Interview mit Maresa Feldmann, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dortmund

Was ist der Unterschied zwischen einer „Frauenbeauftragten“ und einer „Gleichstellungsbeauftragten?“ Wie setzen sich die Aufgabenfelder des Teams rund um Maresa Feldmann in Dortmund zusammen? Und mit welchen Hebeln kann man am ehesten Einfluss nehmen auf die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Stadtverwaltung? Im Interview mit den SteadyNews erzählt Maresa Feldmann, wie sie zu ihrer heutigen Position gekommen ist – und wie sie ihre Aufgabe versteht und umsetzt.

SteadyNews: Bitte stell Dich unseren Leserinnen und Lesern vor: Was genau ist Deine Aufgabe und wie gestaltet sich Dein Arbeitsauftrag in Deiner jetzigen Position?

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Maresa Feldmann mit ihrer Mutter, die sich zeit ihres Lebens im Emsland sozial engagiert hat und das frauenpolitische Bewusstsein wohl an die Tochter weitergegeben hat.

Maresa Feldmann: Ich bin die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dortmund – allerdings noch nicht so lange. Zuvor habe ich fast 20 Jahre an der Sozialforschungsstelle Dortmund (gehört zur TU Dortmund) gearbeitet. Ich bin von Beruf Sozialwissenschaftlerin. Zum Schluss meiner Zeit bei der Sozialforschungsstelle hatte ich viele internationale Projekte – die alle mit Gleichstellung zu tun hatten – Projekte mit Litauen, Tschechien und anderen europäischen Ländern. Das war sehr interessant, denn man kann von allen Ländern etwas lernen. So ein Ländervergleich und Länderaustausch ist unglaublich bereichernd.

Letztendlich bin ich zu Frau.Innovation.Wirtschaft gekommen, da ich dort eine Elternzeitvertretung übernommen habe. Zuvor hatte ich nie eine feste Anstellung, sondern musste ständig Projekte und Fördermittel akquirieren, um meine Stelle zu finanzieren. Da ist immer das Risiko, irgendwann nicht finanziert zu sein und der Akquisitionsdruck ist groß.

Diese Situation ist auf Dauer unbefriedigend und deshalb habe ich mich umorientiert und hatte das Glück, dass ich im Anschluss an die Elternvertretung bei Frau.Innovation.Wirtschaft mit einer halben festen Stelle übernommen wurde. 2012 bis 2014 war ich dort bei Ursula Bobitka im Team. 2014 dann wurde ich stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte im Team von Brigitte Wolfs. Sowohl als wissenschaftlicher Mitarbeiterin bei der Wirtschaftsförderung als auch in der Funktion der stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragte konnte ich praxisorientiert arbeiten und konkret etwas bewegen. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Meine langjährige Forschungsarbeit hat mir dabei sehr geholfen. Auch heute hilft mir das bei meiner Arbeit.

Hast Du da ein Beispiel?

Wir waren in Luxemburg am Vergabeverfahren eines Gender-Prädikates für die wissenschaftliche Arbeit zuständig. Unternehmen, die sich auf das Prädikat beworben haben, mussten sich einer umfassenden Unternehmensanalyse unterziehen. Dazu gehörte auch eine große Beschäftigungsbefragung nach Gleichstellungskriterien, die in meinem Aufgabenbereich lag. Daraus wurden konkrete gleichstellungsrelevante Maßnahmen abgeleitet, die zu Veränderungen und letztlich zum Erhalt des Prädikates geführt haben. So eine Befragung halte ich für sehr sinnvoll. Es ist sehr wichtig, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fragen, wo der Schuh drückt und wo es Verbesserung geben müsste. Nehmen wir das Beispiel „sexuelle Belästigung“. Fast alle Unternehmen, die wir in Luxemburg analysiert haben, waren überzeugt, dieses Problem nicht zu haben. Bei den Auswertungen der Befragungen kam dann jedoch häufig zutage, dass die Lage nicht so positiv ist wie im Vorfeld angenommen.

Als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte bei Brigitte Wolfs habe ich mich sehr wohl gefühlt. Als sie dann Ende letzten Jahres die Stelle gewechselt hat, habe ich mich auf die Nachfolge beworben. Ich glaube, dass die mit der Stelle verbundene Arbeit gut zu mir und meinem Hintergrund passt und wünsche mir vieles bewegen zu können.

Anfang des Jahres war ich dann zunächst kommissarische Leiterin. Ich habe mir über den Jahreswechsel viele Gedanken gemacht, wie ich unser Büro konzeptionell aufstellen würde – und habe unsere Arbeit und die Aufgabenverteilung in ein schriftliches Konzept gebracht: Welche Themenfelder wollen wir wie organisieren und wer kann welche Verantwortlichkeiten übernehmen? Ich bin dann das Konzept mit jeder einzelnen Person des Teams durchgegangen und gemeinsam haben wir das Konzept weiterentwickelt. Ich glaube, das ist uns gut gelungen. Ich denke, wir haben ein gutes Arbeitsklima und die Aufgaben so verteilt, dass alle sich in ihren Verantwortlichkeiten wiederfinden. Aktuell sind wir noch fünf Frauen und ein Mann – werden aber jetzt sehr bald noch eine Person dazu bekommen, so dass wir dann auch wieder komplett sind.

Also was genau machst Du so den ganzen Tag?

Das Hauptaufgabenfeld betrifft den Personalbereich innerhalb der Stadtverwaltung. Ich und mein Team sind z.B. überall dort aktiv, wo Personalentscheidungen getroffen werden. Entsprechend unserer Profession richten wir dabei unser Augenmerk auf die Gleichberechtigung der Geschlechter und sind u.a. in Personalauswahlverfahren dabei, wir beraten und informieren Mitarbeitende wie Führungskräfte und stehen im direkten Austausch mit unterschiedlichen Bereichen der Verwaltung (Personal- und Organisationsamt, Personalrat u.a.).

Zudem bieten wir unterschiedliche Veranstaltungen an, die einen wichtigen Aspekt unserer Öffentlichkeitsarbeit ausmachen. Einige davon laufen unter unterschiedlichen Formate, die regelmäßig stattfinden: Da gibt es zum einen „Frauen aus der Stadtverwaltung stellen sich vor“ wo Führungsfrauen aus der Stadtverwaltung in moderierten Gesprächen zu unterschiedlichen Aspekten ihres (beruflichen) Lebensweges berichten. Oder auch „Dortmunderinnen unterwegs“ – da fahren wir in andere Städte, wo wir aus Gleichstellungssicht interessante Orte, Organisationen oder Personen besuchen bzw. kennenlernen.

Neu hinzugekommen ist dieses Jahr das Format „Dortmunder Frauenverbände stellen sich vor“. Die Veranstaltungen zu diesem Format finden zweimal im Jahr statt und hier haben Verbände, die sich frauenpolitisch engagieren die Möglichkeit, sich und ihre Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Da waren wir beim vorletzten Mal (übrigens genau am Tag, wo ich zur Gleichstellungsbeauftragten ernannt wurde) im Bordell – als Ort, wo sich die Dortmunder Mitternachtsmission vorgestellt hat.

Das Gewinnen von Frauen für die Verbands- bzw. Gremiearbeit ist übrigens auch ein Schwerpunkt unserer aktuellen Arbeit, da in Gremien vielfach wenige Frauen vertreten sind bzw. der Nachwuchs fehlt. So führen wir aktuell zusammen mit der FH Dortmund ein Qualifizierungsprogramm mit dem Titel „FrauenMachtEinfluss“ durch, in dem wir 16 Frauen aus Dortmund das Handwerkszeug zur erfolgreichen Gremienarbeit vermitteln. Als Abschluss des Programms wird es am 13. Januar 2017 einen „Markt der Möglichkeiten“ in Form einer Messe geben, auf dem die Vielfalt der Möglichkeiten vorgestellt werden, wo Frauen bei gesellschaftspolitischen Themen aktiv mitwirken können.

Als viertes Veranstaltungsformat des Gleichstellungsbüros kommt nächstes Jahr „Dortmunderinnen stellen sich vor“ hinzu. Da stellen sich Frauen aus Dortmund vor, die zum Teil prominent sind, oder aber auch einfach tolle Arbeit im Hintergrund leisten. Am 4. April 2017 startet die Reihe und wir sind dann im Beginenhof bei der Feministin und Stadtentwicklerin Rosemarie Ring.

Um als Gleichstellungsbüro für das Thema Gleichstellung in der Gesellschaft zu sensibilisieren, sind Veranstaltungen ein wichtiges Instrument. Wir versuchen mit unseren Angeboten unterschiedliche gleichstellungsrelevante Themen anzusprechen und zu diskutieren und ich freue mich, dass diese in Dortmund auch sehr gut angenommen werden. Einher geht allerdings auch, dass wir häufig nicht alle Anmeldungen berücksichtigen können, was uns natürlich leid tut, uns aber auch ein Ansporn ist, hier weiter aktiv zu sein.. Neben den Veranstaltungen führen wir auch Kooperationsprojekte durch, wozu z.B. das aktuelle Projekt „Betriebliches Mentoring für geflüchtete Frauen“ zählt. Da haben schon die ersten geflüchteten Frauen, die in ihren Herkunftsländern eine gute Berufsausbildung absolviert haben, Hospitationsplätze in Dortmunder Unternehmen bekommen. Es gibt also konkrete Ergebnisse.

Ich arbeite sehr konzeptionell. Ich muss mit Kooperationspartnerinnen und -partnern sowie mit Referentinnen und Referenten sprechen. Wir geben viele Printprodukte heraus, die thematisch formuliert werden müssen. . Ich initiiere Maßnahmen, entwickel Ideen und bringe Projekte und Kampagnen auf den Weg. Wir haben viele Ideen für zukünftige Maßnahmen. So wollen wir im nächsten Jahr auch Facebook für unsere Öffentlichkeitsarbeit bedienen. Und ein Väterkongress ist geplant, um die Vaterrolle zu stärken. Eingeladen sind Väter kleiner Kinder aus der Stadtverwaltung, sich zu vernetzen und sich auf Foren über Themen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu informieren und zu diskutieren.

SteadyNews: Wie war der Weg zu Deiner jetzigen Position? Welche Einflüsse und Stationen in Deiner Biografie haben entscheidend zu Deiner Karriere/ Deiner heutigen Aufgabe beigetragen?

Maresa Feldmann: Ich habe eine Mutter, die in der Richtung schon sehr engagiert war. Sie hat über viele Jahre den Verein „Frauen helfen Frauen Emsland e.V.“ geleitet. Sie haben sich dort für regionale und internationale Projekte eingesetzt. Zum Beispiel hat der Verein Projekte für Mosambik organisiert, um Frauen ihr Studium über Kleinkredite zu finanzieren. Ich komme ja vom Bauernhof, bin Tochter einer Bauernfamilie. Meine Mutter wollte eigentlich Entwicklungshelferin werden. Sie ist dann während ihrer Ausbildung im Emsland „stecken geblieben“ da sie dort ihren zukünftigen Ehepartner kennengelernt hatte und hat dann sozusagen Entwicklungshilfe im Emsland geleistet.

Bis heute ist sie ehrenamtlich sehr aktiv, jetzt gerade auch in der Flüchtlingshilfe speziell für Frauen. Sie ist aufgrund ihres Engagement sogar Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande, was mich mit Stolz erfüllt. Ich glaube, dass ich das Bedürfnis, Dinge zu bewegen und kritisch nachzufragen von ihr mitbekommen habe. Ich habe schon mit 12 Jahren dem Bischof einen Brief geschrieben, weil ich es so ungerecht fand, dass ich keine Messdienerin werden konnte. Aber frauenpolitisch richtig aktiv bin ich erst an der Sozialforschungsstelle Dortmund geworden, als ich dort Frau Dr. Monika Goldmann kennengelernt habe, die dort gleichstellungsbezogene Projekte geleitet und mich in ihr Team aufgenommen hat.

SteadyNews: Was begeistert Dich an Deiner jetzigen Position? Welche Faktoren sind es, die Dich anspornen, auch bei schwierigen Herausforderungen weiterzumachen und Dein Bestes zu geben?

Maresa Feldmann: Es gibt schon Situationen, wo wir, zum Beispiel im Personalbereich, auf Widerstände stoßen, wenn wir unseren Gleichstellungsanspruch geltend machen. Da muss man manchmal auch ein dickes Fell haben. Da wir ein Team sind und ich die Entscheidungen zwar als Gleichstellungsbeauftragte trage, aber diese vom Team mitgetragen werden, wird mir dadurch auch der Rücken gestärkt. Wichtig ist, gut zu argumentieren und Entscheidungen zu begründen.

Ich könnte mich nicht durchsetzen, wenn ich nicht die Argumente auf meiner Seite hätte. Und natürlich gibt es dafür auch entsprechende Gesetze. Das Landesgleichstellungsgesetz LGG ist da eigentlich ganz klar in seiner Formulierung. Grundsätzlich muss ich aber betonen, haben wir eine sehr gute, kooperative Atmosphäre in unserer Stadtverwaltung und finden gleichstellungsrelevanten Themen Unterstützung. Auch mit dem Personal- und Organisationsamt arbeiten wir in dem Bereich sehr gut zusammen.

SteadyNews: Welchen Preis musst Du für Deine verantwortungsvolle Position zahlen? Welche Opfer und Einschränkungen begleiten Deine Karriere/ Deine heutige Aufgabe?

Maresa Feldmann: Die Arbeit geht schon in den Privatbereich hinein, das kann manchmal schon belasten. Gerade, da das Gleichstellungsbüro personell noch nicht komplett besetzt ist und für mich auch vieles neu und ungewohnt ist, ist die Arbeitsauslastung und -belastung recht hoch. Insgesamt bin ich aber sehr zufrieden mit meiner beruflichen Situation. Ich habe einen großen Entscheidungsspielraum hinsichtlich der Gestaltung der Gleichstellungsarbeit und kann aktiv gestalten und direkt einwirken. Das ist schon toll.

SteadyNews: Was sagst Du zu der Aussage „Frauen führen anders“? Würdest Du anderen Frauen empfehlen, einflussreiche Positionen anzustreben? Wünscht Du Dir mehr Frauen in Macht- und Führungspositionen?

Maresa Feldmann: Die Aussage „Frauen führen anders“ sehe ich differenziert. Einerseits ist es erwiesen, dass es innerhalb der jeweiligen Geschlechtergruppe mehr Unterschiede gibt als zwischen den Geschlechtern, und wehre mich dagegen dass Männern und Frauen stereotyp Fähigkeiten zu- oder abgesprochen werden. Es ist aber auch so, dass Frauen anders sozialisiert sind als Männer und sich dies auf das Führungsverhalten niederschlägt. Sie sind z.B. mehr konsens- und teamorientiert und beleuchten Probleme eher von mehreren Seiten. Aber es gibt natürlich auch Männer, die das machen. Ich würde die Unterschiede nicht überbewerten.

Und natürlich hätte ich gern mehrere Frauen in Führung. Frauen haben in der beruflichen Qualifikation die Männer inzwischen eingeholt und sollten entsprechend auch wichtige Positionen besetzen. Zudem sind auch auf Führungsebenen gemischte Teams einfach besser, es spiegelt die Vielfalt wieder und zieht unterschiedliche Perspektiven mit ein. Und mehr Frauen ziehen auch mehr Frauen an. Das ist ja auch etwas, was wir in unseren Veranstaltungen aufzeigen: Führen ist sicherlich eine Herausforderung und setzt hohes Engagement voraus, aber es macht auch Spaß und ermöglicht Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume.

m-feldmannMaresa Feldmann
Gleichstellungsbüro Dortmund
Friedensplatz 1
44122 Dortmund
Telefon: 0231 50-25476
E-Mail: [email protected]

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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