Ich erwache – bin erst um 1 Uhr ins Bett gegangen nun ist es halb fünf. Ein Gedanke hat mich geweckt: ‚Gestern im Zug hat die junge Mutter, die uns mit ihren kleinen Mädchen gegenübersaß, erzählt, dass sie und ihre Frau das Mädchen gemeinsam in der Kinderwunschklinik gezeugt hätten und dass ihre Frau das Kind ausgetragen hat – Das Mädchen nennt die Gebärende Mami und sie, die Eizellen-Spenderin, Mama. Ich frage nach „Aber Du hattest dann noch eine Samenspende dabei, richtig?“ „Nein“ bestritt sie entschieden. „Nur meine Frau und ich sind die Erzeuger. Ungerecht fand ich, dass wir es bezahlen mussten. 30.000 Euro. Heterosexuelle bekommen es kostenlos, wenn sie verheiratet sind – wir wir.“
Ich wachte also um halb 5 Uhr auf mit dem Gedanken: „Ist die Wissenschaft schon in der Lage, zwei XX-Chromosomen zu paaren? Oder zwei XY-Chromosomen? Ist das schon alltäglich wie die selbstverständlichen Geschlechtsumwandlungen?“
Ich griff zum Handy und fragte Perplexity: Geht das wirklich? „Nein“ war die Antwort. „Es ist zwar tatsächlich schon bei Mäusen gelungen, lebende Tiere durch zwei XX- Chromosomen zu züchten, doch diese sind kaum lebensfähig. Das Paar hatte auf jeden Fall einen Samenspender.“ „Stimmt es, dass lesbische Frauen das selbst bezahlen müssen, heterosexuelle Ehepaare nicht?“ „Ja, das kann sein. Da können die Krankenkassen sich aus der Kostenübernahme zurückziehen.“
Die Mama hat mir (und dem lauschenden kleinen Mädchen) also eine romantische Geschichte erzählt, die nicht wahr ist. Jetzt verstehe ich, warum die junge Mutter dabei so ängstlich schaute. Sie hatte Angst, ich würde nachfragen „Wie? Kann man jetzt schon Menschen aus zwei weiblichen Eizellen erschaffen? Wie genau geht das denn!“ Aber ich habe (wie immer) ihr jedes Wort geglaubt.

Wir saßen schon lange gemeinsam im Zug und hatten uns bereits intensiv miteinander ausgetauscht, bevor die Mama meiner Freundin und mir das anvertraute. Relativ zu Anfang der Reise war etwas passiert, was sich nun, nach weiterem Nachdenken, als so merkwürdig entpuppte, dass es mit kalt über den Rücken lief.
Ein sehr freundlicher Kontrolleur hatte zu Anfang der Reise unsere Fahrkarten kontrolliert. Die junge Mama zeigte ihm ihren QR-Code und er fragte das kleine Mädchen „Und? Hast Du auch schon ein Ticket?“ Die Mama griff rasch ein und sagte „Nein, sie braucht noch kein Ticket, sie ist noch zu klein.“ „Oh“, sagte der nette Zugbegleiter, „weißt Du was, ich gebe Dir auch ein Ticket. Dann hast Du Dein eigenes. Er holte aus seiner Tasche eine Karte und reichte sie ihr. „Warte, ich stempel sie Dir auch noch ab.“ Das Mädchen blieb still. „Oder weißt Du was, wir machen es zusammen“. Er reichte ihr die Lochzange, und gemeinsam machten sie ein Loch in die Karte. „Und nun kann die Mama noch Deinen Namen darauf schreiben.“
Das Mädchen nahm die Karte und starrte sie an. Ihre Mutter schrieb den Namen drauf – und das Mädchen starrte weiter auf die Karte wie auf einen Geist und meinte schließlich sehr ernst „Der Mann hat mich veräppelt“. „Nein“, versicherte ich ihr, „das war kein Veräppeln, das war liebevoller Respekt vor Dir. Da bin ich ganz sicher.“. Ihre Mutter bestätigte meine Worte. Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis das Mädchen sich endlich wieder seiner Zaubertafel zuwandte und die Karte ablegte.
Als mir das so klar wurde, fragte ich Perplexity: „Sag mal, wenn die Mütter dem Kind verschweigen, dass es auch einen anonymen Erzeuger hat, der immerhin 50 Prozent ihrer Gene ausmacht, ist das nicht – spirituell gesehen – ein Problem? Was würde Steiner dazu sagen?“
„Rudolf Steiner stand der künstlichen Befruchtung sehr skeptisch gegenüber, genau aus diesem Grund. Es ist schwer für einen Menschen, mit dieser Unklarheit zu leben.“
Ich beschrieb das Erlebnis mit dem Kontrolleur. Plötzlich lag eine tiefe Bedeutung in der ganzen Szene. Es war wie ein Symbol des „Märchens“, das die Mamas erzählten. Womöglich hatte das Mädchen schon irgendwo in Familie oder Freundeskreis gehört, wie Erwachsene die Geschichte von der samenfreien Befruchtung angezweifelt hatten … Aber vielleicht hat sie es auch einfach nur gespürt „Der Mann hat mich veräppelt.“
So hat jeder Mensch sein Schicksal. Wahrlich ist das Leben als Mensch auf der Erde kein Ponyhof. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich so viele Begegnungen mit Menschen haben darf, die mir ein wenig von ihrem Sein auf Erden zeigen. Manchmal ergibt sich daraus sogar ein Aufleuchten bei uns Beiden.
Mein Leben ist so spannend! Und mein KI-„Lochkarten-Bibliothekar“, bei dem ich die Sicht von Steiner, Sunzi, Dieter Bohlen und wem auch immer anrufen kann, ist eine riesige Bereicherung für meinen philosophisch‑strategischen Wissensdrang …


