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Alt werden: Segen oder Fluch? 0

Ist es erstrebenswert, möglichst alt zu werden? Wie viele Menschen über 70 können es gesund und stark genießen, nicht mehr arbeiten gehen zu müssen? Ich habe mal etwas recherchiert: Im Alter zwischen 65 und 79 gibt es so gut wie keinen Menschen mehr in Deutschland, der kein einziges Arzneimittel oder zumindest Nahrungsergänzungsmittel anwendet. Weit über 70 Prozent der 65+’er konsumieren Medikamente zur Behandlung des Herz-Kreislauf-Systems. Die Hälfte der Senioren ab 65 brauchen etwas für die Verdauung bzw. den Stoffwechsel, rund ein Drittel (vor Allem Frauen) nehmen Medikamente für ihr Nervensystem – sprich Psychopharmaka. Das ist doch irre! (Hier Zahlen der Bundesregierung)

Demenz, Parkinson, Depressionen, Rheuma, Herz-Kreislauf-Abnutzungen, Krebs und Immunschwäche – das sind die häufigsten Leiden des Alters. Kurz zusammengefasst: Je älter ein Mensch ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er oder sie noch kerngesund ist. OK, kann man sagen: Macht doch nichts! Dann komme ich eben immer mal wieder ins Krankenhaus, werde bestmöglich therapiert und komme in die Reha.

Bild von kalhh auf Pixabay 

Siechtum im Alter? Nein, ich will das nicht

Ich bin ein sehr stolzer (eitler?) Mensch, der jede Form von Abhängigkeit und Hilflosigkeit fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Ich brauche es, „nein“ sagen zu können und mich Anforderungen von außen zu entziehen. Vielleicht habe ich die Natur eines Vogels, der fliegen muss, um singen zu können. Sperre mich in einen Käfig, und meine Lebenskraft vergeht.

Müsste ich mich entscheiden zwischen „Liebe“ und „Freiheit“, würde ich mich auch heute noch für Freiheit entscheiden und die damit verbundene Einsamkeit in Kauf nehmen. Freiheit ist mein höchstes Gut.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Ich brauche fürs Altern eine Strategie

Auf keinen Fall kann ich mich damit zufrieden geben, vertrauensvoll die Daumen zu drücken, dass ich irgendwann kerngesund umfalle und tot bin. Das ist ebenso albern wie sich zu wünschen, im Lotto zu gewinnen.

Natürlich könnte ich Maßnahmen für einen Selbstmord planen, bevor es soweit ist, dass ich zu siechen beginne. Aber auch das ist albern. Inge Meysel hatte ihre Selbstmord-Pläne öffentlich in der BILD verkündet und alles getan, um dem letzten Teil des Lebens zu entkommen – und was war? Trotz all der Vorsorgemaßnahmen starb sie zwei Jahre später dement und komplett hilflos als Pflegefall. (RP über Inge Meysels Tod)

Ich brauche also eine Strategie dafür, wie ich den Prozess des Siechens im Alter als Gewinn annehmen kann. Ich will diesen Teil, der nun mal zum irdischen Leben dazugehört, verstehen, akzeptieren und bewältigen. Das geht, davon bin ich überzeugt.

Der gute Tod“

Zunächst suche ich mir Menschen, die so gestorben sind, wie ich es auch gern täte. Was bedeutet für mich „ein guter Tod“? Woran erkenne ich ihn? Ganz unabhängig vom Lebensalter gibt es durchaus Parameter, an denen ich ein solch erstrebenswertes Sterbeerlebnis erkenne.

Mein Papa

Mein Papa ist meine persönliche Blaupause für den perfekten Abgang. Ihn hatte mit Anfang 70 ein sooooooo schwerer Schlaganfall erwischt, dass die Ärzte keinen Pfifferling mehr um sein Leben gaben. Doch dann fand sich doch noch ein Spezialist, der das viele Blut aus dem Kleinhirn aussaugen konnte – und siehe da, Papa erwachte aus dem Koma, erlernte neu, wie man sich als Mensch verhielt und lebte noch einige Jahre mit Einschränkungen – dement und wackelig – aber glücklich.

Als ich ihn kurz vor seinem Tod fragte, ob er sein zweites Leben als Geschenk empfand, antwortete er ganz naiv und freundlich: „Och, ist mir eigentlich egal. Ob ich damals schon gestorben wäre oder eben nicht – es spielt keine wirkliche Rolle“. Als ich ihn – der anderthalb Jahre vor seinem Tod Witwer geworden war – weiter fragte, welcher Lebensabschnitt für ihn der schönste wäre, sagte er ohne zu Zögern „Eigentlich jetzt“. Und ich wusste, warum…

Der überzeugt katholische Vinzenzbruder war versöhnt mit Allem und Jedem. Papa war glücklich, keinen Anforderungen von außen mehr gehorchen zu müssen (weder beruflich noch als Mann meiner Mutter). Er durfte essen was er will, schlafen so lange er will, konnte die künstlichen Zähne im Wasserglas liegen lassen und den ganzen Tag faulenzen und Bibel lesen. Und er konnte alles Gelesene sofort wieder vergessen – dann blieb es auf jeden Fall immer wieder aufs Neue spannend.

Er, der als Beamter immer eine so superkorrekte Erscheinung gewesen war, ließ sich nun treiben wie ein Alt-Hippie. Und täglich pries er seine schöne Pension, die ihm dieses sorglose Leben ermöglichte. Und so starb er dann auch.

Ich hatte ja das Riesenglück, beide Elternteile beim Sterben begleiten zu dürfen, und mein Papa war der Knaller. Ich hatte ihm auf der Intensivstation noch aus dem Stundenbuch von Rilke vorgelesen (die Bibel erschien mir für ihn als zu banal) und dann verebbte das Geräte-Gepiepe. Das war’s. Er war weg. Sowas von weg. Wunderschön.

Was ist an 80-Jährigen besser als an 60-Jährigen?

Nachdem ich die Hälfte dieses Beitrags geschrieben hatte, traf ich gestern nachmittag auf dem Weg zu einem Freund meine Nachbarin, Rita, 74 Jahre alt. Ich fragte sie, was sie an einem Menschen mit 80 besser findet als an einem Menschen mit 60, und sie schaute mich vollkommen verständnislos an. „Eva, wir sind alterslose Seelen. Es spielt doch keine Rolle, wie alt wir sind.“

Dann erklärte sie mir, dass es nur alte Programme aus der Kindheit sind, warum die Menschen sich so mit dem Alter beschäftigen. Eigentlich sagte sie das Gleiche wie mein Papa: Ist doch egal, wie alt ich bin! Sterben ist nichts weiter als ein Übergang.

Zum Abschluss fragte ich noch, wie viele Medikamente sie heute einnimmt. Und? Kein einziges! Rita, die harte Zeiten der psychischen Zusammenbrüche und langen Genesungszeiten hinter sich hat, ist seit vielen Jahren kerngesund. Nur im Moment ist sie traurig, weil ihr Mann im Dezember verstarb.

Und dann hatte ich es: DAS ist mit 80 besser – so denn alles gut verläuft

Als ich abends wieder daheim war, erzählte ich meinem Freund von meinen Grübeleien und Erlebnissen – und ganz plötzlich hatte ich ein Lied im Kopf, von Kazim Akboga. Sicher kennt Ihr es als BVG-Hymne. Hier das Original:

Is mir egal

Mein Ziel für die Siechtums-Phase meines Lebens ist, dass mir dann alles egal ist. Nicht weil ich depressiv und desillusioniert sein will wie Kazim Akboga, der sich mit Mitte 30 von einem ICE überrollen ließ – sondern weil ich wie mein Papa und wie Rita mit Allem versöhnt bin!

Is mir egal, egal
Is mir egal, egal
Is mir egal, egal
Is mir egal, egal
Wohnung is weg, is mir egal,
Im Rollstuhl im Heim, is mir egal
Keiner kommt mich besuchen, is mir egal
Draußen ist Corona, is mir egal
Is mir egal, egal
Is mir egal, egal
Is mir egal, egal
Is mir egal, egal
Mein Kopf ist leer, is mir egal
Fernsehen zu schwierig, is mir egal
Meine Windel ist voll, is mir egal
Ich schluck noch ’ne Pille, is mir egal
Ne Zigarette wär schön, ist mir egal
Gott ist ein Wal
Gott ist eine Zahl,
Schau ins Regal
Is mir egal
Is mir egal…

Mit Allem versöhnt sein, heißt, alles wird egal

Und dann habe ich verstanden, dass im selben Moment, indem wir mit Allem und Jedem versöhnt sind, sich dieses befreiende „Is mir egal“ einstellen wird. Man wird unberührbar gegenüber den eigenen Programmierungen und Normen. Man nimmt einfach alles hin, ohne nach dem „Warum?“ zu fragen. Man wird nicht aus Demut bescheiden – sondern aus einer Gelassenheit, die an so etwas wie Erleuchtung erinnert. Man wird leer…

Sicher haben auch Einige von Euch Eltern oder Großeltern, die völlig versöhnt ins Altersheim gegangen sind. Die dort sogar genießen können, dass sie sich um nichts mehr kümmern müssen. Die kaum noch wahrnehmen, wie die Angehörigen mit dem Papierkram und den Finanzangelegenheiten herumwuseln und sich über alles Mögliche aufregen.

Die sich bereitwillig hin- und herschieben lassen, und die sich vom Pflegepersonal gern ein bisschen bemuttern lassen beim waschen, kämmen, füttern, eincremen… Und wenn das nicht passiert, ist es eben auch egal. Ist Freitag? Ist Sonntag? ist doch egal…

Meine Oma

Meine Oma war genau so im Altersheim. Bedürfnislos, erwartungslos, versöhnt mit Allem – und unberührbar gegenüber Vorwürfen. Sie war wegen ihrer Demenz ins Heim gekommen und erkannte alle paar Minuten aufs Neue: „Man wird so alt wie ’ne Kuh und lernt immer noch dazu“. Das war so süß!

Am Schluss ist sie dann im Krankenhaus verhungert. Ging ganz schnell. Ich musste noch ein bisschen mit dem Arzt verhandeln, damit man sie nicht künstlich ernährt (was mir in meiner Familie den Ruf einbrachte, ich hätte Oma umgebracht 😉 ). Sie war ganz klein geworden wie ein Vögelchen, lag zusammengekauert im riesigen Krankenhausbett und bekam gar nicht mehr mit, wie die Familie über ihr Bett hinweg diskutierte.

…und meine Mutter!

Na wunderbar! Eigentlich sind alle Sterbenden, die ich begleiten durfte, gute Vorbilder. Papa war gläubig katholisch erlöst, meine Oma war dank Demenz mit ihrem weiblich proletarischen Schicksal versöhnt – und meine Mutter – eine durchs Leben gebrochene Kämpfernatur – wurde in den letzten Tagen ihres Sterbeprozesses liebevoll erhoben.

Meine Mutter ging durch verschiedene schmerzhafte und befreiende Phasen des Zulassens und Loslassens in diesen letzten Tagen, in denen das Gift durch ihren Körper raste.

Quälendes Mitgefühl und bittere Schuldgefühle waren ihre lebenslange Begleiter gewesen, und nun war ich Zeuge, wie in allerletzter Minute das Wunder der Befreiung passierte und sie ihr Vertrauen und ihre Geborgenheit zurückerhielt. Aus Liebe. Aus Bewunderung für ihre wunderschöne Seele. Aus Barmherzigkeit. Als sie ihre letzten Atemzüge tat, sangen meine ältere Tochter und ich ihr „Über den Wolken…“ von Reinhard Mey vor, und auch sie hörte einfach auf zu atmen. Einfach so…

Es ist gut, steinalt zu werden!

Ja, es ist gut alt zu werden wie Moses oder wie Methusalem. Es ist gut, lebenssatt von diesem Planeten zu starten, wenn man die kosmische Adresse wechselt. Es ist gut, keine Reste mehr übrig zu lassen und dieses befreiende „Is mir egal“ zu erleben. Is mir egal… is mir egal…

Also zwanzig Jahre brauche ich ganz sicher noch, bis ich nicht mehr „die Welt retten“ will und wichtig sein will für was und wen auch immer. Einfach von Moment zu Moment im Schaukelstuhl schaukeln, ohne irgendwas zu wollen. Is mir egal… egal… is mir egal… egal… Wundervoll, ich freu mich drauf. Und das meine ich vollkommen ernst. Danke <3


Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

4 thoughts on “Alt werden: Segen oder Fluch?

  1. Hallo Eva,
    ich lese oft deine steadynews, weil diese wertvolle Tipps enthalten, aber in letzter Zeit vermehrt, weil du so eine schöne Sicht auf die Welt hast. Auch die dunklen Orte beleuchtest und so schön darüber schreibst.
    Anfangs dachte ich: “ Muss die Eva aller Welt Ihre Gedanken und Gefühle mitteilen? Mittlerweile freue ich mich auf die Geschichten von dir. Und auch auf den abschließenden Witz in den News.
    Das Alter, der Tod mit deinen gestellten Fragen und Erlebnissen ist besonders und berührend. Auch weil du in deinen „Eva’s Geständnissen“ keine Fiktionen beschreibst. Was dir aus deiner Feder läuft und entsteht ist höchhstpersönlich und berührt mich.
    Und dies hat mich jetzt bewogen, diesen Kommentar zu hinterlassen.

    Ich fahre regelmäßig an einem Plakat einer Fitnessbude vorbei. Dort lacht mich eine Frau 50plus an und drunter steht der Spruch „60 ist das neue 40“.
    Ich bin kurz vor 60 und fühle mich zeitlos. „Egal ist das neue Alter!“ Jedes Jahrzehnt schreibt seine eigenen Geschichten, eins weiß ich, ich möchte keine 30 mehr sein.

    Weiter so liebe Eva!!!

  2. Wolfgang, lieber Wolfgang! Das wusste ich ja gar nicht, dass Du noch immer die SteadyNews liest – das freut mich total! Danke schön für Deine lieben Worte – und so aufrichtig. Das ist mein schönstes Lob, dass ich das spüre. Ja, ich frage mich auch immer mal wieder, ob meine sehr persönlichen Geschichtchen eitle Selbstzurschaustellungen sind – aber Worte wie jetzt gerade von Dir machen mir Mut, so weiter zu machen. Die Podcasts entstehen immer etwas „schmerzhaft“, weil ich lauter Anfänge mache mit einem neuen „Geständnis“, und dann entnervt abbreche. Und noch mal und noch mal und noch mal. Doch dann, irgendwann, ruft alles in mir „Ja!“, und dann – zack – lade ich es hoch und bin zufrieden. Ich mach einfach weiter ok? Und jetzt noch ein Witz für Dich: „Herr Bademeister, Herr Bademeister, da isst ein Hai ein Kind auf!!!!“ – „Ja, die machen das so…“

  3. Ach liebe Linda, mein personifiziertes schlechtes Gewissen… Weil ich doch immer noch Fleisch esse… Das tut mir sooo gut, dass Du Dir das wünschst. Hab ich übrigens auch vor. Die SteadyNews und die Eva sollen gemeinsam ins Grab steigen 🙂 Und wenn ich dement bin, mach ich meine Beiträge eben über „Sprache in Text“ mit dem Handy. Vielleicht werden dann die SteadyNews noch richtig berühmt! Wenn Oma Eva dann in ihrem dementen Kopf immer wieder das Selbe erzählt – und jedes Mal glaubt, das sei die neuste Erkenntnis von ihr 😉

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