Shitstorm für „Pinky Gloves“ – Ist Menstruation eklig?

In der Höhle der Löwen waren am 12. April 2021 zwei Gründer, die den Investoren als Produkt einen pinkfarbenen Plastik-Einweghandschuh anboten, der bei der Tamponentnahme für geruchs- und schmierfreie Entsorgung sorgt. Tatsächlich wollten gleich zwei (ebenfalls männliche) Löwen den Deal machen – den Zuschlag erhielt Ralf Dümmel. Doch was anschließend im Social Web losging, konnten wohl weder Investoren noch die Gründer ahnen. Unter Hashtags wie #pinkygloves, #diehöhlederlöwen, #pinky, #periodshaming,  #periodenscham,  #pinkwashin, #sexismus,  #pinkygate sammeln sich bei Twitter und Instagram wütende Posts und Stories, bei YouTube werden Videos hochgeladen. Die Presse greift das Thema gern auf – klar, so ein Shitstorm und so ein heikles Thema bringen Klicks.

Höhle der Löwen bei VOX

Bevor ich mich an diesen Artikel gewagt habe, habe ich mir in der TVNow-Mediathek den Ausschnitt in Staffel 9, Folge 4, ab Minute 40 (vom 12.04.21) angeschaut. Ich habe mich gefragt, ob ich von der Gründungsidee ähnlich angetan gewesen wäre wie die fünf „Löwen“, oder ob ich als unvoreingenommener Zuschauer direkt empört gewesen wäre.

Warum könnte man(frau) empört sein? Weil die beiden Gründer sich bei der Bundeswehr kennengelernt haben und danach gemeinsam in eine Frauen-WG gezogen sind als überzeugte „Frauenversteher“? Weil sie sich nach eigener Aussage schlecht mit den nässenden, riechenden benutzten Tampons im Müll abfinden konnten? Weil sie ein uraltes Produkt (Plastikeinweghandschuh) als innovative Geschäftsidee verkaufen, indem sie die Handschuhe in pink produzieren lassen und sie weiblich chic (auch noch alle einzeln eingeschweißt in der 12-Pack-Verpackung) stylen ließen?

Ich sag mal, was in mir vorging als ich die Szene schaute – aber wie gesagt, unvoreingenommen war ich nicht. Tatsächlich war es mir sehr unangenehm, dass die 32 Jahre alte Männer von der Bundeswehr kommen. Warum? Kriege und Gewalt gegen Frauen sind von jeher eng miteinander verbunden. Ich verbinde die Männerbünde beim Militär mit sexistischen Witzen und der Vorstellung, wie betrunkene Kameradschaften sich über menstruierende, stinkende, etwas eklig zu penetrierende Frauen lustig machen.

Frauenversteher

Bild von Adina Voicu auf Pixabay 

Sorry, aber schon seit Ewigkeiten ist mir die Selbstbezeichnung „Frauenversteher“ zuwider. Ich habe zwar in meiner Kindheit und Jugend so gut wie keine echte sexuellen Gewalterfahrungen gemacht – doch ich kenne natürlich viele Mädchen und Frauen, die weniger Glück hatten als ich, und wohl all diese Gewaltverbrecher würden sich als „Frauenversteher“ bezeichnen – augenzwinkernd und grinsend. Ich weiß, dass diese Verbindung nicht objektiv und gerecht ist, aber gegen den Begriff „Frauenversteher“ bin ich instinktiv allergisch und wittere Gefahr.

Das Tabu der Menstruation

Ich weiß noch, welch gemischten Gefühle ich als Mädchen zur Menstruation hatte. Auch ich kenne diese ekligen, stinkenden Damenbinden, die meine Mutter in dem Bad-Abfalleimer hinterließ. Auf der einen Seite wollte ich endlich auch eine Frau werden wie die anderen Mädchen in meiner Schule (bei mir hat es Ewigkeiten gedauert!), auf der anderen Seite fand ich die Vorstellung, alle vier Wochen mit entsetzlichen Schmerzen ausgeblutet zu werden, den blanken Horror. Ja, ich kann verstehen, wenn Männer sich davor ekeln, und glaubt mir, damals mit Binden war es noch viel heftiger als heute mit Tampons. Die rollt man nach Nutzung in Toilettenpapier und normalerweise läuft da auch nichts weiter aus.

Schon in der Bibel sind menstruierende Frauen eklig, und ganz sicher in anderen Religionen auch. Noch heute gibt es viele Regionen in der Welt, in der menstruierende Mädchen und Frauen regelrecht geächtet sind. Ich glaube, dass der Ekel der Männer vor dieser Sorte Blut mit ein Anreiz ist, Frauen Gewalt anzutun, sie zu demütigen, sie „in Schach zu halten“. Ist nicht die menstruierenden Frau der Beweis dafür, dass Gott sie als Ursprung aller Sünde strafen will?

Müll Müll Müll

Natürlich ist es absurd, einen Einweghandschuh als Lösung des Entsorgungsproblems von Tampons zu bezeichnen. Auch wenn als Innovation ein Klebestreifen angebracht wird, ist es immer noch Einweg-Plastikmüll. Wenn die Gründer damit werben, dass die Handschuhe überall da gebraucht werden, wo beim Tamponwechsel kein fließend Wasser vorhanden ist (wie im Wald, wie in der Sendung argumentiert wurde???) macht man sich doch die Finger blutig, wenn man den frischen Tampon einführt! Braucht man dann einen zweiten Handschuh für den Wechsel?

Ich bin wahrlich (noch) kein Ökoheld, muss ich gestehen, doch selbst mir geht diese unnötige Müll-Idee gegen den Strich. Auch wenn TPE-Kunststoffe recycelbar sind, kann ich mir nicht vorstellen, wie sie vor dem Recyceln von den alten Tampons befreit werden. Aber da bin ich keine Expertin, mag sein, dass es da ein Verfahren für gibt.

Warum der Shitstorm?

Ich habe mir viele Tweets und Instagram-Posts angeschaut und verstehe, warum so viele Frauen sich regelrecht aufbäumen bei diesem gelungenen, medial aufbereiteten Investitions-Deal. Vielleicht würden afroamerikanische Nachfahren früherer Sklaven ähnlich reagieren, wenn weiße Männer eine Gründungsidee präsentieren würden, die es Afroamerikanern erleichtert, ihre viel zu kleinen Wohnungen trotz der vielen Bewohner/Innen hygienisch rein zu halten und vor Ungeziefer zu schützen.

Viel Leid und Schmerz liegt auf tausenden von Jahren weiblicher Menstruationsgeschichte. Das lässt sich nicht so einfach ausradieren und vom Tisch wischen. Natürlich wäre es schön, wenn wir unschuldig und frei wie die Kinder unsere blutenden Tage genießen könnten – frei von Scham und Ekel. Und wir sind schon sooooo viel weiter seit den sechziger Jahren!

Ich denke, die meisten Männer in Deutschland finden es schön, dass ihre Frauen bluten können. Das ist ja vor Allem ein Zeichen für Fruchtbarkeit und eine lebendige, pulsierende Gebärmutter. Also hier bei uns finde ich, ist das Thema Menstruation grundsätzlich vom Tisch (außer vielleicht in Frauen-WG’s mit männlichen Mitbewohnern 😉 ).

Ob sich Ralf Dümmel mit der verlockenden Investition (Zielgruppe 30% aller Deutschen, Herstellungspreis 88 Cent, VK 2,99 Euro) einen Gefallen getan hat, bleibt abzuwarten. Manchmal sind Shitstorms mehr als eine schnell verwehende Lächerlichkeit. Bin gespannt, ob sich die vielen empörten Mädels und Frauen wieder beruhigen – oder ob sich da eine echte Bewegung draus entwickelt. Das wäre ja mal was…

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

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