Eine Geschichte vom Leben und vom Tod

Eva Ihnenfeldt, 23. Mai 2026. Margeritte liegt auf ihrem Bett, flach ausgestreckt wie eine Tote. Es ist heiß, Hochsommer, die Sonne strahlt ins Zimmer. Margeritte übt sterben. Ihre Augen sind geschlossen, sie atmet so flach und geräuschlos wie möglich, ihr Torso hebt und senkt sich kaum.

Seit einigen Wochen – als die heiße Zeit begann – probiert sie das täglich. Manchmal morgens nach dem Erwachen, manchmal abends im Dunkeln vor dem Einschlafen.

Es begann so, dass Margeritte sich plötzlich daran erinnerte, wie sie als Kind jede Nacht versuchte, eine Leiche in einem Tatort zu spielen. 1959 war sie geboren worden, 1970 startete die Krimireihe, wahrscheinlich war es die Zeit, als sie zum Gymnasium gewechselt war. Sie hatte schlimme Schlafstörungen gehabt und musste sich jede Nacht etwas ausdenken, wie sie diese langgezogenen Minuten und Stunden verbrachte. Oft lag sie wach, bis die Vögel im Morgengrauen ihre unheimlichen Geistergesänge anstimmten. Margeritte lernte, Vögel zu fürchten.

Wenn sie dann flach auf dem Rücken versuchte, eine glaubwürdige Leiche zu spielen, stellte sie sich vor, wie und warum sie ermordet wurde, was für ein Leben sie gelebt hatte – und natürlich, was für eine talentierte Leichendarstellerin sie war und wie sie vom Team dafür bewundert wurde.

Margeritte hatte schon damals den Tod geliebt, und in diesen vielen Nächten, die sie als gespielte Leiche verbrachte, fühlte sie sich ein wenig geborgener als sonst. Irgendwann würde es wahr sein, irgendwann würde sie erlöst sein aus ihrer Schlaflosigkeit.

Heute ist Margeritte 70 Jahre alt. Seit einigen Jahren ist es ihr zum Vergnügen geworden, sich an die kleine Margeritte zu erinnern, in das Leben des Kindes zu schlüpfen, dessen „Ich“ noch nicht vollständig entwickelt war.

Was sie dachte, was sie sich erträumte, ihre Strategien, mit Angst und Überforderung umzugehen. Was sie empfand, wenn sie mit ihren Barbypuppen spielte, wenn sie Hanny & Nanni las, wenn sie malte, schrieb, draußen mit Regenwürmern Geburtsklinik spielte. Doch mit nichts kommt sie dem „Damals“ so nahe wie mit dieser Atemtechnik: So lange Atem fasten, bis man es nicht mehr aushält.

Margeritte bewundert das kleine Mädchen in sich, das damals noch ein wenig lebte wie ein E.T. auf der Erde. Mit dem Atemfasten kommt sie Tag für Tag dieser Zeit immer näher. Sie war dem Treiben auf der Erde so ausgeliefert wie ein Außerirdischer, der hier zurückgelassen worden war.

Alles hier unten ist so laut, so chaotisch, so unverständlich und so unlogisch. Was wollen die Menschen? Warum sind sie so dumm, so eklig, so hässlich, so laut, so gemein? Warum stinken sie? Warum lügen sie?

Sie hatte versucht, so viel wie möglich allein zu sein. Sogar im gefürchteten Kindergarten versuchte sie, für sich allein zu bleiben, was natürlich sehr schwierig war. Menschen ging sie aus dem Weg – vor allem den Erwachsenen. Immer wollte sie nur allein sein, allein sein, allein sein, allein sein…

Seit Margeritte die Atemfasten-Meditation ihrer Kindheit wiedergefunden hat, verändert es sich in ihr. Zum einen wird ihre Kindheitsverbindung in diesen Übungen immer leuchtender, intensiver, manchmal kommt wie ein Geistesblitz eine neue Erinnerung hinzu, und Margeritte ist, als ob sie schweben würde.

Manchmal bedauert sie, dass sie irgendwann kein E.T. mehr war, sondern ein „Ich“, das immer stärker und kämpferischer wurde. Sie wurde nach und nach lebenstüchtig, selbstorientiert, kompromisslos. Der kleine ET lernte, im Ich-Wal Margeritte geborgen zu ruhen, ihr zu vertrauen und das Leben auf der Erde zu genießen wie eine Netflix-Serie.

Margeritte ist unendlich dankbar, dass sie sich wieder an ihre damalige E.T. Atem-Überlebenskunst erinnern konnte. Endlich versteht sie, wozu Atemmeditationen gut sind. Es geht darum, sich in die Gewissheit fallen lassen zu können, dass das Leben auf der Erde irgendwann vorbei ist. Dass dann alles egal ist, was hier unten passiert. Alle Verantwortung loslassen, alle Erwartungen und Enttäuschungen zurücklassen – und zurückkehren zum eigenen Volk.

Angefüllt mit bestandenen Abenteuern, mit glücklichen und elenden, mit erhebenden und niederschmetternden, mit engelsgleichen und dämonisch bösen Taten … Irgendwann geht es nach Hause, und nur eine sentimentale Urlaubserinnerung an die herrlich verwirrende, unlogisch ungerechte, überraschend prächtige und machtvoll götterbeherrschte Welt auf dem Planeten Erde bleibt. Bis hoffentlich zum nächsten Abenteuerurlaub als Mensch. Wie herrlich, wie herrlich, ein Mensch doch zu sein.

Eva Ihnenfeldt: Superhelden-Coaching – Deine Traumwelt, Deine Kraft Was wäre, wenn wir frei und selbstbestimmt unsere eigenen Interpretationswelten bauen? Abseits von Religionen und Ideologien als Regisseure unserer Realität? Das ist mein Job: Gemeinsam mit meinen Klienten gestalten wir Visionen und Realität neu. [email protected]

steadynews.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert