Schulbefreiung? Ob Asperger, ob ADSH: Alternativen zur Regelschule durch Fernunterricht

Es gibt in Deutschland viele Kinder und Jugendliche, die eine Schulbefreiung brauchen, da sie nicht in der Lage sind, eine Regelschule zu besuchen. Die Ursachen sind vielfältig: Die Autismusform Asperger Syndrom nimmt zu, auch ADHS und schwere Verhaltensauffälligkeiten können Ursache sein, sexuell missbrauchte Kinder sind betroffen und auch traumatisierte junge Menschen, die Opfer eines Amoklaufes waren. Die web-individualschule in Bochum wurde 2002 gegründet, um all diesen Kindern eine Alternative zur Regelschule zu bieten – doch spätestens, seit Tokio Hotel den Fernunterricht wählten, um neben der Karriere noch den Realschulabschluss zu schaffen, ist die Webschule in aller Munde. Ich sprach mit der Schulleiterin Sarah Lichtenberger.

Die Webschule in Bochum Mitte ist von außen relativ unscheinbar, wenn auch sehr bunt, freundlich und mit großen Glasflächen. Doch eine Schule mit zurzeit 62 Schülern würde hier normalerweise keinen Platz finden – Platz finden nur die Schulleitung, fünf (bald sechs) Lehrerinnen und Lehrer und ein Haustechniker, der sich um alles kümmert. Die Büros der Lehrer bestehen vor allem aus einem großen Schreibtisch mit Computer und Headset, aus einem Regal mit Material, das vor allem junge Menschen anspricht (wie die Biografie von Bushido) und bieten genügend Atmosphäre und Platz für einen langen Tag am Rechner, in ständiger Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern über Skype.

Frau Lichtenberger, die Schulleiterin, erklärt mir das System der Web Individualschule

Lehrer R. Schade beim Skype-gestützten Individualunterricht

„Unsere Lehrer nehmen jeden Morgen per Skype den Kontakt zu ihren Schülern auf (maximal 15 Schüler pro Lehrer) und senden das Material für den Unterricht per Mail oder Skype zu. Die Schüler erarbeiten den Stoff und schicken ihn im Laufe des Tages zurück. Am nächsten Tag wird das Erarbeitete durchgesprochen.  Die Kinder und Jugendliche haben also immer nur einen einzigen Ansprechpartner. Sie haben keinen Kontakt zu Mitschülern und auch nicht mehrere Fachlehrer.

Dieses Konzept ist bei unserem Klientel sehr wichtig. Wir unterstützen bewusst Kinder, die nicht in einer Regelschule gehen können, weil sie nicht mit den sozialen Begebenheiten klar kommen. Die Ursachen sind vielfältig. Was seit 2002 (unserer Schulgründung) immer mehr zunimmt, sind Asperger Fälle. Allein in diesem Monat hatten wir sechs Anfragen von betroffenen Eltern oder Jugendämtern. Die Kinder brauchen besonderen Schutz, da sie soziale Signale von Mitmenschen nicht einordnen können und darum in Schulen auffällig werden.

ADHS ist das geringste Problem, da gibt es selten eine Schulbefreiung. Aber wir haben einige traumatisierte Kinder, die bei Amokläufen in Schulen dabei waren – allein das Schulklingeln löst bei ihnen schreckliche Erinnerungen aus. Ein großer Teil der Schüler kommen aus der Jugendhilfe, da gibt es gerade bei Mädchen viele sexuelle Missbrauchsfälle – auch diese Kinder können nicht in eine Regelschule gehen.

Eine weitere starke Gruppe sind Kinder und Jugendliche, die aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Schule gehen können – die vielleicht lange Zeit im Krankenhaus liegen müssen. Bei diesen Kindern ist es sehr wichtig, auf den Krankheitszustand Rücksicht zu nehmen und sich dem Befinden anzupassen. Manche dieser Schüler haben lange keinen Unterricht besuchen können und starken Nachholbedarf – da muss man sehr behutsam vorgehen, um nicht zu überfordern oder zu entmutigen.

Unsere Schüler erfahren also einen geschützten Bereich mit einer verlässlichen Bezugsperson, und das ist gut. 80 Prozent der Fälle werden von Jugendämtern im Rahmen der Jugendhilfe kostenmäßig übernommen – 20 Prozent sind Selbstzahler. Die monatlichen Aufwendungen liegen bei 600 bis 800 Euro pro Kind.

Es gibt zwar viele Anbieter von Fernunterricht – aber da fehlt die persönliche Betreuung und die individuelle Gestaltung des Unterrichts. Unsere Kinder und Jugendliche sind zu jung, um völlig selbstständig ihr Arbeitspensum zu organisieren. Unsere Lehrer stehen in ständigem Kontakt zu Eltern und/ oder Betreuern, sie verstehen sich eher als Coach als als Lehrer.

Aber nicht nur psychisch oder körperlich belastete Schüler sind unsere Zielgruppe. Was in den letzten Jahren auch sehr zunimmt, sind Schüler, die aus familiären Gründen nicht die Regelschule besuchen können: Weil die Eltern im Ausland tätig sind, oder weil sie als Leistungssportler oder Künstler keine Zeit finden, die Schule zu besuchen. Sie sind viel unterwegs. So hatten wir auch Bill und Tom von der Band Tokio Hotel als Schüler – und das mit gutem Erfolg.

Unsere Lehrer gehen auf jeden einzelnen Schüler ganz individuell ein. Die Inhalte werden an die Interessen der Schüler angepasst. Gelernt wird anhand von Büchern, Spielen, Filmen aus der Erlebniswelt der Schüler. Ob Harry Potter, Twilight oder James Bond, ob die Simpsons oder eine Pferdewerkstatt – unsere Lehrer entwickeln Aufgabenstellungen in Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen, Naturwissenschaft, Geschichte und Gesellschaftskunde, die sich an den Hobbys und Interessen der Schüler orientieren. So können auch Schulverweigerer erfolgreich motiviert werden.

Wie finden die Prüfungen statt und welche Schulabschlüsse können erworben werden?

Wir sind eine private Schule und können nur auf die staatlich anerkannten Abschlüsse vorbereiten. Die Schüler können dreimal im Jahr an Schulen in der Umgebung, die mit uns kooperieren, den Hauptschul- oder Realschulabschluss erwerben. Die Prüfungen finden dann also vor Ort an diesen staatlichen Schulen statt, werden von den Lehrern dieser Schulen korrigiert und bewertet. Bisher haben wir 113 Schüler bis zum Schulabschluss vorbereitet – und alle 113 haben erfolgreich bestanden.

Auf das Abitur bereiten wir selbst nicht vor – doch unsere Schüler sind nach der Zeit bei uns so erfahren mit Fernunterricht, dass sie bei Eignung in der Lage sind, an einer konventionellen Fernschule diesen Abschluss zu absolvieren – wir empfehlen da die ILS.

Was ist denn nun besser? Webschule oder Regelschule?

Sarah Lichtenberger: Ich würde nie ein Kind, das in der Lage ist, die Regelschule zu besuchen, in den Individualunterricht am Rechner entlassen. Das soziale Miteinander ist so wichtig, auch die Probleme und Auseinandersetzungen gehören einfach dazu. Unsere Kinder sind völlig allein am Rechner, da ist es manchmal sehr schwer, motiviert zu bleiben und sich zu begeistern – alle unsere Kinder durchlaufen Höhen und Tiefen während ihrer Zeit. Wir bekommen auch immer wieder Anfragen von Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht zur Regelschule schicken wollen und extra ins Ausland gezogen sind, um der Schulpflicht zu entgehen – solche Anfragen lehnen wir grundsätzlich ab.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Jedes Jahr ist es dasselbe: Im Juni, Juli verlassen viele Schüler die web-individualschule – und bis September, Oktober gibt es dann ein „Schülerloch“. Jedes Jahr ist das finanziell sehr hart, denn wir kalkulieren reichlich knapp, wie man sich bei 15 Kindern pro Lehrer und als private Einrichtung ausrechnen kann. Unsere Schule ist ein Herzensprojekt – der Geldbeutel spielt nur untergeordnet eine Rolle.

Was ich mir wünsche ist, dass es dieses Jahr kein „Schülerloch“ gibt, dass laufend neue Schüler einsteigen und dass die Jugendämter in Deutschland unkompliziert die Kosten übernehmen, wenn ein Kind schulbefreit werden muss. Wir haben an unserer Schule keine Ferien – nur zwischen Weihnachten und Neujahr ist eine Woche ganz frei – es kann also laufend eingestiegen werden. Das wünsche ich mir: Ein Jahr ohne finanzielle Sorgen…

Web-Individualschule
Schulleitung: Sarah Lichtenberger
Hermannshöhe 7c
44789 Bochum
Tel.: +49 (0)234 / 298 799 – 62
E-Mail: [email protected]

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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