Ego-Update: Digitale Identitäten

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Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele? Und wo bin ich eigentlich? Und wer bin eigentlich an diesen Orten? – Philosophen haben sich schon seit jeher mit diesen Fragen beschäftigt und in der letzten Zeit schwappt das Thema der Digitalen Identität nun auch ins Feuilleton. Etliche Museen haben derzeit Ausstellungen, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigen – so die im Titel angesprochene Ausstellung EgoUpdate in Düsseldorf, „i.ch – wie Online Leben uns verändert“ in Österreich, gestreift wird die Frage bei der DASA-Ausstellung und der aktuellen HMKV-Ausstellung „Artifical Intelligence / Digitale Demenz„.

Da besonders die Ausstellung in Düsseldorf als „Selfie-Ausstellung“ tituliert wurde – die Kuratoren werden sich vermutlich nicht unbedingt darüber gefreut haben, die Aspekte der Ausstellung gehen über die Aspekte des Selfies dann doch schon hinaus – ist die  Frage nach der Darstellung in Sozialen Netzwerken eine, die sich deren Nutzer schon lange stellen. So werden sich bei XING in der Regel kaum Profilphotos finden lassen, die im T-Shirt mit Jogginghose und verwildertem Bartwuchs erstellt wurden. Schließlich ist XING ein Netzwerk, das viele als seriös und für die Job-Suche unabdinglich empfinden. Daher stellen wir hier in der Regel nur Photos ein, die auch auf einem Lebenslauf zu finden sein könnten. Abgesehen von mir, das ist dann aber auch schon wieder ein kalkulierter Erwartungsbruch.

Was fehlt: Identitätenmanagement als Fach

Was auffällt wenn man sich die Ausstellungen oder deren Programme anschaut: Sie sind in erster Linie eine Bestandsaufnahme, eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem was vorhanden ist. Das kann wie im Fall von EgoUpdate durchaus witzige Perspektiven hervorbringen – etwa wenn Photos von Füßen in einer Halfpipe montiert werden. Und sicherlich stellen diese Ausstellungen auch Fragen, die etwas tiefer gehen. Warum modellieren Computerspiele ihre Avatare nicht unbedingt nach ihrem Passbild? Wenn wir wissen, dass Bilder inszeniert sind, warum vertrauen wir ihnen dennoch? Eine Frage, die beim Gebrauch von Sozialen Netzwerken essentiell wichtig ist, die wir allerdings im Alltag kaum stellen. Weniger beschäftigen sich die Ausstellungen jedoch mit der Frage, wie wir aktuell unsere Identitäten verwalten.

Genau das aber ist eine wichtige Frage, einerseits natürlich für diejenigen, die als New Worker im Netz unterwegs sind, als Selbstständige oder die beruflich viel mit dem Internet zu tun haben. Andererseits auch für die Nutzer, die Facebook, Twitter, Google+ und andere Netzwerke nutzen. Denn schließlich kann es passieren, dass man persönlich etwas postet, wofür man dann im beruflichen Umfeld angeschwärzt wird. Gerade aber das Managen der Digitalen Identität, das Nachdenken darüber was man wann wo und wie postet ist essentiell wichtig für unsere heutige Zeit. Während die Politik mehr den Wert auf Technik und Programmierkurse liegt ist die Frage, wie wir in Zukunft unsere Identitäten managen nicht auf der digitalen Agenda zu finden.

Authentizität der Digitalen Identität

Gerade der Umgang mit der Identität im Zeitalter der Sozialen Netzwerke ist enorm wichtig. Suche ich einen Job bei XING, stelle ich mich anders dar als im etwas persönlicheren Umfang bei Facebook. Dass bei Facebook es die Möglichkeit gibt, Listen zu erstellen und damit genau gesteuert werden kann wer was sieht – das ist mitunter auch noch nicht so bekannt. Zugegeben: Facebook ist in dieser Hinsicht auch nicht gerade einfach zu bedienen. Selbst wenn sich das etwas gebessert hat. Aber das Nachdenken darüber, was man online stellt und nicht ist für die Digitale Identität unabdingbar.

Dahinter steckt allerdings auch die Frage nach der Authentizität. Wie können wir als Nutzer unterscheiden, ob Bilder nun stattgefunden haben oder nicht? Wie echt sind die Bilderwelten, die wir bei Instagram, Facebook und anderen Diensten sehen? Was ist inszeniert und was nicht? Fragen, die mit dem Aufkommen des Selfies immer wichtiger geworden sind – und über die man sich in der Gesellschaft noch nicht so ganz einig ist. Zwar haben Zeitungen und Magazine mittlerweile Teams, die feststellen können ob ein Bild wirklich echt oder gefälscht ist – wir als Nutzer von Sozialen Netzwerken müssen uns aber da weitestgehend auf unser eigenes Empfinden verlassen. Und das kann sehr leicht in die Irre geführt werden.

Hinterfragen ist notwendig

Während wir bei PR-Photos oder Bildern, die von Firmen kommen in der Regel darauf eingestellt sind, dass diese nicht unbedingt die ganze Wahrheit zeigen sind wir bei anderen Bildern weniger kritisch. Wenn diese in unsere eigenen Wertvorstellungen passen sind wir sowieso eher dazu geneigt, Links ungelesen weiterzuleiten sofern die Schlagzeile gut formuliert ist. Aber selbst Familienphotos sind zu einem gewissen Maße gestellt, selbst das spontan wirkende Selfie ist eine Inszenierung. Dessen sind wir uns aber nicht immer bewußt. Ebensowenig wie wir uns bewußt sind, dass wir uns in anderen Kontexten anders bewegen. Wenn eine Kamera auf uns gerichtet ist, verhalten wir uns automatisch anders. Weil wir uns auf einmal bewußt sind, dass wir unter Beobachtung stehen.

In gewisser Weise sind wir das auch in Sozialen Netzwerken. Deswegen ist die Frage wie wir uns an verschiedenen Orten – in verschiedenen Netzwerken – darstellen, eine, die durchaus diskussionswert ist. Und eine, die wir uns auch ständig bewußt machen müssten. Da Netzwerke aber eine Art von Nähe generieren – die Bezeichnung „Freunde“ bei Facebook suggeriert das auch noch – sind wir häufig gar nicht in der Lage zu reflektieren, wie wir mit unseren Digitalen Identitäten umgehen. Deswegen wäre es an der Zeit für professionelle Unterstützung – und für eine Schulung oder noch besser: Ein eigenes Schulfach.

Bildnachweis: Woman von johnhain. Creative-Commons-Lizenz: Public Domain

Der selbstständige Journalist und Social Media Redakteur Christian Spließ begleitet Unternehmen und Organisationen bei der erfolgreichen Umsetzung von Social Media Kampagnen. Christian Spließ ist einer der Social Influencer in NRW - vor allem über Twitter und Facebook.

www.homo-narraticus.de

One thought on “Ego-Update: Digitale Identitäten

  • Reply Newsletter der SteadyNews vom 8. Dezember 2015 - Steadynews | 15. Dezember 2015 at 07:56

    […] Ego-Update: Digitale Identitäten Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele? Und wo bin ich eigentlich? Und wer bin eigentlich an diesen Orten? – Philosophen haben sich schon seit jeher mit diesen Fragen beschäftigt und in der letzten Zeit schwappt das Thema der Digitalen Identität… […]

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