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Zweckgemeinschaft Facebook: Wenn das Vertrauen komplett zerstört ist 0

Das soziale Netzwerk Facebook ist weiterhin von der Mitgliederzahl her das größte Land der Welt. Abgesehen von China, das sich schon früh aus dem westlichen Digitalimperium verabschiedet hat und ein eigenes digital hochinnovatives System geschaffen hat, haben Google und Facebook die ganze Welt überzogen mit ihrer grundlegenden Orientierungsplattform und ihrer grundlegenden sozialen Infrastruktur. Könnte es sein, dass diese Selbstverständlichkeit zu bröckeln beginnt und das soziale Netzwerk Facebook in wenigen Jahren zur Bedeutungslosigkeit verkommt?

Die Vertrauensforscherin, Autorin und Oxford-Wissenschaftlerin Rachel Botsman beschreibt in einem Interview mit dem Magazin t3n, warum sie es für wahrscheinlich hält, dass das soziale Netzwerk Facebook in fünf Jahren ein ähnliches Schicksal erfährt wie einst MySpace. Allerdings muss der Konzern Facebook nicht unbedingt darunter leiden: Facebooks „Dark Social“ Netzwerke WhatsApp und der Facebook-Messenger sind weltweit beliebter als je zuvor – und Instagram könnte sich zu einem internationalen Shopping- und Buchungs-Kanal mausern, der alles anzieht, was auf die Spontanität und Preissensiblität von Konsumenten zielt.

Facebook und die Vertrauenskrise

Rachel Botsman führt in dem Interview sehr schön aus, wie sehr sich die Bedeutung von Vertrauen ausgeweitet hat, seit wir vom analogen Leben zu einem großen Teil in das digitale Leben übergegangen sind. Früher sah mensch zu, dass man den Vertrauenslevel von Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden und Nachbarn abschätzen konnte, um sich sicher zu bewegen. Heute wird der Zwang zum Vertrauen existenziell, allumfassend und unausweichlich. Wir müssen es fühlen, weil wir es nicht wissen können.

Im digitalen Zeitalter sind die webbasierten Kommunikations- und Informationskanäle dermaßen komplex und undurchschaubar, dass man ständig auf Vertrauen setzen muss. Schließlich kann niemand in die Daten-Infratstruktur der Konzerne und mittelständischen Digital-Unternehmen blicken. Wenn Google, Apple, Amazon, Microsoft oder Facebook hoch und heilig schwören, dass sie niemals unsere Daten an eigene Netzwerker und Kunden weitergeben würden, glauben wir ihnen kein einziges Wort.

Wie in einer toten Ehe

Kennen Sie diese toten Ehen, in denen sich die Partner nur noch anschweigen oder angiften? Ehen, in denen irgendwann durch einen großen oder viele kleine Verrate das Vertrauen zerstört wurde und man nur noch als Zweckgemeinschaft zusammenlebt? Ehen, die sofort beendet wären, wenn einer der Partner eine attraktive Alternative wüsste?

Facebook als Zweckgemeinschaft

Ja, wir nutzen weiterhin Facebook, weil wir gern wissen wollen, wie es in unserer Filterblase zugeht. Wir wollen von unseren Freunden und Kontakten wissen, ob es ihnen gutgeht. Wir wollen in unserem eigenen kleinen Unterhaltungsprogramm nach dem Zufallsprinzip Content genießen – und wir wollen Neues erfahren und teilen. Das Gefühl einer globalen Community ist weiterhin attraktiv für den individualisierten Menschen des digitalen Zeitalters.

Aber vertrauen wir Facebook dabei? Keine Spur – es wäre kaum noch möglich, uns mit Whistleblower-Enthüllungen zu entsetzen. Wir trauen Facebook und Marc Zuckerberg jede mögliche Skrupellosigkeit zu – von der intensiven Kooperation mit Geheimdiensten und Kriegstreibern bis zu psychologischen Manipulationsfabriken, in denen unser Verhalten seziert und durch Tricks und Techniken beeinflusst wird.

Was soll uns bei Facebook noch schocken? Unser Vertrauen zu diesem mächtigen sozialen Netzwerk ist spätestens mit den Enthüllungen zu Cambridge Analytica zerschmettert worden. Unsere Ehe ist tot. Wir sind eine globale Zweckgemeinschaft. Wir nutzen Facebook aus, so lange wir nichts Besseres gefunden haben. Emotional hält uns hier nichts. Wir haben innerlich schon lange gekündigt.

Irgendwann wird die Menschheit eine Alternative entdecken

Rachel Botsman ist davon überzeugt, dass zum richtigen Zeitpunkt die enttäuschten und desillusionierten Facebook-Nutzer sich einem neuen sozialen Treffpunkt zuwenden werden. Einmal verspieltes Vertrauen kann nicht mehr zurückgewonnen werden. Professionelle Kommunikation ist nicht alles. An ihren Werken sollt Ihr sie erkennen! Ihre Werke sind nun mal rein auf Gewinnmaximierung ausgelegt. Ethik ist höchstens der Wurm, mit dem der Fisch angelockt wird. Integrität und Zuverlässigkeit sind nichts weiter als rhetorisch heiße Luft. Wer liebt schon Facebook?

Ich bin gespannt, welche Richtung Zuckerberg und seine Leute in der nächsten Zeit einschlagen werden. Mit WhatsApp und Instagram hat der Konzern zwei mächtige Geschäftsfelder, aus denen sich noch viel machen lässt. Das soziale Netzwerk Facebook ist lästig, schon allein weil die ganzen rechtlichen und politischen Bestimmungen den Betrieb von Tag zu Tag schwieriger machen. Könnte sein, dass die Führungsriege überlegt, wie sie Facebook abstoßen können, ohne dass sie die Nutzer erneut enttäuschen.

Alternative China?

Während das soziale Netzwerk Facebook uns erscheint wie ein untreuer Ehepartner im Wohnzimmer, bei dem man nur noch aus pragmatischen Gründen bleibt, arbeiten WeChat, Alibaba und andere chinesische Digital-Unternehmen daran, sich in die westliche Welt vorzutasten. Da unser Vertrauen in Facebook, Google und Co zwischenzeitlich bei Null angekommen ist, würden wir womöglich federleicht zu Produkten des aufstrebenden chinesischen Hegemons überlaufen, ohne dass uns die autokratischen Bestrebungen stören würden. Was kann schon verheerender sein als die Überwachung durch unsere westlichen Digital-Konzerne?

Der neue Trend: Dark Social

Klar ist, dass die Menschen sich weiterhin global in Echtzeit verbinden wollen. Einmal diesen Standard gewohnt, wird die Menschheit sich nicht wieder mit analogen Kommunikationsstrukturen zufrieden geben. Dark Social – nicht in der Öffentlichkeit sichtbare digitale Kommunikationsprozesse – wird sich weiter ausweiten. Messenger, Chatrooms, E-Mails, geschlossene Gruppen und Foren… die Menschen haben gelernt, sich vor dem allzu offenen Blick von außen zu schützen und gezielt mit Vertrauten zu kommunizieren.

Wozu noch in offenen sozialen Netzwerken posten, wenn es auch in geschlossenen möglich ist? Man wird weiterhin lesen, was in der eigenen Filterblase so los ist, doch Privates postet man lieber in den ausgewählten Dark Social Räumen. Man wird gern in Newsrooms und bei Instagram und Pinterest informiert und unterhalten werden – doch wozu sich angreifbar machen?
sz: Dark Social – die unsichtbaren sozialen Netzwerke

Öffentlich sichtbare Netzwerke wie Twitter, Facebook, Instagram und Co werden Plattformen werden, in denen Anbieter, Werbemittler, Eigenmarketing-User und Verlage um die Aufmerksamkeit der Passiven buhlen. Das Vertrauen ist weg, ab jetzt wollen wir knallharte Vorteile, wenn wir unsere kostbare Zeit in Social Media verheizen. Erwartet bloß keine Loyalität von uns.

Natürlich wissen wir, dass unser Web- und Mobilverhalten ausspioniert und verkauft wird – doch damit leben wir, weil wir auf die Vorteile der digitalen Welt nicht mehr verzichten können. Kann sein, dass die Digital-Giganten irgendwann bereuen werden, dass sie uns dermaßen belügen und verkaufen – doch ob dann die zerrüttete Ehe noch einmal eine echte Liebesbeziehung wird, ist unwahrscheinlich. Kaputt ist kaputt.

t3n im Interview mit der Vertrauensforscherin Rachel Botsman: Wird die Marke Facebook untergehen?

 

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Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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