Der Social Media Leitfaden in 5 Teilen. Teil 2: Twitter verstehen, Twitter nutzen

Twitter funktioniert ganz anders als Facebook. Handelte es sich um angesagte Musiktempel, könnte man sagen, Facebook ist die „Mallorca-Disco“, Twitter der alternative Jazz-Club. Das hat zur Folge, dass nur wenige Marketing-Beauftragte den Weg zu Twitter finden. Wenn sie sich damit intensiver auseinandersetzen, sind sie häufig fasziniert von den „Twitteranern“ und den Echtzeit-Telegrammen, doch dann verlieren sie mehr und mehr die Lust, sich durch die chaotische Timeline zu quälen. Vor Allem, wenn man aus Freundlichkeit oder Strategie vielen Twitter-Accounts folgt, macht Twitter wenig Spaß. Es gibt nur sehr wenige Accounts, die durchweg lesenswerte Tweets abgeben, und nur mit Geschick und Wissen ist Twitter lesenswert. „Twitter? Das ist doch das Ding, wo alle schreiben und Keiner liest!“ kann nicht die Lösung sein, darum heute der 2. Teil: Twitter verstehen, Twitter nutzen.

Twitter verstehen

Twitter hat sich aus der Nerd-Szene heraus entwickelt. Das liegt daran, dass Twitter einige Jahre lang eine offene Schnittstelle Twitter_IIhatte und jeder begeisterte Programmierer dort etwas andocken konnte. Es gab unzählige Zusatzprogramme zum Kern-Twitter. Man konnte sich über Landkarten finden und zum „Twittagessen“ verabreden, man konnte Statistiken über alles und jeden abrufen, man konnte nachts automatisch Hunderten von Twitter-Accounts folgen, die bei bestimmten Hashtags aktiv waren – und diese nach ein paar Tagen wieder genauso automatisch entfolgen, wenn sie nicht zurückfolgten…. Man muss sich dieses Twitter-Universum so vorstellen wie eine Studenten-WG, in der alle kreativ, gesellig und verspielt sind – aber keiner schimpfen kann, wenn das Bad nicht geputzt ist 😉

Auf der anderen Seite wurde das Unternehmen selbst immer gewinnorientierter und hatte immer weniger Spaß an den (manchmal genialen) Zusatzprogrammen. Der Börsengang brachte weiteren Druck: Die Investoren wollten endlich Rendite sehen und verlangten ein auf Masse und Werbeeinnahmen ausgelegtes Konzept. Twitter kaufte einige der Tools wie das Verwaltungsprogramm Tweetdeck (das bis heute keine App für mobile Geräte bereithält) und schränkte die Möglichkeiten für Zusatzprogramme immer weiter ein. Klar waren die treuen Nerds enttäuscht, aber man lernte damit zu leben – Facebook war nun mal keine Alternative…

Warum Facebook keine Alternative zu Twitter sein kann

Man sieht sehr schön an diesen Kernelementen, wie entscheidend im Social Web Funktionalitäten sind. Twitter besteht aus folgenden Kernelementen:

  • Hashtags sind der Wegweiser durch Themen und News
  • Beschränkung auf 140 Zeichen pro Tweet
  • Jeder Tweet ist gleichwertig – es gibt keine Unterscheidung zwischen Erst-Post und Folge-Kommentaren
  • Diskussionen sind öffentlich – auch für Nicht-Twitter-Mitglieder
  • Viele Twitter-Accounts sind anonym

Hashtags

Facebook hatte ja versucht, ebenfalls mit Hashtags zu punkten – doch das konnte nicht funktionieren. Allein die komplizierten Privateinstellungen bei Facebook schränken die Ergebnisse so sehr ein, dass man nicht über Hashtag-Suchen etwas wirklich Neues erfährt. Bei Twitter erscheint ALLES, was zu dem betreffenden Thema getwittert wurde. Zwar heute auch (leider) mit einer Vorauswahl von Twitter, doch mit ein bisschen Mühe kann man sich alle Tweets anzeigen lassen.

140 Zeichen

Durch die strikte Zeichenbegrenzung müssen sich Twitteraner kurz fassen. Das führt dazu, dass Twitteraner nachdenken müssen, bevor sie einen Tweet losschicken. Häufig bastelt man mehrere Minuten an der exakten Formulierung. Bisher musste man auch noch Rücksicht auf die Links zu Bildern, Videos und Webseiten nehmen, die mit eingerechnet wurden. Das schafft Twitter gerade ab, um die strikte 140 Zeichen Regelung zu lockern. Man wird sehen, ob das eine gute Idee war.

Keine Auflistung von Kommentaren

Bei Twitter kommentiert man nicht – man antwortet auf Tweets. Leser können die komplette Unterhaltung nur dann sehen, wenn sie auf einen Tweet mit einer Antwort klicken. Ansonsten steht jeder Tweet für sich – mit der Erwähnung des oder der Accounts, auf den oder die man gerade Bezug nimmt. Das führt dazu, dass Diskussionen sich häufig nur dann entwickeln, wenn der Erst-Poster Lust dazu hat. Ansonsten verschwimmt die Diskussion immer weiter: Neue Tweets zu dem Thema kommen hinzu, neue Accounts schalten sich ein… Die langen Kommentar-Schlachten wie bei Facebook gibt es so nicht. Will man Jemanden „bashen“, passiert das in der Regel über einen Hashtag, der schnell kreiert wird. Finden Gesinnungsgenossen den Hashtag passend, machen sie mit. So entstehen Twitter-Trends wie #gauland #gauleiter oder #gauland #supergau.

Alles öffentlich – alles gern anonym

Während bei Facebook das Thema aller Themen die Privatsphäre ist, spielt es bei Twitter überhaupt keine Rolle. Jeder darf sich anonym so viele Account anlegen, wie er will – und selbst Geheimdienste haben es sehr schwer, Twitter-Accounts zu identifizieren. Es ist dermaßen simpel, sich neue Twitter-Accounts anzulegen und alte verschwinden zu lassen, dass Twitter ein bisschen wie eine Mückenplage empfunden werden kann, wenn man Kontrolle haben will. Es funktioniert nicht – die kleinen Stechfliegen sind überall und Mückenvernichtungsspray gibt es bei Twitter kaum.

Das führt natürlich auch zu wahnsinnig viel Spam. Ist allerdings kein Problem, wenn man weiß, wie man Twitter-Accounts blockiert. Und „Entfolgen“ ist dermaßen einfach, dass lästige oder langweilige Twitter-Accounts wenig Chancen außerhalb ihrer Spam-Netzwerke haben. Jeder Twitter-User wünscht sich eine gute Bilanz bei Twitter: „Viele folgen mir (weil ich so interessant bin) und ich folge weniger (weil ich nicht aufdringlich bin – bzw. anspruchsvoll)“.

Twitter ist anspruchsvoll im Gebrauch

Eigentlich ist Facebook komplizierter als Twitter. Vergräbt man sich in die Tiefen der Privatsphäre, des Datenschutzes, der Werbe- und Spieleeinschränkungen etc. kann man dort viele Überraschungen erleben. Die meisten Facebook-Nutzer sind jedoch bescheiden und geben sich mit ihrer Timeline und ihrem Status-Feld zufrieden. Bei Twitter ist das anders. Der Mehrwert aus Twitter wird erst dann deutlich, wenn man die Funktionalitäten nutzt. Ohne Hashtags, Listen, Replies und Retweets ist Twitter wie ein Freejazz-Konzert für Ungeübte. Man muss die versteckten Harmonien erkennen und lieben.

Journalisten lieben Twitter, um News zu erhalten und filtern. Blogger lieben Twitter, da sie dort ihre Zielgruppen finden und sich vernetzen. Manche Gamer und Digital-Kreative lieben Twitter, weil man da so herrlich Communities über Hashtags aufbauen kann und sich in Witz und Provokation üben. Social Media Manager lieben Twitter, da man sich dort austauschen und im Offline-Leben verabreden kann. Zu Twitter gehören nämlich unweigerlich die vielen Events der Web 2.0-Szene: BarCamps, Hackathons, Twittwochs…

Twitter nutzen

Um Zugang zu Twitter zu finden, braucht man einen Zugang zu Spaß an Twitter. Man kann sich nicht disziplinieren – genau so wenig, wie man sich zu Google+ zwingen kann. Das hält man ein paar Wochen durch, dann lässt man es wieder sein. Schließlich kann man es sich auch einfach machen und einfach die eigenen Blogbeiträge – und vielleicht auch Facebook-Posts – mit Twitter automatisch verbinden. So kommt das berüchtigte „Twitter? Das ist doch das Ding, wo alle schreiben und Keiner liest!“ zustande.

Twitter Einstieg über Accounts

Spaß findet man natürlich nur über Themen und Menschen bei Twitter, die begeistern. Wenn ich einem Prominenten folge bei Twitter, der total witzige oder aufregende Tweets schreibt, und wenn ich einen emotionalen Bezug zu diesem Prominenten habe, dann kann das ein guter Einstieg sein. Als Beispiel seien mal Böhmermann, der Papst oder Steffen Seibert genannt. So kann man im ersten Schritt einfach einmal täglich die eigene Timeline mit drei, vier Prominenten durchscrollen, ab und zu etwas liken oder retweeten. Mit der Zeit wird man Gesinnungsfreunde erkennen, die eine ähnliche Werteskale haben wie man selbst. Nur Geduld! Hauptsache, die Timeline macht Spaß und man findet eine Routine, täglich nachzuschauen.

Twitter Einstieg über Hashtags

Ebenso wie Accounts funktionieren Hashtags. Es gibt zum Beispiel Fernsehformate, die eine begeisterte Twitter-Fan-Schar um sich bilden. Ob Domian, Tatort, Das perfekte Dinner oder der Fernsehgarten – hier sitzt man gemeinsam in ganz Deutschland live vor dem Fernseher und schreibt witzige Kommentare. Gerade bei Trash-TV kann es extrem erheiternd sein, sich dort in einen Wettstreit der Tweets zu begeben. Natürlich tut man das mit einem anonymen Account – auch darum eignet es sich hervorragend, um sich in die Twitter-Kultur einzufinden.

Twitter für Beruf und Business

Professionell wird Twitter dann, wenn man mit Hashtags zu Themen arbeitet, die für den Beruf bzw. das Geschäft interessant sind. Sobald ein Unternehmen sich entschlossen hat, sich im digitalen Netz zu verankern, ist Twitter extrem wichtig, um Influencer und Stakeholder zu finden. Dank der Leichtigkeit von Twitter ist es möglich, einflussreiche Blogger und Autoren für sich zu interessieren, die ansonsten unerreichbar wären. Man kann sich mit anderen Social Media Experten austauschen und sich im Offöine-Leben kennen lernen. Einfach ab und zu den wertvollen Beiträgen der Influencer Respekt zollen, Hochachtung und Sympathie ausdrücken – und natürlich die Vorbilder retweeten. So schafft man einen Boden für Vertrauen und Respekt.

Das ist wahrscheinlich die wichtigste Funktion von Twitter: Sich selbst mit seiner ganzen Persönlichkeit als Experte für eine Nische positionieren – und andere Experten respektieren und mit ihnen in Kontakt kommen.

Twitter nutzen für Echtzeit-News

Die letzte wertvolle Funktion – die Suche nach News in Echtzeit über Hashtags – ist für die meisten Menschen nur punktuell interessant (zum Beispiel, wenn man im Stau steht oder auf einem Festival nach Orientierung sucht – oder wenn man sich auf einem Event mit anderen Teilnehmern vernetzen will). Es sei denn, man hat extremes Interesse an bestimmten Themen und arbeitet mit Twitter wie ein Journalist. Dann läuft der Ticker zu bestimmten Hashtags selbstverständlich durch. Dann hat man seine Twitter-Listen mit bestimmten Medien und Bloggern, um stets auf dem Laufenden zu sein. Dann verfolgt man live Events aus dem eigenen Themengebiet und ist immer uptodate. Super-Sache und unersetzbar – aber eben nur für Profis und Leidenschaftlich Engagierte.

Zum Abschluss noch ergänzend eine Anleitung für Twitter. Ansonsten gilt wie immer: Willst Du was wissen, google es – es ist alles da, man muss nur suchen.

Social Media Leitfaden in 5 Teilen

Eva Ihnenfeldt hat diesen Leitfaden geschrieben und in 5 Teilen hier in den SteadyNews veröffentlicht. Wenn Sie diesen Leitfaden gesammelt als ein PDF Dokument erhalten möchten, dann registrieren Sie sich einfach hier für unseren Newsletter!

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Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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