Kann man Bewertungen trauen? Nein, aber trotzdem können sie hilfreich sein

Früher war unser Kaufverhalten häufig von persönlichen Empfehlungen beeinflusst. Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn… je risikoreicher der Erwerb eines Produkts ist bzw. je konsequenzenreicher unsere Entscheidung für einen Anbieter – desto wichtiger sind uns Erfahrungsberichte von Menschen, denen wir vertrauen. Selbstverständlich sind auch im Internetzeitalter diese persönlichen Empfehlungen wertvoll – doch die vielen Rezensionen bei amazon und Co kommen hinzu. Und leider sind viele davon nicht authentisch. Der Handel mit Kundenbewertungen ist groß.

Die WELT spricht in einem Artikel von Januar 2021 sogar von der „Sterne-Industrie“ und zeigt auf, wie selbstverständlich auf Handels-Plattformen mit Kundenbewertungen gehandelt wird.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Leider ist es kaum möglich, juristisch gegen Anbieter vorzugehen, die Rezensionen einkaufen. Zwar verstoßen Fake-Rezensionen gegen das Wettbewerbsrecht (UWG), doch es wäre sehr aufwändig, stichhaltige Beweise vorzulegen, um gegen die betrügerische Werbung zu klagen. Wettbewerbshüter verlassen sich in der Regel darauf, dass die Plattformen selbst tätig werden und Fake-Bewertungen löschen.

Produkttester und Click-Worker

In der „Sterne-Industrie“ kann man online schon für 1.500 Euro einhundert amazon-Bewertungen kaufen. Zwar sind die Preise der Bewertungshandel-Agenturen nicht so sichtbar wie die Agentur-Preise für Likes, Views, Kommentare und Follower in sozialen Netzwerken (dieser Handel ist nämlich leider legal), doch man kann davon ausgehen, dass die Preise für eine Bewertung (je nach Plattform) so bei zehn Euro beginnen. Außerdem gibt es zahlreiche Facebook- und WhatsApp-Gruppen, bei denen man als „Produkttester“ aus einer großen Menge an Angeboten einzelne Produkte aussuchen kann. Man kauft sie, bewerte sie – und erhält per PayPal vom Anbieter den Kaufpreis zurück. Auch das ist für viele Schnäppchenjäger ein attraktives Hobby
swr von Mai 2021: Gekaufte Bewertungen bei amazon Marketplace

Was kann man tun? Meine Strategie:

Im Grunde genommen ist das Problem so alt wie der Handel selbst. Wenn wir im Einzelhandel oder auf dem Markt ein Produkt angeboten bekommen, könnte es ja auch sein, dass der Verkäufer/ die Verkäuferin ein monetäres Interesse daran hat, dass wir zuschlagen. Wir sind darauf gefasst und leben damit. Gesundes Misstrauen braucht man sowohl im analogen Leben wie beim digitalen Shopping.

Ich selbst gehe so vor: Bei Amazon gehe ich grundsätzlich davon aus, dass ein großer Teil der Bewertungen nicht authentisch ist. Hat ein Produkt nur ein oder zwei Bewertungen, lese ich diese nicht einmal durch. Bei extrem vielen Bewertungen klicke ich zunächst die Rezensionen mit den wenigsten Sternen an. Dabei weiß ich allerdings auch, dass womöglich Konkurrenten versuchen, dem Mitbewerber durch schlechte Rezensionen zu schaden. Auch hier ist Vorsicht geboten!

Falls ein Produkt für mich konsequenzenreich ist (zum Beispiel weil es teuer ist oder weil ich es eine Zeitlang im ständigen Gebrauch haben muss, um es bewerten zu können) suche ich mir über Google weitere Testberichte. Auch dabei ist mir klar, dass bei Plattformen und in Blogs nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Kurz und gut: Je teuer und technischer, desto länger dauert die Recherche.

Bei Kleidung weiß ich, dass die Anbieter selbst am meisten unter den vielen Retouren leiden. Bisher habe ich auch noch keine schlechten Erfahrungen gemacht mit Mode-Rezensionen und deren Wahrheitsgehalt. Ich vermute, dass hier vor Allem über Produkttester aus besagten Gruppen gemogelt wird. Verifizierte Käufe sind schon einmal ein Anhaltspunkt für Glaubwürdigkeit – und falls dann doch das Fashion-Produkt anders ist als versprochen, wird es eben zurückgeschickt.

Sollte mir ein extrem fleißiger und ausführlich schreibender Bewertungs-Schreiber auffallen, schau ich mir aus Neugierde das Bewerter-Profil an. Falls dort sehr viele fachkundige Rezensionen zu erklärungsbedürftigen Produkten auftauchen, vermute ich, dass dies ein „Rezensions-Blogger“ ist, der mit Marken kooperiert. Aber das finde ich nicht so schlimm. Ich lese ja auch Tech-Blogs und weiß, dass viele Blogger Testprodukte kostenlos erhalten, um darüber zu schreiben. Diese Rezensionen sind für mich ähnlich wertvoll wie die Beratung zu einem Smartphone oder TV im Einzelhandel. Experten mag ich gern. Sie sind durchaus hilfreich mit ihrem Knowhow.

Also nur keine Panik. Im Grunde ist alles wie immer – nur soooo viel zahlreicher. Wir werden von Tag zu Tag besser darin, uns auf dem „digitalen Planeten“ zurechtzufinden. Einfach üben – und irgendwann sind wir superschlaue Digital-Kunden geworden…

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

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