlich der Mensch zum Schöpfer von Originalität und Individualität?

Während ich schreibe, betrachte ich links am Monitor die Twitter-Timeline. Hier steht also alles, was die Menschen, denen ich bei Twitter folge, jetzt gerade in diesem Moment getwittert haben – rund um den Erdball, von mir persönlich ausgewählt und zusammengestellt. Bei rund 500 Followings erscheint heute, an einem Sonntag im April um 10.00 Uhr, etwa alle 30 Sekunden ein neuer Tweet.

Ich lese von @hirnrinde: „Freue mich jetzt schon auf das später folgende rituelle EInatmen eines Schmunzelhasen“ und von @schwarzgruber ein Zitat: „Es gibt keine grossen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglueckliches Kind auf Erden gibt.“ (Albert Einstein). @endlosfrei hat @stefanwild geretweetet: Versuche niemals jemanden so zu machen, wie du selbst bist. Du solltest wissen, dass einer von deiner Sorte genug ist. Und @videopunk twittert aus einem russischen Hotel in Berlin, wo gerade die 3-tägige Blogger-Konferenz „rebublica11“ zu Ende gegangen ist: „Zum Frühstück georgische Volksweisen auf der Harfe und Kaviar aus der Dose.“

Selbstverständlich sind die meisten Tweets in meiner Timeline nicht lyrisch oder weise, sondern informativ, langweilig, spannend, unverständlich (da es sich um einen Dialog handelt, den ich nicht verstehen kann), lustig, beliebig. Und selbstverständlich liegt die Qualität der Tweets daran, wen ich lese – ich habe es in der Hand, da ist nichts fremdbestimmt, ich kann mich nicht beschweren.

Doch wenn man sich anschaut, welche „Twitterer“ die meisten Follower haben, sind es Stars, die den Leser in ihrem Alltag „mitnehmen“ (Checke gerade im Hilton ein – gleich Pressekonferenz…), die Magazine als „Newsticker“ und Menschen, die aus der Masse herausragen durch Humor, politische Überzeugung, Provokation, gute Vernetzung, Einzigartigkeit. Und da Twitter so eine Art „Echtzeit-Trendsetter“ ist, kann man durch diese Vorlieben schon erkennen, wohin die Reise des erfolgreichen Social Media geht: in die Kreativität.

Definition „Kreativität“

Aus Wikipedia: Menschliche Kreativität findet in einem System von Individuum, Domäne und anerkennender Umwelt statt (Csikszentmihalyi 1996). Außergewöhnliche Kreativität lässt sich von der alltäglichen durch ihre besondere Bedeutung auch für andere Menschen abgrenzen. Sie benötigt besondere Begabungen, intrinsische Motivation, Persönlichkeitseigenschaften wie Widerstandsfähigkeit und unterstützende Umgebungsbedingungen. Neben guten, aber nicht Höchstbegabungen ist für Kreativität flüssiges Denken und Assozaitionsfreude bedeutsam (Gardner 2002).

Anders ausgedrückt: Um kreativ zu sein, braucht es Mut, Individualität, Selbstbewusstsein, Spontanität – und man muss sich respektiert und anerkannt fühlen, von wem auch immer…

Ist Social Media wirklich unabänderlich mit Kreativität verbunden?

Ich behaupte, ja. Man kann zwar über Blog, Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke erfolgreich Fans, Freunde und Follower gewinnen, indem man diesen laufend etwas schenkt (also Rabatte, Gewinnspiele, andere Vergünstigungen), doch das ist wie damals in der Schule- wirklich beliebt waren die Kinder, die immer andere einluden, nicht wirklich. Wirklich beliebt sind die Charismatiker, die Spannenden, die Mutigen, die Individualisten, die „Freien“ und die, die sich geliebt und beschützt fühlen – von wem auch immer…

Was bedeutet das für den wirtschaftlichen Erfolg in der Zukunft?

Da das Internet nicht mehr ignoriert werden kann, und da Chefs etwas anderes zu tun haben, als den ganzen Tag zu twittern und an der Personality und dem Branding ihres Unternehmens öffentlich zu feilen, bedeutet Social Media, den Mitarbeitern die „Freiheit des Wortes“ zu gewähren. Es bedeutet, die Querköpfe zu fördern, und es bedeutet eine Kultur, in der der beliebte „Dienst nach Vorschrift“ abgelöst wird durch eigenverantwortliche Arbeitsbereiche, in denen Mitarbeiter selbst Entscheidungen treffen und für die Umsetzung verantwortlich – sein dürfen!

Das bedeutet für den Arbeitsmarkt, dass nicht mehr die spiegelglatten Hochschulabsolventen mit dem Harvard-Auslandssemester die besten Chancen haben auf dem Markt, sondern diejenigen, die sich selbstbewusst präsentieren und die sich nicht opportunistisch einordnen in eine Radfahrer-Hierarchie. Das bedeutet, dass Vertrauen und Anerkennung überall dort einziehen müssen, wo Wettbewerb und Öffentlichkeit unumgänglich sind, denn nur mit einer breiten Aufstellung im Social Web kann man zum „Social Star“ werden – ob als Autohaus, Manufaktur, Zulieferer, Unternehmensberatung oder Bäckereikette.

Vor allem bedeutet es aber auch, dass wir Selbstständigen uns üben dürfen in unserer Kreativität, Individualität, Persönlichkeitsentwicklung. Wir sind – gemeinsam mit der Jugend – die Vorreiter in einer virtuellen „Parallelwelt“, in der diejenigen die meisten Freunde haben, die anziehend wirken durch die Kraft ihrer Präsenz. Jeder von uns hat sein „Alleinstellungsmerkmal“ – und genau dieses Alleinstellungsmerkmal ist die Wurzel unseres Erfolgs. Sicher lohnt es sich auch, Biografien von erfolgreichen Entrepreneuren zu lesen und sich inspirieren zu lassen von herausragenden Persönlichkeiten in Wirtschaft und Forschung.

Kreativität bedeutet Mut, Spontanität, auch einmal Fehler machen dürfen. Nicht jeder Satz, den wir im Netz „aussprechen“, verdient einen Literaturnobelpreis, und sicher hauen wir auch immer mal wieder über die Stränge mit einem Witz, einer spontanen Äußerung, einer Erwiderung oder einer Beurteilung.

Doch schlimmer als mögliche Entgleisungen ist „Beliebigkeit“. Der Web 2.0-Planet beinhaltet einen Marktplatz, und wir sind die Markthändler. Die Marktstände mit den uniformierten Hostessen, mit dem Design aus der Retorte, mit den Standard-Werbeaussagen und dem glatten Lächeln – wer will die schon? Traut Euch, Euch auch mal lächerlich zu machen, traut Euch zu verärgern, traut Euch zu provozieren und Eure Unvollkommenheit zu leben – und bleibt Euch dabei selbst treu – dann wird man sich an Euch – und an Eure unvollkommenen, ehrlichen, lebenslustigen und mutigen Mitarbeiter erinnern, und vor allem darauf kommt es an.

Dies war der 8. Teil aus dem Social Media Buch von Eva Ihnenfeldt, das nach und nach hier erscheint.
Die vorläufige Gliederung des Buchs finden Sie hier:

Social Media Buch

Autorin ist

Eva Ihnenfeldt
PR-Agentur und Social Media Agentur SteadyNews
Rheinlanddamm 201
44139 Dortmund
Tel.: 0231/ 77 64 150
E-Mail: [email protected]

 

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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