„Ängste überwinden – freier Agieren“: Interview mit Brigitte Jülich

Frau Jülich, Sie bieten wiederholt das Thema an: „Ängste überwinden – freier Agieren“. Was finden Sie daran so spannend? Welche sind die im Job am häufigsten auftretenden Ängste? Und woraus resultieren diese Ängste?

Es gibt verschiedenste Ängste im Beruf und im Alltag. Generell haben alle jedoch mit Verlustangst, Perfektionismus, Überforderung und zu großem Harmoniebedürfnis zu tun.

Unabhängig von der aktuellen Wirtschaftslage haben viele Menschen Angst, nicht gut genug zu sein. Mit ihrer Leistung nicht den Ansprüchen zu genügen und somit von anderen Werktätigen überholt zu werden oder den Chef zu verärgern. Bin ich noch gut genug?

Viele Ängste gehen in Richtung Überforderung. Also „Wie soll ich das alles nur schaffen?“ und „Das wird mir alles zuviel!“ und die daraus resultierende Lähmung und Unsicherheit, welche Konsequenzen zieht das nach sich.

Ängste haben mit schwierigen Kollegen, Kunden oder Vorgesetzten zu tun: Gegen den kann ich mich nicht wehren. Der brüllt mich wieder nur an. Wie soll ich mit dem umgehen? Wie schaffe ich es, dass mich der nicht ständig so verunsichert?

Und dann gibt’s natürlich noch die „kleineren“ Ängste wie Angst vor Präsentationen, schwierigen Gesprächen oder Gehaltsgesprächen.

Welche Folgen haben diese Zweifel für die betroffene Person?

Erstmal fühlen wir uns natürlich nicht wohl, wenn wir ängstlich sind oder Angst haben: Wir sind angespannt, erwarten hinter jeder Ecke lauernde Gefahren, ziehen uns zurück. Und sind blockiert im Denken. Sind nicht flexibel. Es ist wie ein Hamsterrad. Wir kommen da alleine nicht heraus!

Wenn wir unsere Ängste zu verdrängen versuchen, dann werden sie nur noch größer und suchen sich neue Wege und Ventile.

Können wir auch krank werden?

Wir werden krank, wenn uns etwas belastet. Krank oder seelisch krank. Wir können vielleicht nicht schlafen, haben Träume, die uns ängstigen oder schwitzen. Wir müssen uns auch gerade in der ersten Phase Jemanden anvertrauen. Ein Gespräch suchen. Ob wir zum Arzt, Therapeuten oder zum Coach gehen. Auf jeden Fall sollte ein Anfang gemacht werden. Es ist keine Grippe, die nach einer Woche abgeklungen ist.

Angst lähmt uns. Wir trauen uns nichts mehr zu. Wir ziehen uns zurück.

Wir geraten immer mehr in eine Ohnmacht . Wir kommen aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Wir isolieren uns, weil wir es uns oft nicht anmerken lassen wollen, dass wir Angst haben. Das Leben macht dann keinen Spaß mehr.

Sehen Sie auch positive Aspekte in der Angst?

Ja, unbedingt. Angst ein überlebenswichtiges Frühwarnsystem. Auch heute gilt: Wenn ich Angst habe, will sie mir etwas sagen. Sie ist ja nicht einfach so da, sie hat eine Botschaft, eine Warnung, ein „Pass auf, schau hin!“ für mich.

Auch kleinere Ängste, wie Lampenfieber, können sehr hilfreich sein. Denn dann sind wir gut. Wir steigern unsere Konzentration und Aufmerksamkeit. Angst hält mich davon ab meinen Vortrag einfach so zu halten. Ich strenge mich mehr an. Angst hält mich ab von Flüchtigkeitsfehlern.

Ein gutes Maß an Lampenfieber stärkt mich und meine Aufmerksamkeit – zuviel davon hemmt mich und setzt mich unter Druck.

Wenn ich den Mut habe, hinzuhören, dann hat die Angst mir Wertvolles zu sagen.
Hier liegt die große Chance. Ich habe die Chance, viel über mich zu lernen

Eine Klientin kommt zu Ihnen und schildert ihre Ängste in der Arbeit: Anstrengende Kollegen, ein cholerischer Chef und ein schwieriger Kunde machen ihr das Leben schwer. Dazu kommt noch die Angst, den Job zu verlieren. Was würden Sie ihr raten?

Wenn die Klientin das 1.Mal bei mir ist, höre ich ihr erstmal nur zu, gebe ihr und ihren Problemen/ Themen Raum und Wertschätzung.

Ich greife z.B.  ihr Thema auf und lege anhand Zettel Bodenanker mit den Wörtern, die Sie beschäftigen. Ich frage weiterhin nach, woran die Angst sie hindert. Was würde ich tun, wenn ich die Angst nicht hätte? Der zweite gelegte Weg und die Begleitung sowie Fragestellung einer ausgebildeten Fachfrau bringen die Klienten/ Kunden auf einen guten Weg. Manches Mal sind mehre Stunden angebracht, um sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Neulich war eine 74 jährige Dame bei mir, die sich endlich dem Thema stellen wollte. Wenn man im hohen Alter diesen Schritt wählt, verdient es meine besondere Bewunderung.

Was kann sie tun, damit sie sich besser fühlt?

Hat sie schon. Denn indem sie gekommen ist, ist das Thema begreifbar geworden.

Was aber tun, wenn sich an der angstauslösenden Situation nichts ändern lässt?

Das ist selten der Fall. Ich habe in meiner 30 jährigen Tätigkeit einen Klienten gehabt, der nichts ändern konnte. Aber gerade hier hat jeder die Wahl, sich für ein Leben im positiven Sinne zu entscheiden. Auch wenn man mal den Weg vor lauter Bäumen nicht sieht. Es gibt immer kleine Veränderungen, die uns gut tun.

Und wenn man die eigene Haltung gegenüber der angstauslösenden Situation nicht ändern kann?

Eigeninitiative erfordert Mut. Und wenn man die Situation erst einmal so belässt, hat es auch seine Berechtigung.

Wenn ich mit dem Chef ein Gespräch führe, kann es schiefgehen. Wenn ich eine Präsentation halte, kann ich hinterher unangenehmes Feedback bekommen. Wenn ich den Mund aufmache, steh ich im Scheinwerferlicht, ja. Aber ich kann für mich schwierige Situationen im Rollenspiel „üben“.

Es ist oft schlichtweg bequemer, nichts zu ändern und sich weiter in der Opferrolle einzurichten.

Und wenn er oder sie im Moment wirklich noch nicht den Mut oder die Energie aufbringen kann, etwas zu ändern?

Dann ist es möglicherweise noch nicht dran.  Wenn er oder sie sich dafür bewusst entscheidet, ist das auch ein Zeichen für Selbstfürsorge. Manchmal brauchen Veränderungen ihre Zeit. Manchmal macht man 100 x den gleichen Fehler bis man sagt, jetzt ist aber Schluss. Wichtig ist, dass der Anfragende/ die Anfragende begleitet wird und ihr Tempo selbst bestimmt.

Wenn man sich seiner Angst stellen, sie überwinden möchte, wie sollte man am besten vorgehen?

Hier plädiere ich für den Weg der kleinen Schritte.

  1. Schauen Sie hin und laufen Sie nicht weg!
  2. Holen Sie sich Unterstützung!
  3. Testen Sie ein verändertes Verhalten in Situationen, die nicht ganz so dramatisch sind
  4. Und gehen Sie liebevoll und achtsam mit sich selbst um!

Wann sollte ein Coach oder ein Therapeut als Hilfe zur Angstüberwindung in Anspruch genommen werden?

Warum ist es so einfach, Steuerberater für die Steuererklärung, die Kfz-Werkstatt fürs kaputte Auto oder den Arzt für meine Schmerzen in Anspruch zu nehmen – nur für mein Seelenleben möchte ich keine fremde Hilfe?

Der Coach kann ein guter Partner sein, ein Feedback-Geber, ein Alternativen-Aufzeigen, ein Zuhörer, ein Die-Richtigen-Fragen-Steller, ein Anstupser, ein Ideen-Geber.

Machen Sie es sich nicht so schwer – dafür sind Coaches da. Oft „reicht“ ein Coach – wenn er gut und verantwortungsvoll ist. Sieht ein guter Coach, wenn stattdessen Therapie angesagt ist, empfiehlt er weiter.

Mein Rat zum Schluss: fangen Sie einfach an!

Herzlichen Dank Frau Jülich

Brigitte Jülich
www.erfolgorange.de
Kolmarer Straße 8
44139 Dortmund
E-Mail: [email protected]

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Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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4 thoughts on “„Ängste überwinden – freier Agieren“: Interview mit Brigitte Jülich

  • Reply Raphael Steinmann 8. Februar 2011 at 11:14

    Ein interessantes Interview. Ja, das mit der Angst kennt vermutlich jeder. Es ist echt nicht leicht damit umzugehen. Aber es kann funktionieren. Vor allem der angesprochene Schritt 3 war für mich immer schwierig: „Testen Sie ein verändertes Verhalten in Situationen, die nicht ganz so dramatisch sind“. Aber wenn das einmal funktioniert hat, klappt es erstaunlich oft auch in anderen Situationen.

    Ich habe die meisten Ängste bekämpfen können, die vor allem mit meiner schwierigen Gründungssituation zu tun hatten. Man muss sich einfach den Ängsten stellen. Das war die Hauptstratgie, die mich weiter gebracht hat. Also wenn man Angst hat vor einer Gruppe von Menschen zu reden, dann sollte man genau solche Situationen suchen und nicht meiden.

    Inzwischen macht es mir sogar Spaß vor mehreren Menschen zu reden. So lange es kein ganzer Saal ist 😉

  • Reply Brigitte Jülich 9. Februar 2011 at 08:30

    Sehr geehrter Herr Steinmann, es ist mir eine Freude, dass Ihnen mein Interview gefallen hat. Besonders gefällt mir, dass Sie von Ihrem Umgang mit Ängsten berichtet haben und somit weiteren Lesern der SteadyNews Mut machen. Gerade wenn ein Thema öffentlich wird, hat es die Chance, kleiner werden zu dürfen. Ich sage Ihnen ein Dankeschön und wünsche Ihnen weiterhin viel Mut beim Ausprobieren. Ihre Brigitte Jülich

  • Reply Brigitte Jülich 9. Februar 2011 at 08:37

    Liebe Eva, vielen Dank für dein Kompliment. Es ist mir immer wichtig, Dinge zu erklären um sie handhabbar zu machen. Ich sehe mich sozusagen als Botschafterin für bestimmte Themen. Deshalb freue ich mich darüber, Themen in den SteadyNews Themen aufzubereiten. Möglicherweise wäre eine Telefonsprechstunde auch einmal überlegenswert. Da fällt mir für heute ein Spruch von Monika Scheddin ein: “ Du drehst Dich im Kreis? Höchste Zeit aus der Reihe zu tanzen“!
    Herzliche Grüße sendet Brigitte Jülich

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