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Wenn Bibi Gronkh überholt und ApeCrime einen Flash schieben 0

Ab und an schaue ich auch mal in die Trends bei YouTube rein. Also das, was YouTube für Deutschland als Trend ausweist. Nicht, dass mich das per se interessieren würde, aber vielleicht kennt ihr das: Ihr sitzt auf der Familienfeier herum, die jüngeren Neffen sind anwesend und diskutieren gerade lebhaft darüber, was Simon Desue wieder für ultraharte Megapranks geliefert hat. Nicht, dass wirklich jemand „ultraharte Megapranks“ sagen würde, vielleicht doch. Außerdem: Clickbating-Mechanismen funktionieren super und warum sie funktionieren ist seit Heftig und Konsorten eine Art Nischenhobby von mir. Es ist aber auch faszinierend, wie Gruppenmechaniken funktionieren und da ist YouTube auch nicht anders als jedes andere Verhalten des Menschen im Alltag.

Der Ärger-Teil-Funktionsapparat

Wenn wir darüber nachdenken, warum wir Inhalte teilen, dann haben die Inhalte meistens mit Emotionen zu tun. Wir finden Inhalte lustig – oh, der schniefende Panda! – oder süß – guck mal, die niedliche Katze! Spielt mit dem Ball! Och, süss! – denken, dass sie total super sind – ich muss diesen Motivationsspruch unbedingt teilen, weil der total zutreffend ist! Wenn wir aber mal in Ruhe überlegen, welche Inhalte wir am Meisten teilen, dann werden wir feststellen, dass diese Inhalte entweder etwas mit uns positiv selbst zu tun haben, wir können uns mit ihnen identifizieren oder – was nach reiflicher Überlegung dann einen aufstößt: Wir teilen Inhalte, weil wir verärgert sind. Das kann man momentan sehr schön beim Thema Trump und die USA sehen. Wir teilen Postings über Trump, weil wir entweder total Superfans sind oder weil wir ihn abgründig hassen. Die Mehrheit meiner Timeline bei Facebook – ich mache nicht den Fehler automatisch Leute auszusortieren, nur weil sie per se anderer Meinung sind als ich, weil: Filterblase! – hasst Trump. Oder findet seine Politik ziemlich doof. Wenn mir persönlich Inhalte total egal sind, dann teile ich die nicht oder überlege länger, ob ich die teilen soll. Weil sie mit mir auf der emotionalen Ebene nichts gemein haben. Es ist so: Wir Menschen lieben es eher dauerverärgert zu werden. Wir könnten bei Facebook auch einfach mal die Postings nicht weiterleiten, aber nein, machen wir nicht, weil wir uns ärgern und weil alle unsere Bekannten das mitkriegen müssen. (Was, wie man eigentlich feststellen sollte total unnötig und unnütz ist, aber wir Menschen und Logik halt. Das hat noch nie funktioniert. Außer bei Descartes. Eventuell.)

Und deswegen spielen Leute momentan auf YouTube verrückt, weil Bibi sich anschickt, Gronkh bei den Abozahlen auf YouTube zu überholen. Denn dass Bibi mehr Abos als Gronkh haben können sollen würde – ich liebe die deutsche Sprache manchmal – wäre ja die Katastrophe für all diejenigen, die den sympathischen ultranetten Herrn Gronkh als Let’s-Gamer kennen und lieben gelernt haben, während Frau Bibi halt Inhalte produziert die, sagen wir mal, nicht unbedingt die Zielgruppe von Gronkh tangieren und auch sehr viel mit Clickbaiting arbeiten. Da wir als Menschen furchtbar gerne wütend sind, mal ehrlich: Wir sind schon bekloppt, oder? – weil wir das also gerne sind, gibts einen Haufen von Kommentaren, in denen steht, man sollte doch Bibi deabonnieren und besser Gronkh abonnieren und überhaupt, was bilde die sich ein – und im Grunde läufts halt auf eine der üblichen „Wer mir nachfolgt, der kann nicht gleichzeitig dem Mammon folgen“ – oder so – Diskussionen raus. Weil wir Menschen uns gerne ärgern. Ein Ärgernis nehmen. Und Wut und Ärger sind starke Emotionen. Viele lange Nächte schlagen wir uns in den Kommentarspalten um ein Thema, weil wir verärgert sind und weil wir „aber du musst doch endlich einsehen, dass“- halt eher lieben als „ich denke, du hast da deine Meinung, akzeptiere ich, aber versuche auch meine Position zu verstehen“. Schön, Trolle machen es Einem dann auch nicht unbedingt einfach.

Entweder-Oder-Kämpfe

Natürlich kann ich Menschen mit einem festen Weltbild versuchen zu beeinflussen, aber die Psychologie stellt leider fest: Wer eine feste Meinung hat, wird sich nicht so leicht ins Grübeln bringen lassen. (Glücklicherweise geht das allerdings dann doch.) Und wer jetzt Bibi total cool findet, wird mit Gronkh nichts anfangen können. In diesem Fall liegt das aber auch daran, dass die Youtuber unterschiedlicher von den Inhalten nicht sein könnten. Gronkh macht Let’s-Plays, Bibi macht halt Beauty-Tipps – und ab und an habe ich den Eindruck, dass sie durchaus eine Seifenoper mit ihrem Freund für YouTube inszeniert, aber da ich mir nur ein paar Videos angesehen habe mag ich das nicht zu beurteilen. (Aber für das Untersuchen von Clickbating-Taktiken sind Bibis Videos besser geeignet als Gronkhs. Ist so.)

Aber generell tappen wir gerne in einen Entweder-Oder-Kampf – was man auch bei ApeCrimeTV feststellen kann. Die beliebten Youtuber haben vor zwei Wochen alle ihre Videos bei YouTube gelöscht. Nicht richtig. Also erst mal: Nicht den Kanal an sich, sondern einfach alle bis dahin erstellten Inhalte wurden auf privat gestellt. Ich persönlich dachte schon: Prima, endlich hat mal jemand über die aktuelle Problematik bei YouTube nachgedacht, möchte einen Weckruf losschicken, dass es so nicht weitergehen kann, dass Inhalte nicht mehr nur aus Prank-Videos, Challenges und allem Möglichen bestehen, was Geld einbringt – bekanntlich stinkt es nicht, aber die Methoden mit denen man es erwirbt stinken durchaus. Ähnlich wie vor einiger Zeit PewDiePie drohte, seinen Kanal zu löschen – und dann war es nur der unbedeutende Zweitkanal – haben auch ApeCrimeTV jetzt festgestellt: Ach, wir haben gedacht, die ganzen alten bescheuerten Videos von uns, wenn die jemand bei der Suche auf YouTube findet und als ersten Eindruck hat, dann ist das total schlimm.

Sprich: Den Machern waren ihre Inhalte auf einmal peinlich. Und da Scham auch eine große Emotion ist, kann man schon mal plötzlich auf „Alles löschen“ klicken. Und dann redet man mit den Fans und stellt fest, die mögen einen dann dennoch und während bei YouTube die Wogen hochgehen, meldet man sich dann mit einem Video zurück, in dem eben das festgestellt wird und lädt dann die alten Videos jetzt dann doch noch mal hoch. Ich alter Zyniker applaudiere diesem grandiosen Marketinggag. Denn mir erschließt sich aus den Videos bisher nicht, in welche Richtung ApeCrimeTV denn jetzt gehen wollen. Aber ich schweife ab, denn natürlich schält sich in den Kommentaren jetzt das Gegeneinander der „Wahren Fans“ versus „die Nichtwahren Fans“ – wie auch immer man die definieren will – heraus. Das ist wirklich perfekt gemacht, alle Achtung: Natürlich fühlen sich die „wahren Fans“, die jetzt trotz des Debakels und der nicht so ganz perfekten Entscheidung trotzdem Abonnenten bleiben, noch emotionaler an die Macher gebunden. Mag auch wirklich sein, dass keine großen Marketingabsichten dahinter stecken – aber das Ganze fühlt sich wirklich eher nach einer Strategie an als nach einem wirklichem „Huch, wir haben die Videos gelöscht, weil sie uns peinlich sind und unserer Karriere als ernsthafte Wasauchimmer“ – lasst mich raten, Musiker? Treffer – „im Weg gestanden haben.“ Die kommenden Tracks des Musikalbums werden sich hervorragend verkaufen lassen. Aber das schreibe ich natürlich jenseits von allen Beweisen und als Zyniker, der ich nun mal auch bin. (Aber verdammt, es ist doch wirklich DIE perfekte Masche…)

Raus aus Entweder-Oder

Die Lösung aus der Bibi-oder-Gronkh-Meinungsfalle ist bei mir relativ einfach: Mir – ist – das – total – egal. Hoppla, es gibt tatsächlich noch eine dritte Option bei dem Ganzen? Klar. Gibt es eigentlich ich immer und wenn es teilweise nicht so „dramatisch“ wäre, säße ich mit Cola und Popcorn vom Bildschirm und würde mich amüsieren. Es sei jedem unbenommen seinen Meinungsbattle auszufechten – und ich hab das vor kurzem mal in der Frage, ob SacroPop schlechter als Klassik wäre gemacht, mir hat das Spaß gemacht 😉 – im Endeffekt aber gibt es immer eine dritte Option. Man kann ich einfach mal nicht reagieren. YouTube und Co mal abschalten und sich fragen: Lohnt es sich wirkliche kostbare Zeit in diese Entweder-Oder-Perspektivlosigkeits-Battle zu stecken?

Alternativlos ist jedenfalls nie etwas. Auch, wenn Politiker das Wort gerne in der Vergangenheit benutzt haben – um ihre eigene Agenda durchzubringen, natürlich – es gibt immer eine Alternative. Und sei es, wie schon geschrieben, einfach mal auch nichts zu tun. Abzuwarten. Keinen Kommentar zu schreiben. Sich die Videos von den Leuten anschauen und sich fragen: Geht die Welt jetzt unter, wenn Bibi an Gronkh vorbeizieht? Haben wir nicht eigentlich ganz andere Probleme, um die wir uns kümmern sollten? Und WARUM ist das eigentlich eine Nachricht, die auf einmal von allen Seiten aufgenommen wird? Fehlt nur noch, dass der Spiegel demnächst im Print erläutert, warum Bibi und Product-Placement problematisch ist. Keine schlechte Idee an sich, wenn sie dann ich mal erläutern, dass Gronkh halt Spiele durchspielt, die aufzeichnet und dann Kommentare dazu ablässt. Wobei Gronkh wenigstens so ehrlich ist zu sagen, dass er im Grunde ja eigentlich leichtes Spiel gehabt habe und hat. Immerhin.

Einatmen – ausatmen. Einfach mal Nichts zu tun ist auch eine gute Idee. Und sich zu vergegenwärtigen: Das ist alles eigentlich nicht weiter wichtig. Wichtig ist, dass man ein Dach überm Kopf hat, dass man täglich genug zu Essen hat, dass man warme Klamotten für den Winter hat und dass gelegentlich mal das Auto angeworfen werden kann. Betrachtet man die Dinge dann mal aus dieser Perspektive wird schnell klar, warum der „Battle“ auf YouTube aktuell ein ziemliches Problem der Ersten Welt darstellt. Wie wäre es, wenn wir mal gelassener sein könnten, nicht gleich dem Wut-Automatismus folgen würden und uns einfach mal daran erfreuen, dass es offenbar auch Leuten ohne nennenswertes Talent gelingt… Nee, sorry, das kann ich nicht. In dem Fall bin ich doch eher bei Gronkh. Der ist irgendwie – echt. So seltsam es auch im Bereich des Virtuellen klingen mag…

Über Christian Spliess

Der selbstständige Journalist und Social Media Redakteur Christian Spließ begleitet Unternehmen und Organisationen bei der erfolgreichen Umsetzung von Social Media Kampagnen. Christian Spließ ist einer der Social Influencer in NRW - vor allem über Twitter und Facebook.

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