Wie vielleicht bekannt, bin ich (1959 geboren) eine „Altlinke“. Ich schwärmte als Jugendliche für die Baader-Meinhof-Gruppe, die dem autoritären Nazi-Nachfolgerstaat die demokratische Maske von der Fratze ziehen wollte, ich war in der ersten Zeit leidenschaftliches Mitglied der außerparlamentarischen Opposition „Die Grünen“, ich lebte und lebe bis heute nach dem Grundsatz „Misstraue jedere Obrigkeit, die Macht über die proletarischen Massen hat“.
Bröckelt die Brandmauer? Kommen wir wieder in den Dialog?
In den letzten Tagen habe ich zwei aufrichtige, offene Gespräche führen können mit Menschen, die nach dem Grundsatz leben „Hauptsache, nicht AfD wählen“. Ich kann diese Einstellung gut verstehen. 2015 gehörte ich selbst zu denen, die bei Facebook jede/n Bekannte/n blockierten, der gegen die Grenzöffnungen war. Erst die Coronazeit, die dazu führte, dass ich mit seelisch schwer belasteten Langzeitarbeitslosen arbeiten durfte, veränderte meinen Blickwinkel. Ich lernte, zu verstehen, warum die Arbeiterklasse, die Abgehängten und Perspektivlosen Hoffnungen in AfD-Wahlversprechen setzten. Die drei Säulen der Rechtspopulisten sind
1. Fremdenfeindlichkeit
2. Demokratie-Skepsis
3. Autoritatismus
Ich habe durch den Kontakt mit Menschen, die in Armut und Perspektivlosigkeit leben, gelernt, dass sie ausgesprochen hochkarätige, nachdenkliche Gesprächspartner sind, die mir und meinen akademischen Freunden an Herzensbildung und Mitgefühl überlegen sind, dass sie einem System hilflos ausgeliefert sind, das nur sehr Wenigen die Chance ermöglicht, gesellschaftlich und finanziell aufzusteigen.
Das hat bei mir „Linken“ eine Kehrtwende eingeleitet. Da die AfD hauptsächlich von Abgehängten gewählt wird und von Menschen aus der Arbeiterklasse, die zu recht fürchten, in das gesellschaftliche und finanzielle Aus zu geraten, erschreckt es mich, wenn gesellschaftlich Privilegierte die Brandmauer beschwören und AfD-Wähler regelrecht mit Abscheu überziehen.
AfD-Wähler abschieben?

Was wollen diese Wähler der vier etablierten Parteien? Die Deportation der Abgehängten, die sich nach einem starken Führer sehnen, der sie aus ihrem Sumpf der Armut rettet? Berufsverbote für AfD-Wähler? Möchten die Wähler von CDU, SPD, Linken und Grünen, dass die Kinder von AfD-Politikern aus Kitas und Privatschulen ausgeschlossen werden? Das ist doch total gruselig!
In einer Zeit, in der nur 22 Prozent der Deutschen mit der Bundesregierung zufrieden oder sehr zufrieden sind, ist diese Unzufriedenheit hoffentlich damit verbunden, dass die Gebildeten und gesellschaftlich Etablierten wieder Mitgefühl für die Abstiegsgefährdeten, Chancenlosen, Verbitterten und Abgehängten entwickeln.
Yougov-Umfrage: Zufriedenheit mit der Bundesregierung -Februar 2026
Lasst uns die Brandmauer abräumen, bitte!!!

Ich wünsche mir von Herzen, dass wir die Brandmauer abräumen wie 1989 die Mauer zwischen Ost und West. Ich meine, man muss doch mal überlegen, was der Begriff aussagt! Eine Brandmauer ist ein Synonym dafür, Schädigendes fernzuhalten! Sind AfD-Wähler Schädlinge? Sind sie menschliche Brandherde, die ausgetreten werden – bzw. hinter der Brandmauer weggesperrt werden müssen? Sehnen die Westdeutschen sich nach der Zeit zurück, als es noch die DDR mit ihrer Mauer gab?
Hatten wir so radikale Verwünschungen nicht schon mal in unserer deutschen Geschichte? Was würden große Geister wie Bertolt Brecht und Janusz Korczak (der sich gemeinsam mit jüdischen Waisenkindern aus dem Warschauer Ghetto im Vernichtungslager Treblinka vergasen ließ) dazu sagen? Den Armen und Perspektivlosen die Verachtung der Bourgeoisie zeigen, indem man sie als schädlich, faul und dumm abstempelt?
Nein, sorry, da bin ich raus. Ich ehre die Armen, die Proletarier und Abgehängten, ich bewundere ihre Überlebensfähigkeit, ihre Herzensbildung, ihre solidarische Hilfsbereitschaft und ihre Nachdenklichkeit. Ich mag auch die total gern, die kriminell, süchtig, sozial untragbar und seelisch krank sind.
Ich mag alle, die es schwer haben, weil so tapfer versuchen, mit ihrer Lage fertig zu werden. Natürlich sind die Abgehängten nicht alle AfD-Wähler! Die meisten meiner Langzeitarbeitslosen sind völlig unpolitisch und gehen überhaupt nicht wählen. (Das habe ich mir von ihnen abgeguckt – ich gehe auch nicht mehr wählen seit der Bundestagswahl 2024).
Die Sehnsucht nach dem starken Führer und danach, in einem Quartier mit Menschen zusammenzuleben, die zur eigenen Kultur gehören und auf die man sich in der Not (Arme haben oft Not!) verlassen kann, finde ich völlig normal.
Das Ruhrgebiet als Vorbild
Bei uns im Ruhrgebiet haben wir es seit Beginn der industriellen Revolution geschafft, Massen von Arbeits-Migranten in unser großes „Dorf“ aufzunehmen. Es dauert ein, zwei – manchmal auch drei Generationen, aber selbst mit kulturell ganz fremden Kulturen gelingt es uns. Ich sehe das heute schon wieder in den Dortmunder Stadtteilen, in denen es sehr viele Muslime neben eher wenigen „Biodeutschen“ gibt. Man mag sich, man hilft sich, man schätzt die Eigenschaften der anderen Kultur – und die Deutschen mögen das leckere, preiswerte Essen aus anderen Kontinenten.
Alles gut. Wir schaffen das. Aber bitte hört auf, Ihr „Besserverdienenden“, die Absturzgefährdeten und Abgehängten hinter eine Brandmauer mit Berufsverboten und gesellschaftlichem Ausschluss zu stecken. Das ist gemein – lasst uns reden!
Statistische Daten – mit Unterstützung der KI-Suchmaschine Perplexity durchgeführt
Soziodemografisches Profil (Stand 2024/2025)
– Geschlecht: Deutlich männlich dominiert; je nach Studie rund zwei Drittel bis über 70 Prozent der AfD-Anhängerschaft sind Männer.
– Alter: Höhere Werte in den mittleren Altersgruppen (ca. 30–49 Jahre), geringere Zustimmung bei sehr jungen und sehr alten Wähler:innen.
– Bildung: Überdurchschnittlich viele Menschen ohne Abitur bzw. mit niedrigen bis mittleren Bildungsabschlüssen; Personen mit hohem Bildungsniveau sind klar unterrepräsentiert.
– Einkommen: Überdurchschnittlich vertreten sind Menschen mit geringen bis mittleren Einkommen, darunter auch Personen, die ihre wirtschaftliche Lage kritisch bewerten, aber es gibt auch viele AfD-Wähler:innen, die sich subjektiv ökonomisch solide verorten.
– Region: In Ostdeutschland deutlich höhere Stimmanteile als im Westen; in manchen ostdeutschen Ländern stärkste Kraft.
Berufsgruppen und soziale Schichten
– Arbeiter:innen: Besonders hohe AfD-Wahlquoten unter Personen, die sich selbst als Arbeiter verstehen; in Erwerbspersonenbefragungen sind Arbeiter:innen in der AfD-Wählerschaft deutlich stärker vertreten als in anderen Parteien.
– Arbeitslose: Laut Leipziger Analyse wählen Arbeitslose überdurchschnittlich häufig AfD.
– Angestellte: Trotz des starken Arbeiter-Anteils stellen Angestellte zahlenmäßig die größte Gruppe innerhalb der AfD-Wählerschaft – die Partei ist also keine reine „Arbeiterpartei“.
– Beamte, Rentner, Schüler/Studierende: Hier liegt die Bereitschaft, AfD zu wählen, unter dem Durchschnitt.



