Vor einigen Jahrzehnten galten viele Hunde und Katzen als „gesund“, solange sie liefen, fraßen und freudig auf ihre Menschen reagierten. Heute hört man häufiger, dass Hunde schon im mittleren Alter an Arthrose, Katzen an Niereninsuffizienz, und Haustiere aller Altersgruppen an Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs oder chronischen Darmerkrankungen leiden. Wie ist das möglich?
Versorgungs‑, Versicherungs‑ und Haftungskultur
Diese Entwicklung spiegelt weniger eine plötzliche Gesundheitskatastrophe wider als vielmehr eine Veränderung der Versorgungs‑, Versicherungs‑ und Haftungskultur rund um Haustiere in Deutschland.
Haustierkrankenversicherungen: Mehr Schutz, mehr Diagnostik

Seit den 2010er Jahren wächst der Markt der Tierkrankenversicherungen deutlich. In Deutschland ist heute etwa jeder fünfte Hund‑ oder Katzenhalter versichert; die Zahl der Anbieter und Tarife steigt, getrieben von hohen Tierarztkosten. (Preissteigerungen bei Tierarztbesuchen)
Viele Versicherungen decken nur neu auftretende Erkrankungen ab; bestehende chronische Leiden gelten als Vorerkrankungen und werden ausgeschlossen.
(Digitale Evolution im Tierkrankenversicherungsmarkt 2025)
Dadurch entsteht ein Anreiz, möglichst früh und umfassend zu untersuchen – Blutwerte, Ultraschall, Blutdruck, Stoffwechsel‑Checks, Röntgen –, um klar zu dokumentieren, was „vorher da war“ und was später neu hinzukommt.
Vorsicht der Tierärzte: Was, wenn man etwas übersehen hat?
Gleichzeitig steigt der Haftungsdruck für Tierärzte. In der deutschen Rechtsprechung wird zunehmend darauf geachtet, dass bei Ankaufs‑ oder Verkaufsuntersuchungen alle erkennbaren Gesundheitsmängel benannt und dokumentiert werden.
Eine fehlende Aufklärung kann als Pflichtverletzung gewertet werden, was im Worst Case zu Schadensersatz oder rechtlichen Auseinandersetzungen führen kann.
Vor diesem Hintergrund empfehlen viele Tierärzte vorsichtshalber mehr Vorsorgeuntersuchungen, mehr Kontrollen und mehr Diagnostik – Herz‑ und Nierenaufbau, Orthopädie, Stoffwechselmarker –, um nichts zu übersehen.
Die zugrunde liegende Logik ist klar: In einer Zeit, in der Tierhalter bereit sind, hohe Summen für ihre Tiere auszugeben, muss sichergestellt sein, dass nichts „übersehen“ wurde, das später als Behandlungs‑ oder Aufklärungsfehler interpretiert werden könnte.
Pharmaindustrie: Ein wachsender Markt um die Haustierpharmazie
Dieser Trend kommt der Pharmaindustrie für Tierarzneimittel entgegen. Der Markt der Tierarzneimittel lag nach Zahlen des Bundesverbands für Tiergesundheit schon 2024 bei über einer Milliarde Euro – nach einem deutlichen Wachstum um rund 8,7 %. (Wachstumstreiber Tierarzneimittel)
Ein großer Teil der Umsätze entfällt dabei auf chronische Erkrankungen: Herz‑Kreislauf‑mittel, Arthrose‑Therapien, Antidiabetika, Antiparasitika und Medikamente gegen Autoimmun‑ und Entzündungserkrankungen.
Für die Industrie bedeutet das einen klaren Wachstumsanreiz: Je mehr Hunde und Katzen dauerhaft chronisch krank sind, je früher und konsequenter sie medizinisch begleitet werden und je genauer Therapieprotokolle standardisiert werden, desto höher die Nachfrage nach spezifischen Präparaten, Diätfuttern, Kombinationstherapien und Begleitdiagnostik.
Mehr Diagnose – nicht unbedingt mehr Krankheit
Empirische Studien zeigen, dass der Anteil als „gesund“ eingestufter Haustiere leicht sinkt: In einer aktuellen Haustierstudie 2024/2025 gaben nur noch etwa 72 Prozent der Besitzer ihr Tier als gesund an, vier Jahre zuvor waren es noch 80 Prozent.
Gleichzeitig steigen das Bewusstsein für Symptome, die Bereitschaft, regelmäßig zum Tierarzt zu gehen, und die Erwartung an umfassende Diagnostik.
Ob dahinter eine echte gesundheitliche Verschlechterung von Hunden und Katzen steht, oder ob vielmehr Diagnosefrequenz, Versicherungslogik, Haftungsdruck und pharmazeutische Versorgung dafür sorgen, dass früher Gesundheit heute als Erkrankung benannt wird, bleibt eine offene, aber zentrale Frage.
Vergleich mit der menschlichen Gesundheit
Interessant ist der Vergleich zum Menschen: Auch dort wird heute bei einer Erkältung, bei Schlafstörungen oder bei leichtem Rückenschmerz oft ärztlich nachgefragt, was noch vor wenigen Jahrzehnten als „Lappalie“ abgetan worden wäre. Diagnosen werden genauer, Leistungen dokumentiert, Fristen für Versicherungsleistungen beachtet – und die Zahl der diagnostizierten chronischen und psychischen Erkrankungen steigt, während die Sterberaten relativ stabil bleiben.
In beiden Bereichen – bei Menschen und bei Haustieren – wirkt es, als ob die Gesundheit dramatisch schlechter geworden sei. Die empirischen Daten legen jedoch eher nahe, dass mehr beobachtet, mehr gemessen und mehr benannt wird – nicht unbedingt, dass die Welt insgesamt kränker ist als noch vor einigen Jahren.
Robert Koch-Institut im Juli 2025: Chronisches Kranksein ab 18 Jahre in Deutschland



