Depressionen: Die Hölle auf Erden?

Vor nichts habe ich solche Angst wie vor Depressionen. Ich weiß, dass nichts und niemand davor gefeit ist, ihr zu verfallen. Dieser schwarze lähmende Schatten, diese Sinnlosigkeit, Vergeblichkeit, Lichtlosigkeit – wie kann man mit einer Depression leben, ohne unterzugehen? Woher soll ich Vertrauen bekommen, dass alles alles gut wird, wenn in mir nichts ist als Leere und Einsamkeit? Ich habe keine Antwort auf diese Frage, aber ich bemühe mich in jedem Moment so zu fühlen, denken, sprechen und zu handeln, dass ich diesem gruseligen Höllenschlund entgehe. Mal sehen, ob es mir weiterhin gelingt.

Kind zwischen allen Polen…

Ich habe das große Glück bei Eltern aufgewachsen zu sein, denen es fremd war, andere Menschen zu verurteilen. Meine Mutter suchte sowieso immer nur die Schuld bei sich selbst (und litt ganz furchtbar unter ihren Depressionen) und mein Vater war katholisch. Er war frei von Schuldgefühl und dem Zwang, andere verurteilen zu müssen, da er sicher war, „auf der richtigen Seite zu stehen“. Er war wahrlich kein Heiliger, aber das war kein Problem für ihn – bewundernswert.

Als Jugendliche war ich fest davon überzeugt, dass wir Menschen (fast) zu hundert Prozent von Genen und Umwelt bestimmt sind. Der damals moderne Behaviorismus, machte mir zwar viel Kummer, aber da ich mich als Atheist für die Erkenntnis „Religion ist Opium für das Volk“ entschieden hatte, musste ich damit leben, dass ich nur ein Ergebnis von Reiz und Reaktion war. Keine Seele, kein wirkliches Ich – ich war nur das Produkt der auf mich einhagelnden Einflüsse. Dass ich damals nicht komplett in Depressionen rutschte lag wohl daran, dass ich permanent unglücklich verliebt war. Dieser Kummer lenkte mich von der Verurteilung zur ewigen Leere ab.

Mit Ende zwanzig kam dann der Wandel. Durch einen Zufall traf ich im Job auf einen psychiatrieerfahrenen Meister, der mir bewies, dass ich sehr wohl Gestaltende bin. Dass da sehr wohl mehr existiert als das naturwissenschaftliche Reiz-Reaktionsschema. Ich lernte von diesem wilden Mann, vor dem ansonsten alle Menschen in meiner Umgebung höllische Angst hatten, wie ich mir die Welt unter einer neuen Perspektive zurückeroberte. Keine Zufälle mehr, keine ungerechten Schicksale mehr, keine fremdbestimmten Grenzen mehr. Ich lernte dass es möglich ist, Berge zu versetzen. Ich erlangte Freiheit. Waren insgesamt nur sechs Wochen die ich es mit ihm aushielt, aber von diesen wenigen Wochen profitiere ich bis heute.

Trainieren für Vertrauen in das da draußen und das da drinnen

Seitdem trainiere ich in jedem Moment für das Vertrauen in das da drinnen und das da draußen. Ich versuche mich frühzeitig dabei zu ertappen, wenn ich schlecht über einen Menschen fühle, denke, spreche oder handle. Ich bemühe mich, so rasch wie möglich auszusprechen, wenn etwas nicht stimmt. Ich kämpfe mit jeder Faser darum, dass sich nichts aufstaut an Groll, Misstrauen, Angst oder Lüge. Niemand steigt so schnell aus einer unerfreulichen Lage aus wie ich. Lieber unter der Brücke schlafen als gefangen sein in Fremdbestimmung und Unehrlichkeit. Lieber in Freiheit hungern und frieren als in Gefangenschaft Völlerei betreiben. Ist was Scheiße, bin ich weg. Bin wohl der treuloseste Geselle auf Gottes Erden. Ok, dann muss es die wohl auch geben 😉

Ich glaube daran, dass wir Menschen in Universen leben, die uns ständig zuwispern, wenn wir vom „rechten Weg abkommen“. Ich glaube an den inneren Navigator, der uns leitet und uns noch besser durch die Welt führt als Google Maps. Sozusagen ein Seelen-Google-Maps, das leider unsichtbar ist und sehr empfindlich. Aber durch ständiges Training kann man tatsächlich sensibler werden für die Zeichen, die es aussendet. Und ich sag Euch: Es lohnt sich, diese Sensiblität zu trainieren

Wie kann ich Vertrauen trainieren?

Zunächst braucht Dein Verstand die Einsicht, dass niemand besser oder schlechter ist als der andere. So wie wir bei Pflanzen nicht zwischen guten und bösen Pflanzen unterscheiden können, können wir es auch bei Menschen sind. Das habe ich als Kind bei dem Serienmörder Jürgen Bartsch gelernt, über den der STERN die Geschichte seiner Kindheit veröffentlicht hatte – und das deutsche Volk plötzlich verstand, dass er keine „Bestie“ war sondern ein zutiefst gequälter Mensch.

Haben wir unseren Verstand beruhigt und somit ausgeschaltet, können wir uns dem sensiblen Organ unserer wahrhaftigen Seele zu wenden. Die weiß nämlich, dass es keine Zufälle gibt und keine Ungerechtigkeiten. Ja, das mit dem Reiz-Reaktions-Muster stimmt – doch nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch spirituell. Man nennt es Karma.

Natürlich macht es wütend sich vorzustellen, dass schwer leidende Kinder und Erwachsene aus Karma heraus ihr Schicksal erleben – doch ich sage mir „Alles Helden, alles Helden“ und sehe Karma nicht als Strafe an sondern als Berufung. Das befreit mich nicht aus meiner Verantwortung, tätig zu werden, wo ich tätig werden kann – doch das befreit mich von meiner Unart, mich über Gequälte zu stellen und sie zu bemitleiden. Ich respektiere jedes Schicksal und habe Hochachtung davor. Alles Helden, alles Helden…

All dieses Training (coole Bücher gibt es dazu und auch coole Vorbilder in sozialen Netzwerken) wird mich nicht davor schützen, in Depressionen verfallen zu können. Ich kenne das Schicksal der Heiligen Therese, die im Kloster von einem Moment zum Anderen ihren Glauben verloren hatte und in dieser Vorhölle der Sinnlosigkeit weiter existieren musste. Jedem von uns kann das passieren. Wenn es kommt, dann kommt es eben.

Jeden kann es treffen – natürlich auch mich

Wenn ich denn also auch einmal dran bin, werde ich mir so rasch wie möglich helfen lassen und ohne Scheu zu Medikamenten greifen. Karma hin und Karma her, aber ich werde nicht zulassen, dass ich ohne Gegenwehr in einer Vorhölle lebe. Sollte eine medikamentöse Therapie nicht möglich sein, werde ich versuchen, mich mit eiserner Disziplin meinem Schicksal entgegenzustellen. So wie es eine meiner wunderbaren Coachees (alles Helden, alles Helden) tut, die aufgrund ihrer Psychose mit langen depressiven Phasen leben muss. Ihre antipsychotischen Medikamente haben das nun mal als Nebenwirkung – und ein Rückfall in den Wahn ist ganz klar die schlechteste Alternative.

Sie macht täglich Sport, trainiert ihre Denkfähigkeit über Denksport-Apps, betätigt sich künstlerisch als Poetin, nutzt viel Instagram und Facebook, um sich in ihrer Einsamkeit und Lähmung offen zu zeigen. Ich bewundere sie sehr für ihre eiserne Disziplin. Natürlich hat sie auch Tage und Wochen, in denen sie wie gelähmt nicht in der Lage ist, das Bett zu verlassen. Das ist das Schwerste an diesem Schicksal. Sollte ich auch in deine schwere Depression rutschen kann ich nur versprechen, dass ich alles tun werde, um im Kampf gegen den siebenköpfigen Drachen mit Mut, Disziplin, Menschenliebe und Ehre siegreich zu sein. Mehr können wir nicht tun. Also lasst uns trainieren, so lange uns die Schlinge nicht im Würgegriff hat. Auf Mitgefühl, Glaube, Mut und Demut. Und Spaß – ganz klar…

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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