Mikrokredite für mittellose Existenzgründer: „Geschäft mit dem Elend“?

Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hatte 1976 in Bangladesh eine genossenschaftliche Bank gegründet, die mittellosen Existenzgründern Geld verleiht. Zu 95 Prozent gehört die Grameen Bank ihren Kunden, das Experiment verlief in jeden Hinsicht erfolgreich: Der Ausfall der Kredite war durch die soziale Kontrolle (die allermeisten Kreditnehmer sind Frauen) sehr gering, durch die hohen Zinsen von 18,5 bis 20 Prozent sowie durch Sparanlagen kann die Bank seit vielen Jahren wirtschaftlich arbeiten.

Nun haben auch andere Banken und Finanziers diese Marktlücke mit den Ärmsten der Armen entdeckt. Mittlerweise gibt es weltweit schon mindestens 1.870 Mikrofinanzinstitute, die Mikrodarlehen ab 100 Dollar an mittellose Existenzgründer in Armutsregionen verleihen. Die durchschnittliche Kreditsumme beträgt 520 Dollar, etwa 90 Millionen Menschen sind Kreditnehmer. Unter den Anbietern sind neben Organisationen, die durch öffentliche Fördermittel, Stiftungen und Spenden unterstützt werden, auch kommerzielle Banken.

Der größte indische Anbieter ging in diesem Sommer an die Börse. Die Deutsche Bank hat schon 2007 die weltweit erste Verbriefung von Mikrokrediten auf den Markt gebracht und erlöste damit 60 Millionen Euro für Mikrofinanzinstitute in 15 Entwicklungs- und Schwellenländern. Größter Investor ist die KfW. 36 Millionen Euro Schuldverschreibungen wurden von vermögenden Privatkunden der Deutschen Bank gezeichnet.

Bis 2015 sollen weltweit 175 Millionen Familien Mikrodarlehen erhalten. Für die mittellosen Kreditnehmer liegt das Risiko neben einem möglichen Scheitern der Geschäftsidee in den hohen Zinsen. Da es sich um ausgesprochen kleine Beträge handelt, sind die Verwaltungs- und Vertriebskosten für die Banken so hoch, dass sie nur durch sehr hohe Zinsen aufgefangen werden können.

In Kenia und Indien werden sogar schon Kredite per Handy angeboten, die Darlehen sind nach ähnlichem Prinzip erhältlich wie Pre-Paid-Guthaben fürs Telefon. Selbstverständlich wächst durch die Kommerzalisierung des Marktes die Gefahr der Überschuldung. Doch es gibt noch keine Zahlen. Der Branchendienst mixmarketorg wirbt damit, dass die weltweit angebotenen Mikrokredite nur mit drei Prozent ausfielen. Doch die wirklich Anzahl ist schwer einzuschätzen. Problematische Kredite werden gern an andere Anbieter weitergegeben – am Ende der Nahrungskette stehen womöglich die klassischen Dorf-Geldverleiher, die man eigentlich durch die Initiative abschaffen wollte.

Übrigens: Wahrscheinlich haben nur sehr wenige Kreditnehmer wirklich ein erfolgreiches Unternehmen über die Mikrokredite aufgebaut. Peter Wolff, Finanzexperte beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik: „Zur Unternehmensförderung kann Mikrofinanz nur einen kleinen Beitrag leisten.“

Quelle: FTD

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