Home / Management / XingWeek 2015: Neue Arbeitswelten – Stolpern wir in ein Zeitalter der digitalen Tagelöhner?

Die Ambassador Xing-Gruppe Dortmund/ Unna hatte zu einem Themenabend im Rahmen der Xing-Woche „Neue Arbeitswelten“ geladen und die Moderatorin, Sabine Nickel, hatte mich gebeten, dort zu referieren. Bei der Vorbereitung des Abends wurde mir noch einmal deutlich, wie sehr zurzeit die Welten zweier verschiedener Arbeitsformen auseinanderdriften: Auf der einen Seite die Festangestellten, die einer aktuellen Xing-Studie nach erfreulich zufrieden und selbstbewusst sind, auf der anderen Seite die ansteigende Zahl der Freelancer und Einzelunternehmer, die sich häufig durch digitale Aufträge ihr Existenzminimum absichern – und sich zusätzlich mit einer eigenen Geschäftsidee verwirklichen wollen.
Xing-Studie Kompass Neue Arbeitswelt: Weniger arbeiten – mehr leben

Auch in meinen Lehrgängen begegnet mir immer häufiger dieser Typ Mensch: Jung, gebildet, Großstädter, kreativ, voller Ideen und wenig statusgetrieben. Ist das nun eine selbstbestimmte Weiterentwicklung des Begriffs von „Arbeit“ oder eine Rückentwicklung zum Tagelöhner, der ohne soziale Absicherung keine Lebenspläne gestalten kann?

Viele dieser jungen Menschen haben kreative und/ oder gesellschaftsbezogene Studien absolviert, sind Designer, Filmemacher, Soziologen, Marketing-Absolventen, Künstler oder Geisteswissenschaftler. Sie haben erste Erfahrungen im Job gemacht und mussten feststellen, dass sie nicht glücklich werden mit fremdbestimmten Anforderungen und harten Zielvereinbarungen. Sie stecken voller Ideen und Ideale, und sie sind gut vernetzt. Gerade meine Berliner Lehrgangsteilnehmer finden es immer selbstverständlicher, preiswert zu leben und dafür die Freiheit zu genießen, sich nicht an einen Arbeitgeber zu binden. Sie sind als Freelancer unterwegs und arbeiten an ihrem Lebenstraum – oft genug mit ökologischem, künstlerischem oder sozialem Anspruch. Bei den weiblichen „Freien“ sind viele alleinerziehende Mütter, und sie scheinen ihr Leben zu lieben.

Klein aber fein: Unsere Xing-Debattierrunde zum Thema "Neue Arbeitswelten" zeigte das ganze Spektrum an Bewertungen.

Klein aber fein: Unsere Xing-Debattierrunde zum Thema „Neue Arbeitswelten“ zeigte das ganze Spektrum an Bewertungen.

Das Internet bietet diesen ungebundenen Kreativen eine Menge Möglichkeiten, an die vorher nicht zu denken war. Aufträge gibt es über Vermittlungsplattformen, über Foren, über Anbieter wie Uber oder Airbnb. Tatsächlich habe ich zum Beispiel eine Künstlerin über 40 kennengelernt, die ein wunderschönes alternatives Appartement in ihrem Haus über Airbnb an Künstler und Schauspieler vermietet – und so die Gelassenheit hat, sich ihren Kunst-Projekten zu widmen. Sie lebt zwar ständig am Rande des Existenzminimums, aber sie ist viel zu selbstbestimmt, um sich fremden Willen unterzuordnen. So hat sie sich gern arrangiert mit einer gewissen Bedürfnislosigkeit.

Studien gehen davon aus, dass wir gerade in eine Zeit kommen, in der womöglich bis zu 50 Prozent aller Werktätigen so arbeiten: In den USA hat die Zahl seit der Finanzkrise so sehr zugenommen, dass man schon von der „Gig-Economy“ spricht. Doch was ist das nun? Der Aufbruch unserer Wohlstandsgesellschaft in ein Zeitalter ohne Angst vor der Verelendung? Der Sieg der Kreativen, die über YouTube, Twitch, Online-Projekte und Crowdfunding einen neuen Zauber über uns alle legen? Oder der Tanz der Heuschrecke, die den Sommer über fiedelt, und irgendwann im Winter zitternd an die Tür des Maulwurfs klopft, weil sie nicht für die kalte Jahreszeit vorgesorgt hat? Sollen die braven Steuerzahler diese ganzen Querdenker und Künstler mitfinanzieren, wenn es mal nicht so gut läuft?
Süddeutsche: Gig-Economy – schöne neue Arbeitswelt?

Bei unserem Xing-Abend wurden ganz andere Fragen aufgeworfen in der Gruppe: Trägt die Globalisierung und digitale Vernetzung dazu bei, dass unsere IT-Fachkräfte mit indischen Programmierern im Wettbewerb stehen, die die selbe Arbeit für wenige Euros monatlich tun? Ist es ein Irrweg, wenn in virtuellen Universitäten weltweit in einer Online-Community studiert wird und Präsenz immer mehr zum Auslaufmodell wird? Trägt diese Entwicklung dazu bei, dass unsere Demokratie gefährdet ist, weil wir zwar selbst immer transparenter werden – doch die komplexen Handelsbeziehungen durch Abkommen wie TTIP an unserem Mitbestimmungsrecht vorbeigehen – und wir immer mehr die „Schere im Kopf“ leben, weil alles, was wir tun, erfasst und analysiert wird?

Einige von uns sahen tatsächlich in der Entwicklung der Gig-Economy eine Chance und einen Traum von freiem Leben – Andere sahen es sehr kritisch, wieder andere genießen das Privileg, in einem internationalen Konzern zu arbeiten mit Videokonferenzen und den Entwicklungsmöglichkeiten, die wohl nur so ein internationales Imperium karrierebewussten jungen Fach- und Führungskräften bieten kann. Die ganze Palette war vertreten – was ich total spannend und bemerkenswert fand. Dass ich selbst zu denen gehöre, die sich freuen auf viele freie Kreative, die Farbe in unsere Welt bringen, und die uns von dem Joch der Tradition befreien, muss wohl nicht extra betont werden oder?????

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Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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