Nachbarn – Geschichte von Eva Ihnenfeldt

Als ich zweieinhalb Jahre alt war, zogen wir nach Witten. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern in einer fremden Wohnung stand, die mich gruselte. Eine ebenso gruselige Frau hockte sich vor mich und schaute mich an „Dann hast Du ja bald ein eigenes Zimmer! Da freust Du Dich sicher“.

Nein, mir war nicht nach Freuen zumute. Ich war zu Tode erschrocken, weil sie mich gesehen hatte. Tatsächlich war ich bis zu diesem Augenblick der Überzeugung gewesen, ich wäre für Andere unsichtbar. „Sie kann mich sehen!“ Ist wohl meine allererste Kindheitserinnerung. Es war ein Schock. Sie können mich alle sehen, ich bin umstellt. Hände vors Gesicht halten, ist zwecklos…..

Als wir dann in die neue Wohnung einzogen, fanden meine Eltern beim Renovieren mehrere Schnapsflaschen hinter den losen Kacheln der Badewanne. Die Frau war wohl eine heimliche Verehrerin des Seelentrösters Alkohol.

Alkohol war nichts Besonderes. Als ich Kind war, waren um mich herum viele Männer und so einige Frauen tägliche Trinker. Psychopharmaka gab es ja noch nicht – und nach Nazizeit, Krieg und Hungersnot blieben nur Alkohol und Zigaretten, um irgendwie zu überleben.

Ja, ich hatte nun ein eigenes Zimmer, und am liebsten hätte ich dort mein ganzes Leben verbracht. Ich war gern allein. Allein fühlte ich mich sicher. Mein Vater hatte eine Beamtenstelle im Amtsgericht nebenan bekommen. Er brauchte nur zwei Minuten zur Arbeit.

Manchmal durfte ich im Gericht in den Sitzungssaal und vom Richterstuhl aus mit dem Hammer meine Entscheidungen verkünden: Ankläger einschüchtern und Angeklagte freisprechen. Damals war ich sicher, dass ich Strafverteidiger werde und viele Menschen vor dem Gefängnis retten würde mit meinen überzeugenden Reden. Eva wollte retten, seit sie auf der Welt war. Und zu retten gab es genug.

Meine Eltern ertränkten ihre Traumata in Alkohol wie viele andere auch im Haus: Der Arzt im 1. Stock, der gewalttätige Familienvater mit meinen Spielkameraden Beate und Jürgen direkt unter uns, die schwarze Witwe im Erdgeschoss rechts.

Die Neuapostolen-Familie im Erdgeschoss links, die einige Jahre später einzog, trank nicht. Doch sie hatten viele Sex-Geheimnisse. Ich befreundete mich mit ihrer Tochter Martina, und wenn die Eltern in der Kirche waren und wir die Wohnung durchstöberten, fanden wir hinter den Büchern im Schrank interessantere Lektüre. Martina und ich klärten uns auf mit den Pornoheftchen der Neuapostolen.

Später lasen wir uns nach der Schule, auf Tornistern hockend, nach und nach die Geschichte der O vor, die wir ebenfalls entdeckt hatten. Wir waren zehn Jahre alt und wir lernten mit gruseliger Erregung, was so alles dazu gehörte beim Sex. Der sadomasochistische Klassiker „Geschichte der O“ ist übrigens heute im Original nur schwer zu bekommen. Der Druck des Buches war irgendwann wegen Jugendgefährdung eingestellt worden.

Im Fernsehen rauchten und tranken sie auch alle. Der ach so liebe Heinz Erhardt, die klugen Journalisten im Internationalen Frühschoppen, der Schlager-Moderator Dieter-Thomas Heck. Der Kommissar Erik Ode trank zum Mittagsbier stets seinen Korn. Ich liebte den Kommissar, dem seine Sekretärin Rehlein immer im Büro die Schuhe aus- und die Pantoffeln anzog.

Mein Vater, der ja aus einer katholischen Proletarierfamilie zum Justizbeamten aufgestiegen war, soff mit Allem, was irgendwie mit der Justiz zu tun hatte, mehrmals in der Woche in der Gerichtsklause. Die Polizeistation war bei uns um die Ecke, und in der Gerichtsklause traf sich alles – vom Hausmeister des Amtsgerichts bis zum Strafrichter, vom Polizeiinspektor bis zum Ex-Knacki.

Bei diesen Männern zählte nicht, was man an Rang und Geld hatte. Da zählte nur das, was im Schützengraben zählt – ob man ein guter Kamerad ist, auch wenn es brenzlig wird. Der Ex-Knacki wurde vom Richter, der ihn damals ins Gefängnis gebracht hatte, zu Bier und Korn eingeladen, und der Hausmeister zog gern im betrunkenen Zustand seinen Socken aus und zeigte seinen großen Zeh, der in Stalingrad erfroren war. Dann klappte er den Zehennagel rauf und runter und kicherte.

Auch daheim und in der Verwandtschaft fanden solche und ähnliche Abende statt. Die Männer tranken Bier, die Frauen tanken Wein – und alle tranken Schnaps aus kleinen braunen Underberg-Fläschchen. Wenn die Gäste gegangen waren und alles schlief, nuckelte ich gern die Reste aus den Underberg-Fläschchen. Ich schlief nicht viel als Kind, da konnte ich nachts heimlich noch mal ins verrauchte Wohnzimmer der Erwachsenen und die finstere Stille allein genießen.

Mein Vater kam häufig volltrunken nach Hause. Manchmal klingelte er mit ausgestreckter Hand mitten in der Nacht sämtliche Mietparteien wach, bis endlich jemand den Türdrücker betätigte. Er war dann einfach nicht mehr fähig, das Schloss mit dem Schlüssel zu treffen – also was sollte er tun? Klingelmännchen. Merkwürdigerweise hat sich nie jemand der Nachbarn darüber beschwert.

Das war eben damals so. Vielleicht waren die verstörten Überlebenden der deutschen Herrenrasse auf dem Stand von Urvölkern, die kolonialisiert und entmachtet worden waren. Meine Eltern zumindest hatten keinen Heilungsweg für sich gefunden. Sie ertränkten ihren Schmerz – und sie bekriegten sich Tag für Tag – oder besser Nacht für Nacht, als ginge es um den letzten Fetzen Selbstachtung.

Auf meine Mutter war ich stolz als Kind. Sie trank wie die Männer: ab mittags Bier aus der Flasche. Und sie rauchte wie ein Schlot. In der Nazizeit hatte sie mit den Jungens Fußball gespielt und war später mit ihrem Onkel zum Boxen gegangen. Ihre Art von passivem Widerstand gegen das Nazideutschland. Sie war anders als andere Frauen, und sie war ein zutiefst trauriger Mensch.

Meine Mutter war zwar nur ehemalige Lebensmittelverkäuferin, aber sie war intelligent, las jede Woche den kompletten Spiegel – und sie erzählte mir Abend für Abend, wie grausam unsere Vergangenheit war.

Erzählte von dem alten, jüdischen Schneider-Ehepaar, die vor ihren Augen auf die Ladefläche eines Lastwagens getrieben worden waren; erzählte vom Gehirn eines US-Kampfpiloten, das die Kinder gefunden und heimlich im Feld bestattet hatten; erzählte von den Nazi-Lehrern, die ab 1939 an den jüdischen Kindern ihren Sadismus ausgelebt haben – bis die Stühle der Kinder irgendwann für immer leer blieben.

Ja, in meiner Welt war es auch für uns Kinder nicht einfach. Wenn ich heute Filme und Serien sehe aus Ghettos in den USA, in Island, in Australien, fühle ich mich zurückversetzt in die Welt meiner Kindheit, in die Schuttwelten hinter unseren Mietshäusern, wo wir heimlich Feuer machten, Buden bauten und uns versteckten, bis wir heim mussten.

Ja, ich liebe meine Eltern, meine unvollkommenen Nachbarn, die Spielkameraden, von denen so einige brutal regelmäßig misshandelt wurden. Ich liebe es, genau diese Kindheit gehabt zu haben. Eine Kindheit voller Geheimnisse, die von den Erwachsenen nicht bemerkt werden konnten, weil sie mit sich und ihrem unerträglichen Schmerz beschäftigt waren.

Es war eine Zeit, in der ein beständiges Schreien in der Luft zu hängen schien. Vielleicht das Jaulen der Toten? Einmal monatlich gab es mittags um 12 Uhr gellenden Luftalarm zur Übung. Da musste meine Mutter immer auf die Toilette, um sich zu erbrechen.

Ich will keine andere Kindheit, keine anderen Nachbarn, keine heile Welt. Tiefe Freundschaften mit einsamen, traurigen Kindern durchziehen mein erstes Leben. Und ja, ich habe meine Eltern sehr oft hilflos in ihrem Elend gesehen.

Mein erstes Leben – das Leben als schutzbedürftiges Kind – hat mich gelehrt und erzogen. Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn ich das alles nicht als mahnenden Schatz in mir tragen würde.

Ja, ich bin stolz und dankbar für dieses Nachkriegsuniversum, in dem die von der Welt besiegten Menschen herumstolperten und stümperhaft nach Wegen der Erlösung von Schmerz und Schuld suchten.

Heute, in meinem vielleicht letzten Leben, fällt es mir leicht, gütig zu sein gegenüber den Unvollkommenen, den Störenden, den Armen und den Verzweifelten. Ich will immer noch retten wie als kleines Kind auf dem Richterstuhl. Freispruch für alle, auch für mich selbst bitte.  Amen.

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert