2033: Karolina und die 15-Minuten-Smart-City – 1. Teil

Kurzgeschichte von Eva Ihnenfeldt – Karolina ist alt. Aber immerhin kann sie noch als Handkarren-Lieferbotin arbeiten in ihrem volldigitalisierten  15-Minuten-Stadtteil. Flaschen sammeln muss sie (noch) nicht. Aber es ist auch egal. Karolina hat keine Angst vor Hunger, Frieren, Krankheit, Obdachlosigkeit.

Karolina ist beliebt in ihrem Viertel. Seit es nur noch mit Sondergenehmigung erlaubt ist, die Grenzen der 15-Minuten-Region zu verlassen, spielt sich wieder viel mehr Leben auf den Straßen und Plätzen des Viertels ab. Arabische Hausfrauen bringen bei schönem Wetter selbstgebackene Teigtaschen und Kannen mit Tee zu den Parks und Spielplätzen mit, Männer schleppen Kästen mit Getränken heran, unter Überdachungen werden Bildschirme aufgestellt, sodass man gemeinsam Fußball gucken kann.

Karoline ist eine Unterhalterin geworden. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass sie so witzig sein kann! Bei ihren Reden über die Wohltaten der perfekten digitalen  Überwachung lachen ihre Zuschauer Tränen.

Wenn sie sich als KI-Priester verkleidet und salbungsvoll dem neuromorphen, allmächtigen Großinquisitor huldigt, der sie alle vor den hinterhältig verlogenen Verschwörungs-Anhängern in Schutz nimmt, bleibt es allerdings manchmal still im Publikum. Jeder von ihnen hat schon miterlebt, wie Nachbarn, Kollegen, Väter von befreundeten Familien oder Verwandte abgeholt wurden, weil sie zum Widerstand gegen die Komplettüberwachung aufgerufen hatten.

Karoline hat Narrenfreiheit. Woran das liegt? Nun, Karoline war schon immer ehrlich und frei heraus. Sie hat seit 2008 einen eigenen Blog mit Newsletter und seit 2020 einen Podcast. Nie hat sie eine Sperre bekommen in der Corona-Zeit, obwohl sie ihre Meinung, dass es ein Verbrechen ist, alte Leute, die völlig hilflos sind, im Altenheim zu isolieren, offen ausgesprochen hat. Karoline sagt immer „Das beste Geheimnis ist eine offene Tür“.

Außerdem ist Karoline alt und gehört keiner Organisation an. Sie unterhält sich gern, hilft gern, mag jeden Menschen und bringt Sonnenschein in den Kiez. Manchmal sitzt sie auf dem Spielplatz und unterhält sich mit Kindern. Sie lacht gern und viel und ist ein Gewinn für alle, die hier leben.

Da es seit der Totalüberwachung keine nennenswerte Kriminalität mehr gibt im Viertel, kann man bei warmem Wetter auch nachts draußen sitzen und es sich gemütlich machen. Das liebt Karoline besonders. Dann trinkt sie eine Flasche Bier mit den Jugendlichen und sie diskutieren über Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Nein, Karoline wird nicht abgeholt, Karoline darf das.

Und so zieht Karoline Tag für Tag – außer sonntags – mit ihrem Handkarren durch das Viertel, liefert Päckchen aus und unterhält sich mit den Menschen, die schon auf sie gewartet haben – mit einer Thermoskanne Kaffee. Sie hat ja Zeit! Ob sie drei Stunden braucht für ihre Fuhre oder acht Stunden – wen kümmert es? Karoline hat zu tun, Karoline ist wichtig, Karoline liebt. Und wenn irgendwann Krieg kommt? Nun, dann schenkt sie eben Suppe aus – oder jemand bringt ihr Suppe, wenn sie nicht mehr laufen kann … 

Eva Ihnenfeldt, 12. April 2026

Eva Ihnenfeldt: Superhelden-Coaching – Deine Traumwelt, Deine Kraft Was wäre, wenn wir frei und selbstbestimmt unsere eigenen Interpretationswelten bauen? Abseits von Religionen und Ideologien als Regisseure unserer Realität? Das ist mein Job: Gemeinsam mit meinen Klienten gestalten wir Visionen und Realität neu. [email protected]

steadynews.de

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