Schäuble-Video: Motive von Chefs, ihre Mitarbeiter öffentlich zu demütigen

Ganz Deutschland war schockiert über die öffentliche Demütigung, die Finanzminister Wolfgang Schäuble seinem Pressesprecher Offer zufügte. In der anschließenden tagelnagen Diskussion wurde deutlich, dass es sich hier nicht um einen bedauerlichen Einzelfall handelt, sondern dass es unzählige Mitarbeiter gibt, für die Demütigungen, Häme, Zynismus, Spott und andere boshafte Angriffe zum Alltag gehören. Nicht selten sind psychische Erkrankungen die Folgen – denn jede Demütigung ist ein Schock, den man nicht auf die leichte Schultern nehmen sollte. Im Folgenden eine kleine Motiv-Analyse  – und natürlich das Video zur Erinnerung an den erschreckenden Macht-Missbrauch.

Demütigungen erschütern im Selbstwert, vor allem, wenn es in der Öffentlichkeit passiert. Häufig erleiden die Betroffenen durch den Schock depressive Symptome, sie erleben sich als ohnmächtig, ausgeliefert. Doch die Kränkung kann sich auch in Wut und Aggression verwandeln – je nach Menschentyp.

Chefs, die ihre Untergebenen demütigen, stehen selbst häufig unter starkem Druck – auch wenn dies äußerlich vielleicht nicht erkennbar ist. Sie nutzen die öffentliche Demontage ihrer Mitarbeiter, um sich selbst zu überhöhen. Motiv ist hier ein geringes Selbstwertgefühl, das auf diese Weise kompensiert wird. Souveräne Chefs stellen niemals öffentlich bloß.

Viele Chefs demütigen gerade Mitarbeiter, die sie als Wettbewerber fürchten. Ein unsicherer Chef, der einen leistungsfähigen, kreativ klugen Untergebenen vor sich hat, wird natürlich versuchen, diesen aus dem „Rudel zu stoßen“. Da man sich nicht öffentlich die Blöße geben kann, die Bedrohung zu zeigen, greift man lieber zu Tricks. Man erhöht sich selbst und „beweist“ dem Mitarbeiter, dass er nichts taugt.

Ursachen liegen deutlich im Wandel der Führungswerte. War früher eine leitende Position sicher, war die Führungsqualität allein durch den Rang unumstritten und die gesellschaftliche Position bis ins hohe Alter unangreifbar – sind heute die Stühle wacklig geworden. Nicht nur in der Politik ist das Auf und Nieder ein ständiges Risiko – doch gerade hier das Arbeitsklima besonders belastet.

  • Betroffene sollten niemals schweigend reagieren und die Demütigung einstecken. Wer sich etwas von seinem Chef wortlos gefallen lässt, wird immer häufiger Zielscheibe der Kompensationsbemühungen, darum „Wehret den Anfängen“
  • Gegenüber einem cholerischen Chef kann man sich eventuell auch Gleichgültigkeit antrainieren. Je weniger Affinität gegenüber den Beleidigungen besteht, desto unangreifbarer ist man – da sucht sich der Chef lieber ein anderes Opfer
  • Manchmal kann man auch geduldig abwarten, bis der labile Chef sich selbst entlarvt. Doch nur, wenn der Rückhalt bei Firma und Kollegen ausreichend ist. Ansonsten bleibt oft genug nur der Ausweg, zu kündigen. Und eines ist sicher: als Selbstständiger hat man zwar viele Probleme – dieses jedoch definitiv nie wieder.

Quelle: FAZ

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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2 thoughts on “Schäuble-Video: Motive von Chefs, ihre Mitarbeiter öffentlich zu demütigen

  • Reply Karl Dilly 23. November 2010 at 19:29

    Tja, liebe Frau Ihnenfeldt,
    das ist so eine Sache mit dem Tadel – zudem noch mit dem öffentlich geäußerten. Die Hintergründe sind vielfältig.

    Was lag in dem speziellen Fall „Minister Schäuble“ vor:
    Der Minster hatte angeordnet (sein Recht), die Zahlen und Erklärungen vor dem Pressetermin zu verteilen, damit sich die Pressevertreter und die Vetreter der Gegierung unmittelbar über die Darstellungen verständigen konnten. Eine sehr einfach zu handhabende Anordnung für den Pressesprecher. Diese Anordnung hat der Mitarbeiter nicht auszulegen, was er jedoch getan hat. Und dann rollt sein Chef in die Szene und ist zunächst der Blamierte: hat seinen Laden nicht im Griff; schlechte Organisation; „wir sollten wohl überfahren werden“ u.v.m.. Das darf sich kein Chef bieten lassen, sonst ist er verlohren. Nur – wie soll er jetzt in aller Öffentlichkeit reagieren, zumal sein Pressesprecher ja nach erstem Befragen durch seinen Chef rumeierte. Wenn dieser Mitarbeiter Größe gehabt hätte, dann hätte er schlicht mit „Mist – tut mir leid – ist mir völlig durchgegangen“. Stattdessen eiert er auch noch rum. Darum habe ich den Eindruck, dass der Pressesprecher bewußt die Dokumentation nicht verteilt hatte. Das ist Alltag für Chefs. Soll Herr Schäuble jetzt die Blamage auf sich nehmen? Worüber war jetzt „ganz Deutschland“ entsetzt?

    Herr Schäuble ist dafür bekannt, dass er ein Machtmensch ist mit entsprechenden, auch unangenehmen Eigenschaften. Wie er öffentlich reagiert hat, war womöglich typisch entsprechend seinem Charakter und unangemessen. Er hätte auf „Nun reden Sie nicht …“ verzichten müssen und anschließend hätte er sich seinen Mitarbeiter nicht öffentlich konkret zur Brust nehmen müssen. Ja, zwei mal müssen.

    Machtmißbrauch ist immer schrecklich. Gemeint wird dabei immer der Machtmißbrauch von oben nach unten. Das ist eine unvollständige Sicht. Den Machtmißbrauch von unten nach oben gibt es ebenfalls: Dienst nach Vorschrift, innerlich kündigen (= volle Leistungsmöglich verweigern), Selbstoptimierung, mobben, den Chef abwählen u.v.m.

    Ich bin kein Schäuble-Anhänger. Ich klage Chefs an, die ihre MitarbeiterInnen kränken, beleidigen und demütigen. Ich bin dafür, dass mit Fairneß gekonnt geführt wird. Ich gebe Seminarteilnehmern an die Hand, wie sie von unten nach oben tadeln können. Ich bin dafür, dass mit „Betroffenheit“ und „Empörung“ weniger inflationär umgegangen wird und dafür, dass die Schuldzuweisung nicht reflexhaft immer nur „oben“ zugeschrieben wird.

    Herzlichst
    Ihr Karl Dilly

    • Reply Eva Ihnenfeldt 24. November 2010 at 20:00

      Ich hatte das Video zuvor noch nicht gesehen, und ich war wirklich schockiert. Mag sein, dass die Anweisungen eindeutig waren (glaub ich aber irgendwie nicht), aber einen Mitarbeiter öffentlich lächerlich machen geht gar nicht. Und der Journalist, der so billig mitgelacht hat, dem würde ich gern mal sagen, was ich von so einem Verhalten halte. Gut, dass meine Kinder in ihren Schulklassen immer solidarische Verhältnisse mit den Schwächeren leben konnten. So ein Lehrer hätte da keine Zustimmung gefunden.

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