Grundsicherung/ Bürgergeld: Interessante Studie aus Österreich

In Österreich sind die Mindestsicherungsbedingungen für Menschen, die nicht von eigenen Ressourcen leben können, anders strukturiert als in Deutschland. Alleinstehende erhalten monatlich 978 Euro monatlich als Mindestsicherung, zusammenlebende Paare 1.476 Euro, pro Kind gibt es zusätzlich 264 Euro. Wie in Deutschland gibt es viele Bürger, die sich darüber aufregen und meinen, diese Zahlungen seien zu hoch und würden zu einem „bequemen Leben“ einladen, das von den arbeitenden Steuerzahlern finanziert wird.  Die Frage ist also: „Können diese Menschen nicht arbeiten oder wollen sie nicht? Dazu wurde jetzt eine Studie in Wien durchgeführt, die spannende Ergebnisse zeigt.

Österreich und Deutschland im Vergleich

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Zunächst einmal ist es auch in Österreich so, dass erwerbsfähige Menschen in Mindestsicherung alles Zumutbare unternehmen müssen, um wieder arbeiten zu gehen. Aufstocker bekommen die Differenz zur Mindestsicherung ausgezahlt. Jährlich wird der Betrag an die Inflation automatisch angepasst. Im Vergleich zum deutschen Modell des ALG II (bald Bürgergeld) sind die Konditionen zwar ganz anders geregelt, aber wahrscheinlich in Summe vergleichbar.
Beitrag zur Studie aus dem Standard vom 27. Oktober 2022: Was Menschen in die Mindestsicherung treibt

Zwei Drittel der Mindestsicherungsbezieher aus Österreich leben in Wien. Im Auftrag der Stadtregierung Wien haben Evelyn Dawid und Karin Heitzmann von der Wiener Wirtschaftsuniversität nun Antworten auf die Frage gesucht, warum so viele Menschen in Wien in Grundsicherung leben – und ob sie „nicht arbeiten können oder nicht arbeiten wollen“.

Studie aus Wien: Wollen sie nicht oder können sie nicht?

Der Studie nach gibt es fünf Wege in die Mindestsicherung:

Die Systemsprenger/Innen:
Sie sind in ihrer Kindheit aufgewachsen in einem Umfeld von Gewalt, Vernachlässigung, Alkohol und Drogen. Dadurch hatten sie schon als Kind psychische Herausforderungen, die den Übergang in ein selbstverantwortliches Erwachsenenleben sehr erschweren. Die Betroffenen sind gefangen in ihrer Passivität und dem mangelnden Zutrauen zu sich selbst, Verantwortung zu übernehmen und selbstbestimmt leben zu können. Sie suchen ständig nach Zuwendung und erhalten diese Zuwendung, die sie als Kind so vermisst haben, zumindest ein wenig beim Staat.

Die Fluchtkinder:
Eine zweite häufige Beziehergruppe sind Menschen, die schon als Kinder aus fremden Ländern fliehen mussten mit ihrer Familie, wegen Krieg, Verfolgung und anderen unerträglichen Lebensumständen. Sie sind selbst traumatisiert durch diese Erfahrungen – und ihre Eltern auch. Im neuen, fremden Land dauert es Jahre, bis sie sich sprachlich einigermaßen zurechtfinden. Häufig entwickeln die Fluchtkinder Depressionen. Ihre Chancen auf eine gute berufliche Zukunft sind gering. Auch Ausbildungen werden häufig abgebrochen.

Befreiungsschlag in die Armut:
Vor allem Frauen befreien sich häufig aus ihren Partnerschaften mit Gewalttätern dadurch, dass sie in die Mindestsicherung gehen. Gewalt, Sucht, psychische Unterdrückung durch den Partner sind Motive, sich lieber in die Armut zu begeben, als weiter dieses Leben zu führen. Vor Allem, wenn diese Frauen Mütter mit Kindern sind, bleibt auch langfristig das Ziel, komplett unabhängig von öffentlicher Subventionierung zu leben, schwer erreichbar. Hinzu kommt, dass Frauen aus Gewalt-Beziehungen sich ähnlich wie Systemsprenger/Innen wenig bei der Vorstellung zutrauen, eine nachhaltige berufliche Zukunft aufzubauen.

Gekränkt, krank und ausgebrannt
Eine weitere Gruppe der Bezieher von Mindestsicherung sind Menschen ab 45 Jahren, die durch den immer weiter steigenden Druck in der Arbeitswelt ausgebrannt sind und nicht mehr arbeiten können. Nicht nur, dass die Arbeitsbedingungen immer stressiger werden, sondern auch die Arbeitsplatzsicherheit geht immer mehr verloren, während die Löhne immer seltener zum Leben reichen.
Brachten vor einigen Jahren Arbeiten im Lager oder in einem Callcenter noch gute Einkommen und wertschätzende Arbeitsbedingungen, ist das heute kaum noch findbar. Befristete Verträge, Zeitarbeitsagenturen, ständig wechselnde Teams und Konditionen, wachsender Druck und emotionale Entfremdung führt nicht nur bei ungelernten Kräften zunehmend zum Burnout.

Hasardeurinnen und Hasardeure
Die fünfte Gruppe sind in der Regel gut ausgebildete, selbstbewusste Frauen und Männer, die ihr Leben lang auf Altersabsicherung wenig Wert gelegt haben und die häufig als Selbstständige und Unternehmer ihren Lebensunterhalt verdienten. Wenn sie sich irgendwann nicht mehr mit eigenen Ideen, Jobs und Leistungen über Wasser halten können (häufig, weil sie zu alt und geschwächt geworden sind), beziehen sie notgedrungen Mindestsicherung.  

Die „Hasardeurinnen und Hasardeure“ sind anspruchsvoll, vertreten ihre Interessen gegenüber den Behörden selbstbewusst und rechtskundig. Sie sind durchaus bereit, bei Behördenentscheidungen Einspruch zu erheben und vor Gericht zu gehen.

Was ist mit den Missbrauchtätern?

Man sieht an den fünf großen Gruppen, die durch die Studie identifiziert wurden, dass die gesunden, arbeitsfähigen und bequemen Missbrauchstäter nicht vertreten sind. Evelyn Dawid kommentiert die Ergebnisse: „Dass die Menschen die Mindestsicherung freiwillig ansteuern, zeigt unsere Studie nicht.“ Selbstverständlich gibt es auch illegale Nebenverdienste in allen Gruppen, doch das heißt nicht, dass die Betroffenen freiwillig und gern in der Mindestsicherung leben. Die psychische Belastung und die Menge an Unfrieden, belastenden Kindheiten und Elternhäusern lässt sich nicht so einfach abstreifen. Druck durch finanzielle Sanktionen von den Behörden verstärkt nur die Abwehr und führt dazu, dass die Bezieher „auf stur schalten“.

Peter Stanzl, Vizechef der zuständigen Magistratsabteilung 40 der Stadt Wien, hat die Erfahrung gemacht, dass die Bezieher von Mindestsicherung in der Regel nicht direkt am regulären Arbeitsmarkt bestehen könnten, weder von der Qualifikation her noch vom Durchhaltevermögen. Die Stadt Wien bietet schon Beschäftigungsprogramme an wie Back to Future, wo die Betroffenen ein ganzes Jahr Zeit haben für Qualifikation und Job-Training. Doch das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Persönliches Fazit

Auch aus meiner beruflichen Erfahrung heraus kann ich bestätigen, dass meine Klienten und Klientinnen im Sozial- und Jobcoaching kaum in der Lage sind, sich direkt im Arbeitsleben einzugliedern. Allein die Geschwindigkeit und die Präzision, die selbst in Tätigkeiten für Ungelernte verlangt werden (wie Küchenarbeit, Lager, Gastronomie, Verkauf, Kasse, Callcenter…) ist für meine Leute, die schwere gesundheitliche Herausforderungen Tag für Tag zu bewältigen haben, aus meiner Sicht undenkbar.

Ich wünsche mir zum einen, dass die Behörden den Fokus legen auf die Kinder aus Familien mit Mindestsicherung. Bestmögliche schulische und therapeutische Förderung, therapeutische Unterstützung für die Eltern bzw. Mütter, Freizeitangebote abseits von Medien und Computerspielen, Kurse in gesundem Lebensstil schon ab dem 10. Lebensjahr, Sport und Kreativität – das würde mit Sicherheit so manchen jungen Menschen aus dem ewigen Kreislauf retten.

Für die Erwachsenen wünsche ich intensive Vollzeit-Weiterbildungen über mindestens 12 Monate, in denen die Betroffenen wieder verstehen, wie leistungsfähig sie sind und dass sie wichtig und wertvoll sind mit ihren reichhaltigen Ressourcen (gerade wegen ihrer schwierigen Biografien). Ich wünsche mit dabei Unterstützung in schulischen Grundqualifikationen – z.B. bei Lese- Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie, ich wünsche mir die Möglichkeit, Schulabschlüsse nachzuholen im Erwachsenenalter, und ich wünsche mir, dass seelisch Kranke über Bildung zu „Experten ihrer selbst“ werden und sich in selbstorganisierten Gruppen gegenseitig lehren und unterstützen.

Peter Stanzl aus Wien hat meiner Meinung nach völlig recht: Menschen im Mindestbedarf sind keine Lebenskünstler, die sich auf Kosten der Steuerzahler ein „Dolce Vita“ leisten – es sind Menschen, die tapfer von Tag zu Tag überleben und Sehnsucht danach haben, zur Gesellschaft zu gehören. Niemand ist gern Ausgestoßener. Und jeder Mensch will stolz auf sich sein und wissen, dass sie oder er wichtig ist.

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

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