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Ich und meine Brille: Wie Eva vom Entlein zur erwachsenen Frau wurde 0

Eva Ihnenfeldt schreibt: Heute habe ich mir eine neue Brille gekauft. Wie viele Brillen passen in ein Leben, wenn man im Grundschulalter schon die niederschmetternde Diagnose erhielt: „Kurzsichtig!“. Rund zwölf Brillen müssen es gewesen sein in den fünfzig Jahren, zweimal unterbrochen durch Kontaktlinsenzeiten. Da wird es Zeit, sich mal ein wenig psychologisch mit dem Thema „Brille“ auseinanderzusetzen. Was macht es mit einem Menschen, wenn er ohne „Seh-Prothese“ hilflos in der Welt herumtappt? Was bedeutet mir diese Brille, die sich stets in absoluter Nähe befindet: Auf dem Nachttisch, der Badablage, die mindestens sechzehn Stunden täglich direkt vor meinen Augen auf der Nase ruht? Ist aus Scham irgendwann Liebe geworden? Ist meine Brille auch ein Schutz? Eine Verkleidung? Ein Statement?

Irgendwie fiel im dritten Schuljahr auf, dass ich nicht mehr alles an der Tafel lesen konnte. Ich musste zum Augenarzt. Meine Mutter, die sehr stolz auf ihre hervorragenden Augen war, bekümmerte das sehr. Sie mochte sowieso Ärzte nicht ganz so gern, und dass ihre kleine Tochter nun eine Brille tragen musste, tat ihr total leid. Und wie leid es mir erst mal tat! Gerade hatte ich meine geliebte Grundschullehrerin verloren und im Tausch eine alte Hexe erhalten, die Kinder schlug (also wirklich schlug). Gerade hatte ich die erste Kommunion hinter mir und war in meinem kindlichen Glauben völlig erschüttert – und nun auch noch das: Der Demütigung letzter Schlag: Ich wurde zur Brillenschlange.

Die Untersuchung beim Arzt war schrecklich. Es dauerte Stunden über Stunden, und ich kam mir vor wie bei einer undurchschaubaren Matheprüfung: „Was ist jetzt besser? So? Oder so? Oder doch so? Besser? Schlechter? Gleich?“ Immer und immer wieder diese Fragen, am Liebsten hätte ich geweint, weil ich Angst hatte, die falschen Antworten zu geben. Dann diese Tropfen, nach denen man Ewigkeiten nicht mehr richtig gucken konnte. Als die Tortur beim Arzt endlich vorbei war, ging es zum Optiker. Die Brille oder die? Oder die? Meine Mutter suchte eine ovale Form aus, das war das modernste, was es damals gab.

Und irgendwann nach diesem Tag war es dann soweit. Die Brille wurde abgeholt mit der ausdrücklichen Ermahnung, sie stets und ohne Unterlass zu tragen. Sonst würde es sich furchtbar rächen, wenn ich aus Eitelkeit nicht gehorchte. Als ich sie aufsetzte und vor den Ladenspiegel trat, erkannte ich mich als verhexte Märchenfigur. Die Gläser waren so dick und abscheulich! Ich war wie Zwerg Nase! Von da ab waren wir nun also verschweißt, meine Brille und ich. Ich, die immer Balletttänzerin werden wollte, war von einer Sekunde auf die andere hässlich geworden. Ich spürte an meinen Klassenkameraden den bedauernden Blick, verkleidet hinter freundlichen Worten. Ich sah die Wahrheit, wenn ich in den Spiegel guckte. Ich musste ein neues Leben beginnen. Eins, in der die „Prima Ballerina“ nicht mehr vorkam.

Man gewöhnt sich, nicht wahr?

Keine Ahnung, wie ich mich in den folgenden Jahren damit arrangierte. Irgendwie ging es, und Probleme mit Jungen hatte ich trotz Brille nicht (zumindest habe ich es nicht bemerkt). Was ich bemerkte war, dass meine Attraktivität mit achtzehn, als ich zum ersten Mal Kontaktlinsen bekam, enorm anstieg. Die Prima Ballerina war wieder da – es war unglaublich. Ich versteckte meine Brille in der Handtasche, damit bloß niemand merkte, dass ich eigentlich eine Sehhilfe brauchte. Als mein späterer Ehemann irgendwann merkte, dass ich eigentlich Brillenträgerin bin, fühlte er sich regelrecht getäuscht. Jaja, die Brille…

Nachdem ich Mutter geworden war und wir geheiratet hatten, ging ich wieder zur Brille über. Ach war das angenehm, nicht immer auf die kleinen, pflegebedürftigen Kontaktlinsen aufpassen zu müssen! Brille auf, Brille ab, fertig. Ich glaube, mein Ehemann fand es auch nicht so schlimm, dass dadurch mein Attraktivitäts-Ranking wieder nach unten ging. Das gab ihm wohl Sicherheit 😉

Später (nach der Trennung) kam eine zweite Kontaktlinsenphase, und wieder merkte ich, wie die kleinen Zauberdinger meinen Marktwert über Nacht in die Höhe schnellen ließen. Faszinierend! Disco mit Brille – netter Abend; Disco mit Kontaktlinsen – die Männer stehen Schlange. Doch diesmal, mit über dreißig, vertrug ich die Linsen nicht mehr so gut. Vor Allem beim Autofahren schmerzten die Augen sehr – und irgendwann sträubte sich mein Körper komplett und entwickelte eine Allergie gegen die Reinigungsmittel. Das war mir dann aber auch recht. Brille auf, Brille ab, fertig. Hübsch sein ist ja nett, doch so wichtig auch nicht.

Von da ab begann meine innige Freundschaft mit meiner Brille. Ich war frisch verliebt und mein Geliebter und ich fanden beim Optiker eine Brille von Paloma Picasso mit einem Steinchen oben rechts an der Fassung. Er hatte mir Mut gemacht, die dummen Linsen zu lassen – und diese Brille war dann wie eine Besiegelung der Erkenntnis „Lass die Leute reden“. Ich war selbstbewusst geworden.

Aus dem extrem schüchternen Kind war eine Künstlerin erwachsen. Aus dem Entlein war der stolze Schwan hervorgegangen. Der hatte keinen Grund, sich zu verstecken. Meine Brille war kein Fremdkörper mehr, sie war meine Krone, mein Fluggerät, mein Zauberstab. In der Zwischenzeit war ja auch die Technik fortgeschritten, und aus den Glasbausteinen waren Gläser geworden, die das Gesicht nicht mehr verunstalteten. Alles war gut. Paloma Picasso sollte mich viele Jahre begleiten. Ich habe diese rubinrote Brille mit dem Steinchen geliebt.

Des Dramas zweiter Teil

Dann, vor rund drei Jahren, entdeckte ich plötzlich einige winzige schwarze Punkte im rechten Auge. Ganz plötzlich, beim Spaziergang, waren sie da. Und gingen nicht mehr weg. Mein ältester Sohn, der Arzt ist, ermahnte mich, noch am selben Tag ins Krankenhaus zu gehen, da es sich um ein Anzeichen für Netzhautablösung handeln könnte. Das sei ein Akutfall. Ich googlete, las und wurde panisch. Ich würde blind auf dem rechten Auge! Mit gepackter Tasche saß ich nachts in der Ambulanz und erwartete, dass ich notoperiert werden müsste. Der arme junge Arzt gab sich total viel Mühe, Anzeichen für diese Netzhautablösung zu finden, quälte mich Ewigkeiten mit einem Gerät, das als riesige Lupe ins Auge gequetscht wird; versuchte noch einmal und noch einmal, Spuren zu entdecken, die meine gepackte Tasche rechtfertigen könnten. Irgendwann gab er entmutigt auf. Er fand nichts.

Von da ab verschlechterte sich meine Sehkraft sozusagen stündlich. Schleier vor den Augen und tanzende Pünktchen. Schwierigkeiten, zwischen Computerarbeit, weit sehen, Auto fahren, lesen, fernsehen und was auch immer, die Augen richtig einzustellen. Dann noch mein Nachbar von gegenüber, der hilflos mit zwei Walking-Stecken durch die Gegend irrt, seit sie ihm bei einer Grauen-Star-OP die Augen verhunzt haben. Der seitdem nicht mehr als Ingenieur arbeiten kann und der  jetzt Depressionen hat. Ich war so sicher: Ich habe Grauen Star! Ich werde blind! Doch nach dem Krankenhaus-Alptraum zögerte ich den Augenarzt-Besuch immer wieder hinaus. Rund zwei Jahre ging das so. Ich war wohl ein bisschen paranoid geworden.

Und dann kam Corinna

Heute nun war ich in Unna beim Optiker. Nie wäre ich zu Corinna Kosmal gekommen, wenn wir uns nicht über das Social Media Projekt „Liebling Unna“ kennen gelernt hätten. Ich durfte je gemeinsam mit Dennis Arntjen die Einzelhändler-Gemeinschaft bei der Entwicklung der Facebook-Strategie begleiten, und Corinna, Geschäftsführerin bei Rienhöfer Augenoptik, ist so ein einfühlsam wunderbarer Mensch, dass ich mich vor einigen Wochen auf einer Veranstaltung traute, ihr zu beichten, dass ich vermute, ich habe langsam Grauen Star. Sie hatte mir ja schon während unseres Projekts ihr toll eingerichtetes Labor, ihre modernen Gerätschaften, ihre Werkstatt gezeigt, und das war doch anders als die mir vertrauten Ecken bei Fielmann und Apollo. Das hatte mir imponiert. „Komm mal vorbei, wir gucken mal“ meinte sie und heute kam ich dann um 9.30 Uhr – auf Termin.

Kurze Zeit später wusste ich, dass ich keinen Grauen Star habe, und auch keinen Grünen Star. Dass ich im rechten Auge eine ganz alte Vernarbung habe auf sechs Uhr, und dass mein linkes Auge mehr altersbedingte Ablagerungen vorweist als mein rechtes. Corinna machte Fotografien von meinen Netzhaut-Innenansichten und erklärte mir etwas von Drusen und was man da messen kann und das man das am Besten regelmäßig vergleicht, ob sich da nichts verändert. Und alles war  völlig ok für mein Alter! Und mein Problem war ganz einfach, dass sich nach drei Jahren meine Sehkraft so verändert hatte, dass ich eine neue Brille brauchte! „Also wenn diese Untersuchung für den Führerschein gewesen wäre, hättest Du den Test jetzt nicht mehr bestanden. Die Kurzsichtigkeit hat ganz schön abgenommen – dafür kannst Du weniger gut im Nahbereich sehen – aber das ist normal“

Was für ein Fest! Ich bin gesund! Ich muss nicht bald auf Walking-Stöcken wie ein Maulwurf durch meine Heimatstadt ziehen und um Münzen betteln! Ich muss nicht erleben, wie sich plötzlich beim Starren auf den Monitor meine Netzhäute lösen und auf die Tastatur fließen. Und meine neue Brille ist groß! Und so hübsch! Und ich bekomme noch eine zweite hübsche Brille aus einer Komplettaktion, die dann speziell für die Computerarbeit ist! Mit ganz großem Sichtfeld – fast so groß wie die Windschutzscheibe beim Autofahren! Und ich kann wieder MIT Brille lesen und muss nicht immer über den Rand schielen  oder die Nase kraus ziehen, um noch etwas zu erkennen bei kleiner Schrift!

Aber was wirklich die eigentliche Sensation war, dass mir meine Kindheitstraumata bewusst geworden sind. Seit ich erwachsen bin, tu ich voll cool, wenn ich beim Optiker bin. „Besser so? Oder so? Oder so? Oder gleich?“ Aber hinter meinen ganzen Antworten steckte die ganze Zeit das kleine schüchterne Mädchen, das Angst hatte, die falschen Antworten zu geben. Das bestimmt zu blöd war zu erkennen, ob es mit den eingesteckten Gläsern besser oder schlechter sehen konnte. Das den Ärzten und Optikern die letzten Nerven raubte, weil sich durch diese Unfähigkeit die Untersuchung in die Länge zog – obwohl die Fachkräfte auch noch etwas Anderes zu tun haben als sich mit einem Idioten zu beschäftigen! „Nun reiß Dich doch mal zusammen! Besser so? Oder so? Oder gleich?“

Corinna erklärt alles. Wozu es gut ist, wenn man diese Vergleiche macht. Dass ich mit rund 15 Durchgängen absolut in der Mitte liege und überhaupt das Ganze Prozedere nichts mit der Intelligenz oder Konzentration der Klienten zu tun hat – sondern mit der Beschaffenheit der Augen! Dass ich zum Beispiel immer meinen Kopf etwas schief lege, weil meine Augen nach oben und unten ungleich sind (also nicht horizontal wie beim schielen sondern vertikal) und dass ich diese Ungleichheit durch leichtes Schiefhalten des Halses ausgleiche. Und sie erklärte mir, wie viele Menschen von Kopfschmerzen und Migräneattacken geplagt werden, einfach nur, weil ihre Augen nicht voll mittig sind und sich permanent einpendeln müssen . Und dass man solche kleinen Ungleichheiten ganz leicht über die Gläser ausgleichen kann (wie jetzt bei mir 🙂 ).

Mein Gott, wie gut es tut, wenn man plötzlich versteht! Wenn sich dieses unerklärliche „Besser so? Oder so? Oder so? Oder gleich?“ plötzlich auflöst und zu einem völlig normalen Vorgang wird, bei dem ich nichts falsch machen kann! Klar gibt es Augenärzte und Optiker, die ungeduldig werden und genervt sind – so wie es auch Fahrschullehrer gibt, die ungeduldig und genervt sind. Doch während Fahrschüler tatsächlich Fehler machen können, gibt es hier keine Fehler! Es gibt keine Fehler! Es ist wie es ist! Klar dauert so eine Grunduntersuchung locker zwei Stunden und braucht die dementsprechende Ruhe und den Raum – doch da macht man eben Termine und weiß das! Und später geht es dann schneller, und alle zwei Jahre braucht man dann eben eine neue Brille, wenn man beruflich und geschäftlich voll im Leben steht und gute Sicht noch wichtiger ist als ein durchtrainierter Körper.

Ach ist das schön, wenn Vergangenheitskisten sich auflösen. Nie hätte ich gedacht, dass da noch so alte Ängste verborgen sind. Erst durch diese Entspannung des Verstehens kam ich an die Erinnerungen dran. Enden möchte ich mit einer Bitte an Euch alle: Schenkt Eurer Umwelt Information und Verständnis, erklärt geduldig und ermutigt zu Fragen. Verliert nicht den Zugang zu den Unwissenden, auch wenn Euch Euer Wissen im Laufe der Jahre so selbstverständlich geworden ist.

Erklärt als Zahnarzt die professionelle Zahnreinigung und erklärt als Eltern, warum es gut fürs Kind ist, bei Regen und Kälte einen Schal zu tragen. Von mir aus erklärt Eurem Hund, warum Ihr noch nicht spazieren gegangen seid, obwohl Ihr doch sonst um diese Uhrzeit schon los seid. Erklärt Eurem Lebenspartner, warum Ihr jetzt Ruhe braucht und erklärt Euren Schülern, warum Ihr heute als Lehrer unkonzentriert sein. Als täte der Himmel sich auf und die Sonne bricht durch. Erklärungen sind wie eine Brille: Sie geben Klarblick und Handlungsfreiheit. Freiheit! Brille ab, Brille auf – und los!

Sogar die Website ist richtig cool: Rienhöfer Augenoptik in Schwerte und Unna – der weiteste Weg lohnt sich…

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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