Interviewserie „Frauen in Führung“: Dr. Sabine Seidel, Leiterin Studieninstitut-Ruhr

Das Studieninstitut Ruhr ist verantwortlich für die Aus-, Weiter- und Fortbildung in der öffentlichen Verwaltung. Mit zwei Standorten und sieben Gesellschafterstädten kann man sich vorstellen, wie groß, umfassend und bedeutend das Institut ist, das seit vier Jahren von einer Frau geleitet wird: Frau Dr. Sabine Seidel. Ich bin dankbar, dass ich mit dieser nachdenklichen und besonnenen Frau ein langes Interview führen und ein wenig verstehen durfte, wie komplex es ist, eine so einflussreiche Position zu bekleiden und für viele tausend Mitarbeiter der kommunalen Verwaltung Mit-Verantwortung zu tragen.

SteadyNews: Bitte stellen Sie sich unseren Lesern vor: Was genau ist Ihre Aufgabe und wie gestaltet sich Ihr Arbeitsauftrag in Ihrer derzeitigen Position?

Dr. Sabine Seidel: Ich bin Leiterin des Studieninstituts Ruhr. Die Aufgabe setzt sich aus mehreren Funktionen zusammen. Ich bin als Geschäftsführerin für Personal, Organisation und Finanzen zuständig – und als Studienleiterin für den Lehrbetrieb, für die Aus- und Fortbildung der sieben Gesellschafterstädte. Wir haben zwei Standorte, und ich bin Leiterin beider Standorte: Dortmund und Bochum. Unser Haus ist ein Traditionshaus. Wir sind im letzten Jahr als Lehrbetrieb tatsächlich 100 Jahre alt geworden.

Wir sind traditionell Ausbildungsstätte der Kommunen. Wir bilden Verwaltungs­fachangestellte, Kauf­leute für Büro­management und Beamtinnen und Beamte des mittleren Dienstes aus. In der Weiter­bildung qualifizieren wir Beschäftigte und Beamte für höher­wertige Tätigkeiten. Auch die Fortbildung ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. In den ersten Jahren ging es dabei mehr um Führungsthemen, um persönliche Skills, soziale und methodische Kompetenzen. Heute geht es immer mehr in die fachliche Fortbildung. Es kommen zunehmend fachliche, komplexe Herausforderungen auf die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes zu. Da haben wir unser Angebot in den letzten Jahren sehr ausgedehnt.

Meine Ausrichtung ist es, mehr Kompetenzschwerpunkte in der Fortbildung bei uns anzusiedeln bzw. Qualifizierungen in Kooperation mit anderen Bildungsträgern anzubieten. Wenn die anderen elf Studieninstitute, die es in NRW gibt, ähnlich handeln, kommt es zu einer besseren Auslastung der Kurse insgesamt und mehr Sicherheit für unsere Teilnehmenden, dass die geplanten Veranstaltungen auch stattfinden.

Neben den „weichen Faktoren“ sind unsere Kompetenzschwerpunkte beispielweise Rechnungsprüfer-Zertifikats-Lehrgänge und der kommunale Bilanzbuchhalter. Wir haben eine Baurechtsreihe mit unterschiedlichsten Themen und eine Qualifizierung für Sachbearbeiter in der Umweltverwaltung. Diesen Lehrgang bieten wir gemeinsam mit dem Studieninstitut in Wuppertal an.

Jetzt gerade sind wir dabei, gemeinsam mit der Behindertenbeauftragten der Stadt Dortmund ein modulartig angelegtes Qualifizierungskonzept „Inklusion in der kommunalen Verwaltung“ aufzubauen, auch als Zertifikatslehrgang. Das machen wir gemeinsam mit Fachleuten anderer Städte aus dem Aufgabenbereich Inklusion. Da haben wir schon den ersten Workshop durchgeführt.

Bezogen auf die Aus- und Weiterbildung habe ich den ersten Unterrichtstag organisiert zum Thema „Interkulturelle Kompetenz“. Das ist in den Lehrplänen der Studieninstitute überhaupt noch nicht vorgesehen und ich meine, da muss aus aktuellem Grund dringend etwas passieren. „Wie kommuniziere ich mit anderen Kulturen“ ist eines der Themen in dieser Reihe. Nach meiner Ansicht ist dieses Thema für die Auszubildenden als Neuankömmlinge in der Verwaltung gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit entscheidend. Ich habe in der letzten Studienleiter-Tagung vorgeschlagen, dass alle Studieninstitute das Thema „Interkulturelle Kompetenz“ in die Lehrpläne aufnehmen und wir hierzu ein Konzept erarbeiten. Dabei bin ich auf breite Zustimmung gestoßen.

SteadyNews: Wie gestaltet sich Ihr Arbeitsauftrag?

Dr. Sabine Seidel: Unsere sieben Gesellschafterstädte haben sich ja zu einer Kooperation entschieden, weil unsere Organisationsform es erlaubt, flexibler zu handeln. Auch erhoffen sich unsere Gesellschafterstädte mehr Wirtschaftlichkeit. Mein Arbeitsauftrag ist es, das umzusetzen. Die Wirtschaftlichkeit spielt hier eine große Rolle, ebenso die Qualität, und das ist angesichts der finanziellen Situation natürlich schwierig, denn für einen Lehrbetrieb ist meiner Meinung nach die Qualität das Entscheidende. Es gibt manche bittere Pille zu schlucken. Wir mussten zum Beispiel die hauptberuflichen Lehrkräfte herunterfahren zugunsten eines nebenamtlichen Unterrichts. Ich bin allen sieben Gesellschafterstädten verpflichtet und führe ihre Interessen zusammen. Dafür braucht es hohe integrative Fähigkeiten.

SteadyNews:  Wie war der Weg zu Ihrer jetzigen Position? Welche Einflüsse und Stationen in Ihrer Biografie haben entscheidend zu Ihrer Karriere/ Ihrer heutigen Aufgabe beigetragen?

Dr. Sabine Seidel: Mein Weg war eher ungewöhnlich, glaube ich. Angefangen hat meine berufliche Laufbahn wohl schon durch die bundesdeutsche Bildungsreform in den sechziger/ siebziger Jahren. Ich bin sozusagen das Bildungsklischee der Bildungsreform: „das katholische Arbeitermädchen vom Lande“ – den Studien nach am schwersten zu erreichen für die Bildungsziele und Visionen der reformwilligen Politiker.

Ich muss sagen, da bin ich der SPD im Nachhinein wirklich dankbar. Meine Eltern mussten zunächst schon ein

Zum Ausgleich entspannt Frau Dr. Seidel gerne im Urlaub bei ausgedehnten Strandspaziergängen und im Strandkorb an der Nordsee

Zum Ausgleich entspannt Frau Dr. Seidel gerne im Urlaub bei
ausgedehnten Strandspaziergängen und im Strandkorb an der Nordsee

bisschen überredet werden, ihr Mädchen aufs Gymnasium zu schicken, ließen sich aber von meinem Klassenlehrer überzeugen. Mein Vater hat mir am Ende meiner Gymnasialzeit dann gesagt: „Du kannst studieren was Du willst, wir unterstützen dich“. Das hat mich sehr berührt und ich wollte das meinen Eltern nicht zumuten. Darum habe ich ein duales Studium bei der Stadt Lünen begonnen, an der FH für öffentliche Verwaltung mit Praxisanteil. So habe ich von Anfang an schon mein eigenes Geld verdient und konnte mir sogar meine eigene Wohnung finanzieren.

Mein Traum war allerdings immer der Lehrerberuf, das schwirrte mir permanent durch den Hinterkopf. Nachdem ich meine Karriere als Sachbearbeiterin bei der Stadt Lünen gemacht, geheiratet und zwei Kinder bekommen habe, arbeitete ich eine Zeit lang in Teilzeit. Dann habe ich recht schnell in Vollzeit Diplompädagogik an der TU Dortmund studiert – zusätzlich zur Arbeit. Das ging nur, weil meine Eltern und mein Ex-Mann mich so großartig unterstützten. Man muss als Mutter immer das Gefühl haben, das alles gut läuft und die Kinder glücklich sind, sonst hält man diese Belastung nicht aus.

Bald hatte ich die Chance, mich auf eine geeignete Führungsposition zu bewerben: Leitung der Organisation und DV-Beratung bei der Stadt Lünen. Darum musste ich meine Arbeitszeit erhöhen und war dabei immer noch im Studium. Das war 1997, und ich glaube, für die damalige Zeit waren wir da sehr fortschrittlich. Mein Mann hat sogar seine Arbeitszeit reduziert und die eigene Karriere erst einmal auf Eis gelegt. Auch mein Chef, mein Fachbereichsleiter, hat sich in dieser Zeit sehr für mich eingesetzt. Es war dabei nicht immer einfach mit uns beiden, aber er war jemand, der mich fast ein bisschen väterlich unterstützte.

Nach dem Studium habe ich mich als Leiterin beim Rechnungsprüfungsamt der Stadt Lünen beworben und die Stelle bekommen. Später kam zu Lünen noch Selm hinzu, da die beiden Städte kooperierten und die Rechnungsprüfungsämter zusammengelegt wurden. Ich habe dann beide Ämter geleitet. In dieser Zeit habe ich in Vollzeit gearbeitet und meine Promotion und eine zweieinhalbjährige Qualifizierung NFK (Neues kommunales Finanzmanagement) mit Prüfung abgeschlossen.

2008 habe ich meine Promotion beendet und 2009 bin ich zur FH für öffentliche Verwaltung gewechselt als Professorin für Personal- und Organisationsmanagement und öffentliche Betriebswirtschaftslehre. 2011 konnte ich dann im Auswahlverfahren für die Stelle als Leiterin des Studieninstituts Ruhr das Auswahlgremium überzeugen.

SteadyNews: Was begeistert Sie an Ihrer jetzigen Position? Welche Faktoren sind es, die Sie anspornen, auch bei schwierigen Herausforderungen weiterzumachen und Ihr Bestes zu geben?

Dr. Sabine Seidel: Es begeistert mich, dass ich alle meine Kompetenzen hier einbringen kann, die ich im Laufe meiner Biografie erworben habe. Deshalb ist das für mich der ideale Beruf. Ich habe organisatorische Kompetenzen, Fachkenntnisse im Finanzbereich, ich war lange Jahre Führungskraft und habe Erfahrung in der Lehre und im Lehrbetrieb erworben.

Was mich anspornt ist auch, dass ich mich inzwischen verantwortlich fühle für das Studieninstitut, die Lehre und auch für die Menschen, die hier arbeiten. Ich glaube, das wird immer ein Prozess bleiben. Ich möchte den Weg mitbestimmen. Es wird immer neue Entwicklungen geben, und die möchte ich begleiten und mitgestalten. Weil die Aufgaben so vielfältig sind, sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt, das gefällt mir. Intern geht es ja gerade um die Umstrukturierung nach der Organisationsuntersuchung, die wir im letzten Jahr hatten. Das wird noch eine Weile in Anspruch nehmen, bis das alles umgesetzt ist.

Wir werden die Standorte Bochum und Dortmund zusammenführen, der Umzug in ein gemeinsames Gebäude ist für Anfang 2017 geplant. Hier hat uns unser Institutsvorsteher Herr Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, sehr unterstützt. Und meine Vision ist es ja, die Lehre und die Fortbildung weiterzuentwickeln, sowohl was die Qualität betrifft als auch die Schärfe des Profils bei unserer Ausrichtung.

SteadyNews: Welchen Preis müssen Sie für Ihre verantwortungsvolle Position zahlen? Welche Opfer und Einschränkungen begleiten Ihre Karriere/ Ihre heutige Aufgabe?

Dr. Sabine Seidel: Mich zeichnen als Persönlichkeitsmerkmale Ehrgeiz, Gerechtigkeitsempfinden und Leistungsorientierung aus, schon mein Leben lang. Das hat Konsequenzen bei der Lebensplanung und -einrichtung. Ich habe eine tolle Familie, die in allen Lebenslagen hinter mir steht. Meine Familie, mein Lebenspartner und auch meine Freunde sind mir sehr wichtig.

Soviel zum privaten Teil. Meine Aufgabe hier im Studieninstitut ist durch das konstruktive Zusammenwirken vieler verschiedener Gremien geprägt. Da gibt es die Gesellschafterversammlung, die Prüfungsausschüsse, das Gremium der Lehrgangssprecher, die Fachbereichskonferenzen der Dozenten und regelmäßige Arbeitskreise zur Weiterentwicklung des Studieninstituts, mit Vertretern der Gesellschafterstädte. Mit all diesen Gremien gemeinsam und den Beschäftigten des Studieninstituts richte ich unsere Einrichtung aus. Hinzu kommen weitere Einflüsse außerhalb dieser bestehenden Gremien. Die Konfliktanfälligkeit ist dadurch ziemlich hoch. Da ist es ganz wichtig, dass ich mich nicht durch Störaktionen beeinflussen lasse. Denn es gibt immer mal wieder einzelne Akteure, denen ihre Rolle nicht so klar ist. Aber das lässt sich bei der Komplexität der Aufgabenerfüllung kaum vermeiden.

Auf der einen Seite ist es schön, so eine eigenständige Organisation zu leiten, aber auf der anderen Seite bedeutet das auch, dass ich nicht so eingebettet bin in den Schutz einer großen Organisation. Da freue ich mich, dass ich sowohl bei den Gesellschafterstädten als auch hier im Studieninstitut bei den Kolleginnen und Kollegen große Unterstützung erfahre.

SteadyNews:  Was sagen Sie zu der Aussage „Frauen führen anders“? Würden Sie anderen Frauen empfehlen, einflussreiche Positionen anzustreben? Wünschen Sie sich mehr Frauen in Macht- und Führungspositionen?

Dr. Sabine Seidel: Grundsätzlich denke ich, dass unabhängig vom Geschlecht jeder Mensch eine Persönlichkeitsstruktur hat, die den Führungsstil beeinflusst. Ich weiß aber auch durch Studienergebnisse, dass Frauen in ihrer Sozialisation andere Prioritäten vermittelt bekommen als eine rein faktenorientierte und in Zahlen denkende Führung erfordert. Die Zufriedenheit von Kunden und Mitarbeitern und die Anerkennung durch „Kümmern“ sind Frauen oft wichtiger als Männern. Da kann es sein, dass weibliche Führungskräfte in Bezug auf ihre Mitarbeiter mehr Rücksicht nehmen auf deren Interessen, wie z.B. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und Männer ihre Aufgabenerfüllung eher auf Fakten und wirtschaftliche Interessen konzentrieren.

Was ich als großen Vorteil für Frauen in Führungsrollen empfinde ist, dass sie beides leben können, Fürsorglichkeit und Teamorientierung, aber auch rationales Zahlendenken und Sachlichkeit. Für Männer hingegen ist es weitaus schwieriger, sich die Eigenschaften, die man Frauen in Führungspositionen zuschreibt, anzueignen, da Intuition und „Kümmern“ Männern leicht als Schwäche ausgelegt werden.

Dr.-Sabine-SeidelKontaktdaten:
Dr. Sabine Seidel
Studieninstitut Ruhr
für kommunale Verwaltung GbR
Königswall 44-46
44137 Dortmund
Fon: 0231 / 5022791 od. 5024941
Institutsvorsteher: Ullrich Sierau
E-Mail: [email protected]
Internet: www.studieninstitut-ruhr.de

 Alle Interviews mit Frauen in Führung:

Alle Interviews der SteadyNews-Serie „Frauen in Führung“ auf einen Blick:

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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