Von der Festanstellung zur Gig-Economy – beschleunigt durch Corona?

Laut Neuer Züricher Zeitung könnte es sein, dass schon 2025 auch in unserem Kulturkreis ein Viertel aller Arbeitnehmer in der so genannten „Gig-Economy tätig sind. Das heißt, dass die gesicherte Festanstellung immer seltener wird und dass sich Erwerbsfähige von Job zu Job weiter bewegen – oder als Freelancer von Auftrag zu Auftrag. Vom Hilfsarbeiter bis zum leitenden Manager verändert sich der Arbeitsmarkt rasend schnell. Wie sollen wir mit dieser einschneidenden Veränderung am Arbeitsmarkt umgehen? Bedeutet es für uns Menschen womöglich eine Chance? Oder bedeutet es eine Katastrophe, wenn so viele Menschen sich ständig neu erfinden müssen und von einem Berufsfeld ins andere spingen?

Soziale Marktwirtschaft und Arbeitnehmer-Rechte

Seit der industriellen Revolution haben sich abhängig Beschäftigte eine Menge Rechte erkämpft in unserem Kulturkreis. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsanspruch, Absicherung bei Erwerbsunfähigkeit, Rentenansprüche und gesetzliche Rahmenbedingungen für Verträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Auch der Mindestlohn ist ein Errungenschaft dieses Kampfes – gerade in Deutschland war es schwer, ihn durchzusetzen. Was schon heute unglaublich klingt – wie, kein Mindestlohn?

Als Jobcoach treffe ich auch beruflich auf eine Mentalität der Deutschen, die getragen ist von dem Glauben an ein System, das mit seinen Unternehmen und festen Arbeitsplätzen Heimat und Sicherheit bedeutet für qualifizierte Fachkräfte, die ihr Können und ihre Arbeitsfähigkeit diszipliniert und loyal zur Verfügung stellen.

Mehr Schein als Sein?

Doch in den vielen Jahren als Dozentin in der Erwachsenenbildung habe ich erlebt, wie sich bei meinen Teilnehmern nach einem Jobverlust dieser Glaube innerhalb weniger Monate in Verzweiflung verwandelte. Da werden hunderte von Bewerbungen geschrieben, immer wieder Bewerbungsgespräche geführt, immer wieder Absagen erhalten und sich immer öfter gefragt, ob hinter den unzähligen Stellenangeboten im Netz unseriöse Absender und Motive stecken. Es ist frustrierend.

Freischaffende Künstler – die Jäger…

Da gibt es aber auch diese Typen, die sich wie freischaffende Künstler durch den Dschungel der Möglichkeiten kämpfen. Sie bewerben sich auch für Jobs, für die sie nicht die erwünschten Voraussetzungen erfüllen. Macht sie eine Stellenausschreibung neugierig, probieren sie es einfach aus. Sie haben sich die Berechtigung verschafft, als Freelancer tätig sein zu können und legen Wert auf gutes Eigenmarketing. Sie vernetzen sich in digitalen Communities und nutzen jede Chance, um einen attraktiven Auftrag zu kommen. Das sind die Arbeiter dieser neuen Gig-Economy.

Die Gig-Economy

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Ich gebe ja zu, dass ich selbst seit 16 Jahren in dieser Gig-Economy zu Hause bin und dass ich dieses Leben liebe. Doch ich kann mir das Ganze auch erlauben, da meine Kinder alle erwachen sind und ich nur noch einem einzigen Menschen verpflichtet bin: Mir selbst.

Doch was wird aus einer Gesellschaft von „Freischaffenden Künstlern“ und skrupellosen Karrieristen, wenn diese an Sesshaftigkeit verlieren? So spießig modernen Menschen die Sehnsucht nach einer stabilen Festanstellung mit berechenbarem Einkommenszuwachs erscheint, so sehr ist sie doch Fundament für Familiengründung, Vermögensaufbau, gesellschaftliche Verantwortung und Sicherheit. Werden nun aus den sesshaften „Bauern“ wieder umherscheifende „Jäger“?

Corona und die Gig-Economy

Ich weiß es nicht. Doch ich vermute, dass durch die vielen wirtschaftlichen Umstrukturierungen, die wir nun durch die Corona-Pandemie weltweit erleben, die Gig-Economy erneut Schwung erhält. Wenn Menschen ihre Festanstellung verlieren und nach vielen hundert Bewerbungen Panik bekommen, werden sie bereit, über ein Leben als Freelancer, Einzelunternehmer, Händler oder Interims-Manager nachzudenken. Auch wenn es dort keine Sicherheiten gibt – keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keinen Urlaubsanspruch, keine Absicherung bei Erwerbsunfähigkeit, keine Rente und keinen Mindestlohn…

Hustle

Der Artikel aus der NZZ bringt noch einen weiteren Begriff in die Diskussion um die Zukunft der Arbeitswelt: „Hustle“. Der Hustler ist ein Charakter, der zu der Gig-Economy passt. Er ist ständig auf der Jagd nach Geld, Privilegien, Chancen und allen weiteren Vorteilen, die der Markt so mit sich bringt. Wir kennen den Hustler aus dem Rap. Die Texte drehen sich meist um Reichtum, sexuelle Kicks, Macht, Status und anderen Luxus. Werden wir nun alle Hustler werden?

Ich empfehle diesen (langen) Artikel. Er hat mich nachdenklich gemacht. Ja, ich bekenne mich dazu, ein „freischaffender Künstler“ zu sein. Ja, ich mag die pragmatischen Hustler, mit denen ich super Geschäfte machen kann, wenn ich habe, was sie brauchen. Und ja, ich würde krank in einer sicheren Festanstellung, die nun wahrlich auch ihren Preis hat und die ihre Opfer fordert. Zumindest gebe ich einen guten Rat: Wenn Du Dich schon hundert Mal beworben hast auf sichere Festanstellungen und wenn Du bisher nur Absagen erhalten hast – probiere es doch einfach mal aus, Dir die Gig-Economy anzuschauen. Immerhin ist es ein Abenteuer, als Jäger durch den Markt-Dschungel zu streifen – und eine gute seriöse Festanstellung annehmen kannst Du immer noch. Man kann ja jederzeit wechseln 🙂
NZZ vom 12. Januar 2021: Hustling: Ein Wort aus der Rap-Musik sagt etwas über die Zukunft

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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