Digital Detox: Kant lässt grüßen

Das waren also die Feiertage. Schön waren sie. Mal wieder mit der Familie zusammen gesessen, gefeiert, gegessen, sich gestritten, sich versöhnt, die guten Vorsätze fürs nächste Jahr gefasst und am Silvesterabend darüber geflucht, dass das Netz mal wieder überlastet ist, so dass die guten Wünsche fürs Neue Jahr per SMS, WhatsApp, Threema, Snapchat, Facebook-Messenger und was es sonst so gibt einfach nicht durchkommen. Aber macht ja nichts, wir haben ja nicht während des Essens ständig auf unsere Bildschirme gestarrt, gekichert und sofort geantwortet wenn eine Nachricht gekommen – ist… Oh.

Zu Beginn eines  Neuen Jahres haben es die Verfechter von Verzichts-Systemen ja relativ einfach: Weniger Fett!, so schwören wir uns fürs Neue Jahr. Mehr Bewegen! Weniger Fleisch, oder vielleicht gar keines mehr? Und wenn man schon eh dabei ist, vielleicht doch zum Veganer werden? Die nächste Diät beginnt bekanntlich direkt morgen. Dummerweise neigen wir dann dazu, den Anfang vom nächsten Morgen wieder auf das nächste Morgen zu verschieben. Und so weiter. Und so fort. Aber diesmal, diesmal machen wir bestimmt alles richtig. Wir konzentrieren uns mal auf einen Vorsatz: Wir machen Digital Detox!

Digitales Entgiften?

Der angeblich neue Trend besagt ja, man müsse weniger mit digitalen Geräten im Alltag umgehen. Ja! Weil die Smartphones und die PCs und die Macs und all die kleinen elektronischen Helferlein ja total ungesund für uns und unser Gehirn sind. „Analog ist das neue Bio“ so der Titel eines der bekannteren Bücher zum Thema, warum Digital schlecht für uns ist. (Warum ein Plädoyer für mehr analoge Welterfahrung dann im Heim des Digitalen eine Wohnung hat, sprich Facebook-Fanpage? Denken wir darüber mal kurz nach…) Im Oktober schreckte uns eine Studie auf: Digital ist schlecht für uns, so die Wissenschaftler der Uni Bonn, die – eine eigene App entwickelten um das Verhalten von Jugendlichen zu beobachten. Finger weg! Digitale Diät! Sonst: „Digitaler Burnout!“ Wir sind alle abhängig vom Smartphone und die Daten von der Internetsucht lassen sich problemlos auf die für Smartphonesüchtige übertragen. Etwas, was wirklich in Frage gestellt werden kann, denn das Nutzungsverhalten dürfte bei einem PC doch anders sein als bei einem Smartphone.

Bestätigt fühlen sich jetzt die, die schon immer vor den Gefahren des Digitalen gewarnt haben. Die genauer gesagt auch immer gesagt haben, das Digitale sei unecht, es könne nicht das analoge Leben ersetzen und nur das analoge Leben sei das Wahre Leben.  Auf die Tatsache, dass auch im analoge Leben Leute von Zigaretten, Alkohol und Drogen abhängig werden können angesprochen, verteidigen sie sich mit dem „Das ist doch ganz was Anderes“-Argument. Ist es das? Oder ist es nicht so, dass prinzipiell wirklich alles süchtig machen kann? Und dass es Menschen gibt, die halt anfälliger für solche Suchtproblematiken sind als andere? Unbestritten: Es gibt die Internetsucht und sicherlich auch die Smartphonsucht. (Ich glaube nicht, dass Jugendliche jemals das Wort Smombie im wirkliche Alltag benutzen, aber das Jugend-Wort des Jahres drückt diese Art von Sucht perfekt aus.)

Die Lösung für alle Probleme also, wenn es nach der Fraktion der Digital Detox-Anhänger geht: „Ab in den Wald! Mehr das eigentliche Leben genießen! Smartphone-Diät! Und überhaupt, wenn wir alle mehr zurück in den Wald gehen und wieder mehr auf uns achten, dann wird auch die Welt ein Stückchen besser!“ Den letzten Satz sagen sie zwar nicht unbedingt so, aber natürlich schwingt die Weltverbesserattitüde bei einigen Vertretern der Fraktion schon mit drin. Und wenn ein Juniorprofessor der Uni Bonn das halt so sagt, dann stimmt das garantiert auch alles…

Was ist eigentlich mit der Digitalen Demenz passiert?

Allerdings beschleicht mich, je mehr ich über dieses Digital Detox gelesen habe vermehrt das Gefühl eines Deja-Vus. Vor allem, weil es schon mal einen Professor gab, der ein Buch schrieb, das sich total super verkauft hat und das ebenfalls ein Schreckens-Szenario an die Wand malte. Erinnern Sie sich, liebe Leser, noch an die sogenannte Kollektive Verdummung Der Menschheit Durch Smartphones – ja, die Digitale Demenz war das. Richtig. Was gab es um den Professor Spitzer nicht vor ein, zwei Jahren ein Bohei! Wir können alle keine Karten mehr lesen und vertrauen dem Navi blind! Wir verlernen Fertigkeiten, die wir um Überleben in der Wildnis brauchen! Was war das für ein Tohuwabohu damals – Deutschland debattierte eifrig mit und das bekannte Schema: „Wir sind die Guten“ versus „Wir sind die Bösen“ war so langweilig, dass ich damals einfach das Thema ignoriert habe.

Und siehe da: Wenn wir jetzt auf die Digitale Demenz blicken, dann stellt sich heraus – sie ist ein Mythos. Wissenschaftler haben Meta-Analysen von Studien angestellt – und das Ergebnis: Digitale Demenz löst sich, wenn man sie genauer betrachtet, in ziemliche heiße Luft auf. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für sie, auch wenn Spitzer das in seinem Buch behauptet. „Nach dem jetzigen Stand der Forschung führe vermehrte Internetnutzung im Mittel weder zu weniger sozialem Austausch, noch zu weniger gesellschaftlich-politischem Engagement. Auch sind intensive Internetnutzer nicht einsamer als Wenignutzer“, so 2014 der Standar im obigen verlinktem Artikel. Sicherlich gibt es einige Felder, die wissenschaftlich noch nicht genauer untersucht sind, aber im Großen und Ganzen machen digitale Medien nicht krank. Selbst Forscher, die tendenziell eher in Richtung des Digital Detox gehen – und die fürchten, dass der Informationsoverload eigentlich das Problem ist, was aber seit der Geschichte der Fernsehforschung auch nun kein neuer Hut ist – haben Spitzers Umgang mit Studien bemängelt.  „Es wurde nicht geschaut, aus welchen Kontakten das soziale Netzwerk besteht. Das ist fast immer Kommunikation unter Menschen, die sich schon offline kennen und online weiter miteinander kommunizieren. Eine Erweiterung von Freundeskreisen um Personen, die man nicht kennt, ist die Ausnahme. Facebook und Co. unterstützen Freundschaften, die es schon gibt. Das ist also hochgradig sozial.“ Stellte Christoph Klimmt 2013 schon fest. Und angesichts der vielen Offline-Aktivitäten, bei denen man sich zuerst im Internet verabredet aber dann doch wieder zum Beispiel Fotos mit dem Smartphone macht – angesichts dieser Dinge ist die These von der Vereinsamung des Menschen im Zeitalter des digitalen Selbst wohl nicht generell anwendbar. Es mag Personen geben, die tatsächlich das analoge Soziale Verhalten vernachlässigen – aber dann liegt es nicht am Medium selbst. Vermutlich würden diese Leute auch von Zigarren, Kaffee, Alkohol oder anderen Dingen abhängig werden.

Digital Detox: Wirklich nötig?

Vorab: Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass man sich ab und an mal fragt, warum man welches Medium wie nutzt. Und ob ein Urlaub ohne Smartphone nicht doch auch ganz schön sein kann. Dazu, so der Herr Kant, kann man sich seines eigenen Verstandes bedienen. Das nennt sich dann Aufklärung. (Früher sollte man das selber können, heute scheint man der Ansicht zu sein, man brauche immer jemanden, der einen aufklärt. Aber das hat Kant sicherlich nicht gemeint.) Der Mensch an sich sollte in der Lage sein selber zu wissen, was gut für ihn ist und was nicht. Sollte. Dass dem leider nicht immer so ist – dass es Menschen gibt, die anfällig für Süchte sind – dass diese dann anschließend von der Gesellschaft behandelt werden müssen – das ist nun mal so. Allerdings: Wenn es schon Firmen gibt, die Mitarbeiter und Führungskräfte zu einem „besseren Umgang“ mit digitalen Geräten erziehen möchten, dann darf man schon in Frage stellen, ob Digital Detox wirklich dem einzelnen Menschen gut tut oder nicht denjenigen, die gerade Bücher und andere Dinge zum Thema veröffentlichen. Spitzer lässt grüßen.

Natürlich aber gliedert sich dieser Trend perfekt in den allgemeinen Sehnsuchtshorizont nach einem Leben ein, das früher einmal besser, wunderbarer und einfach authentischer war. Also in den Zeiten als wir alle noch selbst Käse auf dem Bauernhof gemacht haben, achtsamer mit der Umwelt umgingen, Stoffwindeln verwendeten und überhaupt alle total super glücklich waren. Dass jede Bewegung eine Gegenbewegung hat ist unbestritten. Und die Sehnsucht nach einer ländlichen Idylle ist so alt wie die Griechen, die vom seligen Arkadien träumten, wo wir alle jung, hübsch und Schäfer sind, die den ganzen Tag nichts anderes tun als fröhliche Lieder singen und mit dem schönen Geschlecht anbändeln. In dieses Schema der Sehnsucht passt Digital Detox perfekt: Wenn man weniger in Digitalien unterwegs ist, dann hat man mehr Zeit für das Ursprüngliche. Kein Wunder, dass die Digital Detox Camps in Wäldern veranstaltet werden…

Es ist nichts dagegen zu sagen, dass man ab und an mal seine Gewohnheiten überdenkt. Was man dann aber bitte auch fürs sogenannte analoge Leben komplett tun sollte. Sich vorzunehmen sich mehr zu bewegen ist großartig, aber eine Verhaltensänderung wird sich durch ein komplettes Bewegungscamp im Alltag sicherlich nicht bewerkstelligen lassen. Ebenfalls ist das mit digitalen Geräten der Fall: Man kann sie nicht komplett aus seinem Leben verbannen. Nun, man kann schon, wenn man dann das Leben eines Selbstversorgers irgendwo in den Wäldern von Wisconsin – hat Wisconsin Wälder? Ah, Sie wissen schon was ich meine – dann halt dem neumodischen Kram vorzieht. Oder man wechselt einfach zu einer der fundamentaleren Religionen, die schon Fernsehen verdammen…

Das Leben ist weder digital noch analog

Die sogenannten Aufklärer, ob sie jetzt Digitale Demenz verkündigen oder das Digital Detox, übersehen zudem Etwas. Die Trennung zwischen digital und analog, die Wertung ob das eine realer als das andere sei – diese Trennung ist gelinde gesagt absoluter Unsinn. Gelinde gesagt. Denn das Leben ist ein Ganzes. Die Erfahrung des Digitalen abzuwerten und nur das analoge Erleben als das Beste darzustellen ist so, als würden wir feststellen, dass nur Käsekuchen mit Boden der einzige wahre ist und alle anderen Variationen sind vom Übel. Es gibt aber glücklicherweise nicht nur den einzig wahren Käsekuchen mit Boden, es gibt ihn auch ohne Boden, mit Kirschen, mit Himbeeren – so, wie es halt den Menschen schmeckt. Und so gibt es auch nur ein Leben in verschiedenen Ausprägungen: Mal schreibt man digital eine Nachricht, mal einen Brief, mal spielt man mit Würfel und Pinöppels, mal mit virtuellen Gegnern, die letztendlich aber – was übersehen wird – gar nicht rein virtuelle sein müssen. Natürlich steckt bisweilen der Computer hinter dem Mitspieler, bei Online-Games ist aber meistens dann doch wieder eine Person hinter dem Account und die hat mich gerade den Sieg gekostet. Verdammt! Siehe da: Die Reaktion ist auch dieselbe…

Es mag sein, dass Wissenschaftler nicht so ganz auf dem Stand der Zeit sind wenn sie Aspekte des Digitalen erforschen. Was man auch keinem vorwerfen kann, so schnell wie sich das alles entwickelt hat und so jung wie gewisse Disziplinen in diesem Digitalien noch sind – da kann man auch kaum hinterher. Ich glaube, die ersten Studien zu StudiVZ sind jetzt gerade auf dem Markt. Allerdings: Der Mensch verändert sich. Und wenn man sich verändert, dann muss das nicht – so wie die Digital Detox Fraktion das wohl fürchtet – wirklich zum Schlechten sein. Nochmal: Ich habe nichts, wirklich nichts dagegen wenn man kritisch seine Gewohnheiten überprüft und wenn man merkt, dass man diese nicht mehr unter Kontrolle hat braucht man bestimmt Hilfe. Und sollte sie sich suchen. Aber anzunehmen, dass wir glücklicher sein werden, wenn wir nur mehr „im Freien spielen“ und „mit Moder rumwerfen“ – damit beginnen Menschen schon festzulegen, was für andere Menschen Glück bedeuten soll. Das halte ich für höchst problematisch. Denn ob ich digital glücklich bin oder analog glücklich – das fühle und entscheide nur ich allein.

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