Die zwei Gesichter des Handelsblattes

Christian Spließ, Social Media Storyteller: Wir sind mitten in einer Kulturrevolution, deren Ausmaße wir noch nicht einmal erahnen können.

Während einige Mutige meinen, die Zeit ist reif für neue Spezialinteressen-Magazine und Print2.0 als Schlagwort führen, tun sich die traditionellen Medien schwer mit der Umstellung auf Internet, eBookReader und die Sharing-Kultur. Das Handelsblatt vollführt momentan einen schwierigen Balance-Akt, der zeigt wie extrem spannend unsere Zeit eigentlich ist.

Das Gesicht des Handelsblattes ist momentan das von Janus, dem römischen Gott mit zwei Köpfen: Einerseits gibt es die Printredaktion, die eigene Themen fährt und Schwerpunkte setzt, andererseits verstärkt man das Engagement in den neuen Medien und eröffnete vor kurzem ja sogar als erstes Magazin in Deutschland eine offen Facebook-Gruppe zu den Wahlen in NRW. In der sogar relativ sachlich und ruhig diskutiert wird – was angesichts des heißen Wahlkampfes nicht selbstverständlich ist. Ein Shitstorm blieb bisher aus. Die Social-Media-Redaktion des Handelsblattes bewies sogar Humor, als sie ein Video im Stil von The Artist veröffentlichte, da die Grenze von 20.000 Followern geknackt wurde. Auf der einen Seite sieht das, was das Handelsblatt momentan im Social Web macht also eigentlich alles gut und richtig aus und so, als hätte man verstanden wie das Internet funktioniert.

 

Auf der anderen Seite erregte die Print-Redaktion mit einer Sonderausgabe reichlich Wirbel: 100 Köpfe sprachen sich darin für das Urheberrecht aus. Wären diese 100 Köpfe vollständig aus dem Bereich der Kreativwirtschaft gewesen und nicht durchsetzt mit Vertretern von Organisationen wie GEMA und Co. – also den Verwertern, deren Geschäftsmodell gerade darin liegt die Verwertungsrechte wahrzunehmen und durchzusetzen, nicht die Urheberrechte, diese verbleiben ja immer bei der Person, die das Werk erstellt hat – so hätte das durchaus eine gewisse Glaubwürdigkeit erzielt. Der Vorwurf, die Piraten wollten generell eine Kostenlos-Kultur ist indessen ja vom Tisch: Die Piraten wollen wie einige andere aktive Internetnutzer auch eine Reform des Urheberrechtes. Eine Reform, die auf die Begebenheiten der heutigen Zeit angepasst ist – und die dringend nötig ist. Denn irgendwann in naher Zukunft wird es garantiert knallen und dieser neue Urknall könnte gar nicht so gut sein wie der zu Beginn der Schöpfung.

Einerseits also: Großes Engagement in den sozialen Netzwerken mit der Aufforderung, die eigenen Inhalte zu teilen und zu streuen – andererseits eine eher restriktivere Haltung über das Urheberrecht im Allgemeinen. Wie geht das zusammen? Geht das überhaupt zusammen oder ist das nicht eher „Wasch mich, aber mach mich nicht nass?“ Es wird interessant sein zu beobachten, was das Handelsblatt weiterhin tun wird. Allerdings: Augen zu und hoffen dass das böse Internet wieder verschwindet – ein frommer Wunsch.

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