„Pass auf Dich auf“ ruft mir auf der Straße zum Abschied eine Freundin hinterher. Ich drehe mich zu ihr um und rufe zurück „Sag das nie wieder zu mir – ich will nicht aufpassen – ich will leben!“. Da lacht sie – sie kennt mich Dickkopf ja. Achtsamkeit und Gleichmut sind schon nah beieinander – beide Begriffe umfassen die Bedeutung des Moments, der in der Gegenwart gelebt wird, ohne diesen mit Bewertungen zu belasten. Der Unterschied liegt darin, dass Achtsamkeit eine Art Therapieform ist, und Gleichmut die Grundhaltung des erfahrenen Samurais, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Kann man Gleichmut lernen? Oja, das kann man – ich zeige kurz, wie es geht.
Die sechs Nebenübungen – der Weg des Samurai

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat in seinem „Selbsterziehungs-Weg“ der sechs Nebenübungen gezeigt, wie man über ein praktisches, tägliches Seelentraining Gedankenkontrolle, Willensinitiative, Gleichmut, Positivität, Unbefangenheit und innere Harmonie in sich verankern kann. Ich übe mich seit drei Monaten in dieser Kunst (erfordert jeden Morgen und jeden Abend ca. zehn Minuten). Es macht mir große Freude, da ich die Übungen empfinde wie andere Leute Kreuzworträtsel oder Sudoku.
- Gedankenkontrolle: Morgens schreibe ich 5 Minuten lang etwas über einen unbedeutenden Gegenstand (zum Beispiel eine Pinzette). Und das sieben Tage lang jeden Morgen. So kann ich mich selbst beobachten wie ein Diagnostiker: Bin ich in der Lage, selbst zu denken, oder denke ich fremdbestimmt?
- Handlungskontrolle: Ich nehme Handlungen in meinen Alltag auf, die Disziplin in meinen Tag bringen. Bei mir sind es zurzeit zwei solche Handlungen: jeden Tag ein Fach in meinem Haushalt aufräumen, und abends drei Seiten von einem philosophisch anspruchsvollen Buch laut vorlesen. Wenn ich mal einen Tag „geschwänzt“ habe, empfinde ich diese Schwäche und genieße es, wenn ich am nächsten Tag wieder frisch ans Werk gehe
- Gefühlskontrolle: Bei der dritten Übung begegnen sich Achtsamkeit und Gleichmut. Die Achtsamkeit nimmt wahr, wenn ich mich übermäßig freue oder übermäßig ängstige, ärgere, schäme… Der Gleichmut kehrt ein, wenn ich gelernt habe, täglich zu registrieren, sobald ich aus dem Gefühlsstrom in die „Hysterie“ gleite. Je sensibler ich das erkenne, desto selbstverständlicher kehrt der Gleichmut ein und verankert sich – herrlich!
- Positivität: Das ist meine Lieblingsübung, weil sie meine Kreativität anregt und so spannend ist wie eine Netflix-Serie. Wie ein Jagdhund erschnüffele ich in jeder Lebenslage das Positive, das auch im Schlimmsten steckt. Eine Klientin beschwert sich über mich? Wunderbar, so kommen wir beide aus der unglücklichen Lage heraus und trennen uns! Die Politiker wollen Krieg? Okay, vielleicht wird es Zeit, mal wieder auf das ganz Fundamentale zurückgeworfen zu werden: Frieden und Nächstenliebe.
- Unbefangenheit: Ich habe die große Ehre, in meiner Freizeit ab und zu Zeit mit dementen alten Menschen verbringen zu dürfen. Einige von ihnen sind ein unglaubliches Vorbild an Unbefangenheit. Sie nehmen einfach an, was gerade passiert, sie haben gelernt, damit zu leben, dass ihr Erinnerungsvermögen verfliegt wie Federn im Wind. Ich liebe diese Ausstrahlung und es gelingt mir immer besser, es ihnen nachzutun. Was habe ich schon zu verlieren! Unbefangenheit ist das Geschenk, wieder wie ein Kind zu sein. Herrlich.
- Harmonie: Alle Übungen gemeinsam leben wie in einem schönen Bühnenbild. Tatsächlich schaffe ich es, alle sechs Übungen ohne viel Zeitaufwand zu praktizieren. Dabei ist das Zentrum des Geheimnisses das abendliche „Logbuch“. Ich (der Kapitän meines Lebens) setze mich kurz vor dem Schlafengehen hin und halte Rückschau. Und das (auch ein Tipp von Rudolf Steiner) rückwärts. Und diese abendliche Rückschau ist das Geheimnis, wie ich Gleichmut in mein ganzes Sein bringe. In der abendlichen Rückschau erkenne ich, wann, warum und wie ich hier und da aus der Gefühlsharmonie ausgebrochen bin – und was das mit mir gemacht hat.
Beispiel: Meine heutige Rückschau (20.49 Uhr)
Nun sitze ich hier seit 19 Uhr und schreibe über Achtsamkeit, Gleichmut und die sechs Nebenübungen. Wie sehr ich doch gleichmütig werde, nur weil ich das Wort „Gleichmut“ verwende. Mut habe ich gern. Achtsamkeit hört sich in meinen Ohren immer an wie „Pass auf Dich auf“ – das bringt mich aus dem Gleichmut in den Trotz.
Vor diesen zwei Stunden habe ich gekocht und gegessen (zurzeit koche ich schlecht – war nicht gerade lecker. Ich bin uninspiriert). Da mir dabei langweilig war, habe ich YouTube-Gespräche geguckt – aber auch die waren langweilig.
Davor habe ich eingekauft fürs Wochenende. Das hat sich super angefühlt, da ich nun weiß, dass ich mein straffes Wochenendprogramm schaffen werde. Es ist eingekauft – alles da.
Davor bin ich nach der Arbeit wie immer mit dem Zug nach Hause gefahren. Das mache ich leidenschaftlich gern. Dann fühle ich mich unter den Fahrgästen wie „eine von ihnen“. Das gibt mir ein Gemeinschaftsgefühl.
Da meine Kundin auf der Arbeit nicht gekommen ist, konnte ich all meine Arbeit direkt am Arbeitsplatz erledigen. Ich liebe es, wenn alles geschafft ist. Das gibt mir ein Gefühl von Stolz und Freiheit.
Das Coaching vor diesem Einsatz war wie immer fantastisch. Mein Klient und ich sind ein richtig eingespieltes Team geworden. Er erzählt etwas von einem Problem, ich bringe es in Struktur, wir formen gemeinsam aus dem Rätsel eine Lösung – fertig. Wie einfach das Leben doch sein kann – es ist genial.
Fazit und Gleichmut: Einmal bin ich heute aus meinem Gleichmut gerutscht – und zwar in die Wut. Wut auf eines meiner Kinder, das sich vor zwei Wochen per WhatsApp entschieden hat, mich erst einmal nicht mehr sehen zu wollen. Ich dachte „Wie kommst Du eigentlich auf die Idee, dass ich das alles so hinnehme, ohne selbst zu erkalten? Musst Du Dir überhaupt keine Mühe mit mir geben? Was würde Deine Freundin tun, wenn Du ihr so etwas schreibst?“ Doch dann habe ich wacker ein I-Ging geworfen und mir wurde klar, dass mein Kind in einer Krise steckt, bei der ich nicht zur Lösung beitragen kann. Manchmal muss man sich eben fügen in die Zeit. Daraufhin tat das arme Kind mir total leid, und dann blieben nur noch gute Wünsche in meinem Herzen übrig. Das arme Kind! Leben ist wahrlich kein Ponyhof.
Nun ist es 21:06 Uhr und ich genieße meinen Gleichmut. Gleichmut ist Vertrauen, ist Dankbarkeit, ist die Liebe zu mir selbst. Nun noch eine Folge Twin Peaks – dann gehe ich (nach 3 Seiten Buch) ins Bett. Gute Nacht allerseits!
Rudolf Steiner: Die sechs Nebenübungen als pdf
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