Wie kann ich lernen, mich selbst zu lieben?

„Und könntet Ihr glauben mit all Euren Sinnen, so könntet Ihr Berge versetzen…“ sagte einst Jesus. Klingt doch wie dieses neumodische esoterische Zeugs nicht wahr? Sich einen Millionen-Scheck vom Universum wünschen, das Super-Digital-Business starten, mit dem eigenen Charisma Menschen (Weiber) anziehen wie das Licht die Motten. Nun sagt Ihr vielleicht, dass Jesus mit „Glauben“ doch die bedingungslose Unterwerfung unter Gott meinte, doch ich sage, er meinte genau das Gleiche wie diese modernen Wunderdoktoren mit ihren „Reich und glücklich“-Arzneien. Nur wer sich selbst liebt und an sich selbst glaubt, kann die Welt frei gestalten. Doch wie geht das – sich selbst lieben? Gibt es dafür Rezepte?

Wir sind alle kleine Sünderlein

In der heutigen Zeit ist es üblich geworden, das eigene Unglück auf die Kindheit zurückzuführen. Häufig ist es die Mutter, die schweren Schaden zugefügt hat. Man nennt dies eine „toxische Beziehung“. Ich selbst bin so eine fehlerhafte Mutter, meine Mutter war so eine fehlerhafte Mutter, und meine Oma und Uroma waren auch nicht besser. Jede war anders, doch jede hat es ihren Kindern schwer gemacht, sich selbst anzunehmen und ein freies und unbeschwertes Leben zu führen. Was die Generation zuvor zu viel hatte, hatte die Generation danach zu wenig. Waren die einen zu lieb, waren die anderen zu egoistisch. Waren die einen die traurigen Opfer, waren die anderen die hartherzigen Eiszapfen.

Ihr ahnt schon, was ich empfinde, wenn ich auf meine weiblichen Ahnen zurückblicke? Stolz und Mitgefühl empfinde ich – und die Sehnsucht, sie alle zu erlösen von ihren Fremd- und Selbstverurteilungen. Auch meine Familie väterlicherseits ist voller Fehler – nur vielleicht mit weniger Selbstverurteilungen. Würde man einer meiner Tanten erzählen, sie wäre toxisch, würden diese sich wohl fragen, was für ein Problem man hat. Natürlich haben sie ebenso viel Leid über ihre Kinder gebracht wie meine weibliche Seite – doch sie waren katholisch. Da geht man beichten und gut ist. Oder man geht nicht beichten, wird aber in katholischer Erde unter Einsatz von Weihwasser begraben – das reicht.

Wir sind alle kleine Sünderlein, war immer so. Und ich finde es gut so, dass mensch kein Engel ist. Wie sollten wir uns weiterentwickeln, wären wir perfekt? Gerade die Menschen mit einer unglücklichen Kindheit sind doch die, die zu Künstler/Innen wurden, Erfinder/Innen, Politiker/Innen, spirituellen Führer/Innen, Krieger/Innen und Forscher/Innen. Es ist ok, unglücklich oder wütend zu sein – Hauptsache, man glaubt an sich. Woher soll denn die Kraft kommen, wenn alles immer Bullerbü war?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Sich selbst lieben

Ich liebe mich selbst, weil ich eine Überlebende bin. Wie man sieht, habe ich mein höchstpersönliches Schicksal überlebt. Ich bin stolz darauf, dass ich es anscheinend besser hinbekommen habe als meine unglücklichen Ahnen. Ich bin handlungsfähig, anspruchsvoll und in der Lage, Herausforderungen anzunehmen. Ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern und ich bin bereit, für meinen Glauben einzutreten. Was mein Glauben ist? Mein Glaube ist der Glaube an mich selbst.

Seit ich mich selbst lieben kann, ganz so wie ich bin, habe ich das Gefühl, das ganze Leben ist wie eine von mir selbst erdachte Geschichte. Als würde ich in einem von mir selbst geschriebenen Roman die Hauptrolle spielen – was für ein unglaubliches Geschenk! Ich bin fähig, meine eigentlichen Wünsche und Sehnsüchte wahrzunehmen und mich in die Erfüllung derselben hineinzusehnen.

Unglaublich, wie schnell oft meine Sehnsucht die Erfüllung nach sich zieht. Mit meinem unverschämten Anspruch an ein gutes und erfülltes Leben scheine ich mir ein gutes und erfülltes Leben zu zaubern. Da es schon so lange funktioniert (schätze etwa seit 15 Jahren) traue ich mich nun zum ersten Mal, es aufzuschreiben. Haben wir erst einmal zu dieser Liebe zu uns selbst gefunden, liebt uns die Welt zurück – egal wie wir sind. Egal wie Du bist – es ist ok.

Wie lernt man, sich selbst zu lieben?

Für mich liegt der Schlüssel in der Versöhnung. Lange war ich wütend über meine wirklich heftige Kindheit, doch als ich dann selbst von der Supermutter zur Rabenmutter mutiert war, war diese Wut weg und wandelte sich in Vergebung. Plötzlich verstand ich, warum meine süßen, hilflosen Eltern so waren, wie sie waren. Sie waren eben Überlebende! Versuchten, irgendwie durchzukommen durch den vielen Mist, in dem sie steckten!

Nachdem ich meinen Eltern vergeben hatte, weitete sich mein Blick immer mehr und ich konnte auch den anderen Menschen vergeben. Den Narzissten, Geizhälsen, Depressiven, Süchtigen, Machthungrigen und Statusgefangenen. Nach und nach fand ich sie alle süß – Himmelherrgott, sie hatten eben alle versucht, irgendwie zu überleben. Natürlich muss man die Gesellschaft vor Gewalttätern und anderen Straffälligen schützen, doch schaut man hinter die Fassade, sieht man immer sehr schnell die Gründe für toxisches Verhalten. Mir tun sie alle leid. So wie ich mir selbst leid tue, wenn ich an früher denke. War schon schwer…

Vergebung und Versöhnung sind die Schlüssel, um sich selbst zu lieben. OK, doch wie kann man das lernen? Da hätte ich auch einen Trick, den ich als Dozentin oft angewendet habe, wenn mich einer meiner Students so richtig verabscheut hat:

Lobe ihn und frage ihn nach seiner Kindheit

Unglaublich, wie gut das funktioniert. Ein verschlossener Mund öffnet sich, wenn man den Menschen aufrichtig lobt. Vorurteile lösen sich auf, wenn man Geschichten aus der Kindheit hört. Zuhören muss man können, Geduld braucht man, und voller Staunen habe ich erlebt, wie rasch sich langweilige Kindheits-Anekdoten in tiefe Erinnerungen verwandeln, wenn ich echtes Interesse habe – und diese Erinnerungen sind eigentlich immer mit Schmerz und Einsamkeit gefüllt.

Vergebung durch Zuhören

„Warum können Menschen nur so schlecht zuhören?“ habe ich vor wenigen Tagen mit einer jungen Frau überlegt, die seit vielen Jahren heldenhaft an der Gesundung ihrer psychischen Erkrankung arbeitet. Da kam mir der Gedanke, dass neunzig Prozent der Menschen so ausgehungert sind nach Selbstliebe wie ein verschmachtendes Kind aus der Savanne ausgehungert ist nach Wasser und Brot. Sie können nicht zuhören, weil sie jede Gelegenheit nutzen müssen, von sich selbst erzählen zu können. Egal wie viel sie reden, es dürstet sie nach mehr. Das tut mir so leid!

Wer sich selbst liebt, kann zuhören, ohne von sich selbst erzählen zu müssen. Ich selbst bin ja nun absoluter Vielredner, doch meine Gier nach eigener Redezeit ist mir verloren gegangen, nachdem ich gelernt habe, mich selbst zu lieben. Ich brauche nicht unbedingt meine Meinung und meine Interpretation zum Besten geben – ich kann ja schreiben! Schreiben ist meine Art von Selbstgespräch. Und diese Form von Selbstgespräch (oder Gespräch mit dem lieben Gott?) macht mich satt. Auch in der Einsamkeit der Corona-Zeit. Ich schreibe und danach bin ich befreit und zufrieden.

Wie lernt man noch, sich selbst zu lieben?

Nun, nachdem man es geschafft hat, seinen Mitmenschen grundsätzlich alles zu vergeben (kannst Du sogar Politikern im Fernsehen vergeben, hast Du es wahrscheinlich geschafft – super Indikator!) folgt die Übung in Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit bedeutet, „Nein“ sagen zu können. Jemand bittet Dich um Hilfe und Du hast keine Lust? Sag „Nein“! Jemand überschüttet Dich mit seinem „Verschmachtendes Kind aus der Savanne saugt auch den letzten Tropfen Leben aus Dir heraus mit seinem Redeschwall“? Warte auf ein geeignetes Päuschen und erkläre ihm oder ihr, was dieser Redeschwall mit Dir macht. Ohne Groll, ohne Verurteilung. Sag ganz einfach, dass Du Dich müde, bedrückt und fremd fühlst, wenn Du so zugeschüttet wirst mit den Worten, Urteilen und Gefühlen Deines Gegenübers. Und das Wichtigste: Sieh, dass dies nicht aus Böswilligkeit passiert sondern aus Mangel an Selbstliebe! Sobald Du echtes Mitgefühl empfindest, wirst Du die passenden Worte finden. Das ist das ganze Geheimnis.

Ist das jetzt alles? Versöhnung und Aufrichtigkeit?

Nein, eins bleibt noch. Die eigene Berufung erkennen und dem Pfad des Helden folgen. Die Chinesen sagen, jeder Mensch ist für sieben Generationen rückwärts verantwortlich. Und sein Handeln wirkt sieben Generationen nach vorn. Mach Dir bewusst, aus welchen Familien Du stammst und was wohl Deine Berufung ist.

Lass die toten Ahnen alle vor Dir erscheinen, sowie Du sie kennst – und kennst Du sie nicht, fühle Dich intuitiv ein in Deine Blutsfamilie. Stell sie Dir vor, die Wüteriche und Versager, die Langeweiler und Untertanen, die Betrüger und Vagabunden. Stell sie Dir vor, die Püppchen und Hausfrauen, die Kriegsgewinnler und Wimmernden, die Angepassten und Fremdbestimmten, die Feiglinge und Helden. Zieh aus, sie zu erlösen und nimm Deine Berufung auf Dich! Hast Du erst Deine Aufgabe erkannt, hast Du Deinen Sinn des Lebens gefunden. Erlöst werden und erlösen ist ein und dasselbe. So wie Selbstliebe und Nächstenliebe ein und dasselbe sind. Versprochen.

Und wie fängt man an, sich selbst zu lieben?

Üben, üben, üben. Selbstliebe lernt man wie im Fitnessstudio. Nimm wahr, wenn Du über andere Menschen urteilst – und verwandle das Urteilen in Mitgefühl. Nimm wahr, wenn Du die Unwahrheit sagst oder wenn Du die Wahrheit verschweigst – und verwandle die Falschheit in Wahrhaftigkeit. Üben, üben, üben. So liebst Du Dich von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Und irgendwann kommt der Tag, da bist Du plötzlich stolz auf Dich. Und das ist der Tag, an dem Du gelernt hast, Dich zu lieben. Und bist Du erst stolz auf Dich, ist auch das Leben stolz auf Dich. Und dann neigt es sich Dir zu. Und es wird schön. Probiere es aus!

Bild von Janos Perian auf Pixabay 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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One thought on “Wie kann ich lernen, mich selbst zu lieben?

  • Reply Jürgen 2. April 2021 at 11:05

    Liebe Eva, vielen Dank für Deinen „gnädigen“ Artikel! Fröhliches Auferstehungsfest!

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