Kurzgeschichte von Eva Ihnenfeldt: Maja ist eine Respektperson. Sie kann großzügig, hilfsbereit, freundlich und warmherzig sein – doch ebenso kann sie als schneidendes Schwert agieren, wenn jemand versucht, sie für die eigenen Zwecke einzusetzen.
Warum das so ist? Christines Gottesprinzip ist das Prinzip der Freiheit. Schon immer war es die Flagge der Freiheit, der sie ihr ganzes Schicksal, Sein und Streben zu Füßen legte.
Zu Zeiten der Französischen Revolution wurde das, was sich hinter ihrer heutigen menschlichen Ausformung verbirgt, für die Ewigkeit von Delacroix festgehalten in seinem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“.
Was bedeutet „Freiheit“? Woran erkennt Maja, wenn etwas ihre Freiheit angreift? Sie erkennt es daran, dass die Kehle ihr eng wird. Sie erkennt es daran, dass ihre Gedanken um immer das Gleiche kreisen, ohne dass sie dem Einhalt gebieten kann. Sie erkennt es daran, dass sie aus ihrem Gleichmut und ihrem unbekümmerten Vertrauen geworfen wird von etwas, das nicht zu ihr gehört. Wenn Dämonen in sie eindringen können mit ihren verstörenden Einwisperungen, dann muss Maja handeln.
Was tut eine Maja, wenn Einflüsterungen in sie eindringen von Versprechungen, Bedrohungen, von Geistesgiften wie Gier, Hass, Hochmut, Gleichgültigkeit oder Neid?
Sie setzt sich hin und schreibt. Sie zerpflückt das, was in ihr knabbert und versucht, sie auf die Seite der Unfreiheit zu ziehen. Unfreiheit ist das, was die Menschen „Hölle“ nennen. Der Himmel ist die jubelnde Freiheit, die Hölle ist die folternde Einsamkeit der Gefesselten.
Maja hat viel gekämpft in den letzten vier Wochen. Gekämpft um Geld, um Respekt, um spannende Projekte und um Unabhängigkeit. Nun sitzt sie da und bilanziert. Sie hatte sich Kampf gewünscht, bevor es losging – nun steht sie vor den Scherben ihres Triumphs.
Maja hat mit innerer Bereitschaft zur Verhärtung eine Menge erreicht: sie hat Beinfreiheit gewonnen in ihrer Zeit und Handlungsfähigkeit. Hat sich aus fesselnden Ansprüchen befreit, die an sie gestellt wurden. Hat sich aus Gefahren gewunden, die ihre finanziellen Einnahmen bedrohten. Sie hat erfolgreich ihren Stolz verteidigt durch ehrliche Benennung der Sachverhalte. Hat für ihre Werte Bereitschaft gezeigt, das Niederträchtige zu diskreditieren – auch das mit Erfolg.
Nun sitzt sie da und spürt, dass sie nicht mehr so weitermachen will. Auch wenn die letzten vier Wochen mit Bereitschaft zum Prinzip „Vergeltung statt Vergebung“ auf materieller Ebene viel bewirkt haben, zu dem sie steht, spürt sie, das selbst Vergeltung dem Niederträchtigen gegenüber ihr nicht guttut. Würde sie so weitermachen, würde das ihrer Gesundheit schaden, da die Bereitschaft zur Vergeltung den Vergeltenden auf eine Ebene mit dem Verbrecher bringt. Vergeltung kann nur auf der selben Frequenzebene wirksam werden.
Maja legt den Stift nieder: „Schluss damit! Bin ich Gott? Nein, Vergebung und Vergeltung liegen nicht in meiner Hand. Ich steige wieder aus aus der Frequenzebene „Kampf“.
Maja muss lachen. Wie oft hat sie in den letzten vier Wochen gedacht und gelebt „Leg Dich besser nicht mit mir an“. Als sie vor zwei Tagen bei der Lesung ihrer dystopischen Kurzgeschichte den letzten Satz vorgelesen hatte, konnte sie nicht glauben, dass ihre eigene Geschichte so endet. So mit einem „Alles aus, nichts geht mehr. Alles kaputt.“ Die Zuhörer mussten lachen, als sie in ihren Blättern wühlte nach einer Lösung, die sie doch sicher auch aufgeschrieben hatte! Bis sie schließlich resigniert und verdattert aufblickte: „Unglaublich, aber das war’s wirklich! Das war das Ende!“
Doch was nun? Sich ausnutzen lassen und werden wie der weise Mönch, der sich verleumden, beschimpfen, verstoßen ließ, als man ihn dafür benutzte? Einfach nur auf die Lügen und Bezichtigungen reagieren mit gelassenem „Ach, ist das so?“. Nein, das ist nicht Majas Lösung. Armut und Ausstoßung sind nicht ihr Weg. Maja will vor allem eins (und das schon immer):
Spaß!
Maja schreibt auf, wie sie Spaß definiert. Sie erstellt eine Liste
– vergnügt sein
– viel zu tun haben, viel erleben
– Herausforderungen, bei denen sie sich ausbildet und stählt wie in einem Fitnessstudio für Körper, Seele, Geist
– abends müde und zufrieden ins Bett fallen
– sich selbst feiern und stolz auf sich sein
– aus der Fülle leben in allem, was Spaß macht: Essen, trinken, feiern, shoppen, großzügig sein, Genuss leben und sich freuen an allem, was Maja hat in ihrem Garten Eden.
– in dankbarer Gewissheit leben mit denen, die sie Moment für Moment so zuverlässig schützen vor Gefahren. Die sie zurückreißen, wenn sie wieder einmal als „Hans Guck in die Luft“ unbedacht bis zur Kante eines Abgrunds getrottet ist wie ein Narr.
Also, was ändert sie gerade?
Ja, sie wechselt von „Vergeltung“ zu Vertrauen. Es ist gar nicht schwer. Sie überlässt Vergeltung den Mächten, die sie göttlich nennt. Sie selbst ist kein Krieger – sie ist die Freiheit, die fleißige, übermütige Freiheit. Sie ist die, die aus der Fülle schöpft – egal, was da draußen passiert.
Sie ist der Narr, der sich nicht durch „Pass auf, Du fällst“ irremachen lässt. Der sich nicht einschüchtern lässt durch die, die voller Misstrauen sind gegenüber ihren Nächsten und wollen, dass alle so werden wie sie.
Sie ist die, die innerlich lachen muss, wenn sie Horrorgeschichten hört über missgünstige Nachbarn, gefährliche Messerstecher, skrupellose Politiker und den Untergang ihres Heimatlandes. Was auch passiert, niemand wird es schaffen, sie aus der Fülle zu bringen. Sie bleibt in ihrer Fülle, weil sie niemanden Herrn ist und niemandes Knecht. Sie bleibt in der Fülle, da sie in herzlichem Kontakt zu ihrer Seelenfamilie steht und diese auf freundschaftlicher Ebene mit coolen Stories unterhält. Sie möchte „die da oben“ unterhalten mit Komödien aus ihrem Leben, die denen „da oben“ Lust machen auf ein weiteres Leben auf der Erde. Sie möchte Moment für Moment verkünden in übermütiger Dankbarkeit:
Wie herrlich, wie herrlich, ein Mensch doch zu sein“
Und sie erwacht in der Fülle




