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Umgang mit Shitstorms anhand der Beispiele Xavier Naidoo und Bahlsen… 1

Wie rasch auch ich mich an einer Vorverurteilung beteilige, habe ich feststellen müssen, als ich am 11. März 2020 per WhatsApp über einen 45-sekündigen Videoschnipsel informiert wurde, in dem Xavier Naidoo rassistische Äußerungen bei Twitter tätigt. Die Quelle des Video-Tweets war undurchsichtig, das sah ich gleich. Doch viele Twitteraner (renommierte Journalisten, seriöse Medien, Freunde) hatten bereits geteilt und kommentiert, so dass ich mich ebenfalls beteiligte und das Video inklusive Kommentar bei Facebook teilte. Gottseidank habe ich viele Kontakte bei Facebook, die sehr nachdenklich und differenziert sind. Von ihnen bekam ich in den Kommentaren mahnende Worte, ob es verantwortungsvoll ist, so rasch einen Menschen mit Hass und Empörung zu überziehen – und natürlich ist es das nicht!

Entschuldigung!

Bild von Klaus Hausmann auf Pixabay

Gleichgültig, ob Xavier Naidoo nun wirklich rechtsextremer Rassist ist – oder ob er aus rassistischen Gründen gern mit Hass überzogen wird, weil man seine arrogante Art anmaßend findet (schließlich ist er ein extrem erfolgreicher Farbiger in Deutschland) 😉 – ich hätte das nicht tun dürfen und ich hoffe sehr, dass es mir nie wieder passiert. Es tut mir so leid!
Stellungnahme der Söhne Mannheims bei Facebook

Natürlich können wir aus politischen Gründen Prominente kritisieren, die wie Harvey Weinstein ihre Macht missbrauchen und Verbrechen begangen haben. Aber doch bitte erst, wenn eindeutige Beweise bzw. Gerichtsurteile vorliegen – und bitte nicht mit dem Motiv, diese „fertig zu machen“! Das was in analogen Zeiten in Familien gang und gäbe war („Stellt die Politiker alle an die Wand!“ „Die Schlampe ist doch selbst schuld, wenn sie das und das erlebt“) müssen wir uns in transparenten Zeiten der öffentlich sichtbaren digitalen Kommunikation komplett abgewöhnen. Es ist nicht nur eklig – es sind Aufrufe zur Lynchjustiz, an denen wir uns beteiligen. Wir folgen unseren niedersten Instinkten.

Also: Bei Prominenten und Politikern immer erst abwarten, bis eindeutige Beweise vorliegen, bevor wir uns an der Verbreitung von digitalen Prangern beteiligen. Wir sind zivilisiert und selbstreflektiert. Wir wissen, wie schnell wir selbst Gerüchten glauben, weil sie in unser Schubladensystem passen. Wir kennen die Mechanismen, die dazu führen, dass Leben zerstört werden, nur weil man Spaß daran hat, jemanden fertig zu machen (wie bei der Hexenverfolgung).

Nun ist Xavier Naidoo von RTL als Juror für DSDS „suspendiert“ worden – ob diese Reaktion auf den Volkszorn wirklich der Weisheit letzter Schluss ist? Immerhin die Fans des Sendeformats sind nicht begeistert darüber. Könnte sein, dass man als Medienverlag doch etwas länger warten sollte, bevor man seine Mitarbeiter bzw. Honorarkräfte öffentlich exekutiert.

(Tweet von Micky Beisenherz anklicken, damit das Video abgespielt wird)

Bahlsen und der Shitstorm wegen „Afrika“

Das Unternehmen Bahlsen steht in der Kritik, seit die Unternehmens-Erbin Verena Bahlsen im Jahr 2019 den Einsatz von Zwangsarbeitern im Nationalsozialismus auf unglückliche Weise rechtfertigte. Seitdem agiert Bahlsen eher kopflos. Erst wurde bekannt gegeben, dass Verena Bahlsen nicht für Führungsaufgaben eingesetzt wird (welt.de am 21.01.2020) und die Führung in „familienfremde“ Hände übergeben wird – jetzt plötzlich wird sie dann doch aktive Gesellschafterin mit den Verantwortungsbereichen Innovation, Kulturwandel und Markenentwicklung…
Business Insider Deutschland am 11.03.2020

Und dann noch dieser Shitstorm bei Instagram! Wer wie Bahlsen so in der Verwirrung (womöglich auch im Streit) gefangen ist, ist auch einem Shitstorm hilflos ausgeliefert. Ein Gigant muss unverwundbar sein. Sobald er Schwächen zeigt (wie im Nibelungenlied der Held Siegfried, der durch ein Feigenblatt verwundbar wird), straft man ihn ab. Systeme und einzelne Menschen neigen dazu, Helden vom Thron zu stoßen. Es tut gut, desillusioniert zu werden. Es tut gut zu urteilen, dass „Die da oben“ auch nichts Besseres sind als man selbst.

Bahlsen-Plätzchen heißen „Afrika“

Bahlsen hat bei dem Vorwurf, wegen der Markenbezeichnung einer Plätzchensorte rassistische Tendenzen zu zeigen, ebenfalls widersprüchlich und kopflos reagiert. Zunächst kam das (PR-langweilige) Statement, man wäre kein Rassist, dann das Versprechen, den Namen zu ändern. Doch auch das kann zu einem wütenden Aufschrei der „Fans“ führen: Ist es nicht gerade rassistisch, den Begriff „Afrika“ NICHT mehr zu verwenden? Der Shitstorm geht also weiter…

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

[EDIT] Viele von euch haben sich intensiv mit unserem Produktnamen Bahlsen Afrika auseinandergesetzt und hier kommentiert. Eure Meinungen und die Kritik nehmen wir sehr ernst. Wir distanzieren uns von Rassismus und Diskriminierung in jeder Form. Aus euren Kommentaren haben wir unterschiedliche Meinungen herausgelesen. Einige assoziieren den Produktnamen mit Rassismus, während andere die Diskussion um den Produktnamen nicht nachvollziehen können und finden, dass genau dieses Schubladendenken Rassismus fördert. Wir haben dieses Produkt vor 60 Jahren ins Leben gerufen und damals wie heute lagen uns rassistische Gedanken mehr als fern. Um zu vermeiden, dass unser Produkt Assoziationen mit Rassismus hervorruft, arbeiten wir bereits an einer Umbenennung.

Ein Beitrag geteilt von Bahlsen (@bahlsen) am

Wie können verwundete Helden reagieren?

Gleichgültig, wie groß oder klein man ist, Jedem kann es passieren, dass er in einer geschwächten Lebensphase fertig gemacht wird von Chefs, Mitarbeitern, Kollegen, Verwandten, Nachbarn, Freunden, Kunden, Vereinskollegen… Je mehr man sich erhob, desto heftiger kann der Sturz ausfallen.

Nicht nur Einzelpersonen, auch Unternehmen sollten darauf achten, dass sie eindeutig und glaubwürdig sind in ihrer Reaktion auf Kritik und Vorwürfen. Auch Unternehmen und Marken werden wahrgenommen als „Persönlichkeit“, und wir wünschen uns Persönlichkeiten, die Charakter, Aufrichtigkeit und Ideale zeigen. Das führt zu Respekt und bestenfalls zu emotionaler Bindung. So gewinnt ein Unternehmen Fans.

Hier ein paar Tipps, wie Unternehmen in einer geschwächten Lage auf digitale Shitstorms reagieren könnten:

  • Rasch reagieren mit wertschätzendem Verständnis und dem Versprechen, sich darum ernsthaft zu kümmern. Am Besten innerhalb weniger Stunden – jedoch inhaltlich unverbindlich!
  • Recherchieren, mit was genau an Vorwürfen man zu tun hat. Analysieren und alle Aspekte dabei berücksichtigen. 1. Worin liegt der Vorwurf 2. Was gibt es allgemein zu dem Inhalt des Vorwurfs an Zahlen, Daten, Fakten (z.B. ob Kontinentbezeichnungen als Markenname Rassismus beinhalten) zu ermitteln? Gibt es vergleichbare Kommunikations-Fails? Was kann man für Lehren daraus ziehen?
  • Eigene Positionierung ermitteln – dabei möglichst viele Mitverantwortliche in die Festlegung der Positionierung einbeziehen. Das Problem von innen heraus ergreifen. Was meinen wir wirklich? Worum geht es uns bei unseren Visionen und Missionen wirklich? Worauf sind wir stolz – und was ist für uns selbst eine Schwäche?
  • Aus der Positionierung in die Entscheidung kommen: Auch wenn man geschwächt ist, kann man erkennen, was man als „richtig“ und „falsch“ empfindet. Empfinde ich es als richtig, mich zu ändern wegen der Vorwürfe? Oder tue ich es aus Angst vor dem Zorn derer, die mich „kreuzigen“ wollen? Eine sehr wertvolle Gelegenheit, um sich im Team über die Unternehmenskultur auszutauschen. Den Shitstorm als Chance begreifen!
  • Strategie festlegen, wie man nun reagiert. Gleichgültig, ob es sich um eine einzelne schlechte Bewertung handelt oder um einen massiven Shitstorm: Wir müssen sorgfältig festlegen, welche Strategie und welche Maßnahmen wir einsetzen. Fragen wie „Wie sollen wir bei weiteren Vorwürfen im Kommentar Thread reagieren – antworten? Ignorieren? Löschen?“ sollten unbedingt bearbeitet werden. Wie leicht reißt man mit dem A…. wieder ein, was man zuvor aufgebaut hat!

Xavier Naidoo hatte leider bei seiner offiziellen Stellungsnahme seine PR-Berater vorgeschickt – Bahlsen hat die Namensänderung versprochen, nachdem sich ein berühmter Bandsänger eingemischt hatte in die Vorwürfe der Instagramer… so wird keine Glaubwürdigkeit erzeugt. So wittert das „Volk“, dass der geschwächte Held nur etwas vorspielt.

Kritik und Häme können sehr wertvoll sein, um die Persönlichkeit (ob als Mensch oder als Organisation) weiterzuentwickeln. In geschwächten Lebenslagen ist das kaum möglich, da man Angst hat und nicht klar denken kann. Also sich Hilfe von außen holen und zu der eigenen Schwäche stehen lernen. Mit ehrlicher Wertschätzung und Zuwendung den Kritikern gegenüber lässt sich alles beheben – aber die muss da sein, und das fällt schrecklich schwer… Dagegen ist hassen leicht. Leider…

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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