Sobooks unter der Lupe: Netter Ansatz aber…

Pünktlich zur Buchmesse gestartet ist  Sobooks, die neue Plattform von Sascha Lobo, der den FAZ-Verlag als Partner an Bord für sein Unternehmen geholt hat. Es soll zwar irgendwie die Revolution für den Buchmarkt sein, aber wenn es eine ist so hat die Revolution noch eine Menge zu tun.

Sobooks verspricht Bücherlesen ohne Gefrickel und ohne lästige Hardware. Während andere Anbieter mit dem epub-Format oder einem Derivat arbeiten sind die Bücher, die bei Sobooks zu finden sind reine HTML5-Dateien. Sie sollten daher mit jedem Gerät und an jedem Ort zu lesen sein, eine Downloadfunktion ist noch angekündigt aber wohl noch nicht implementiert. Diese ist allerdings auch notwendig, denn wer regelmäßig mit Bus oder Bahn unterwegs ist weiß: Zwar hat die Bundesregierung davon gesprochen das mobile Internet irgendwie auszubauen, allerdings tut sich da momentan nicht unbedingt viel. Wer daher Sobooks unterwegs nutzen möchte ohne Downloadfunktion muss sich auf ein funktionierendes Internet verlassen. Und das ist schon mal der erste Knackpunkt bei dem Modell: Schließlich soll man ja online mit anderen Lesern mitdiskutieren können. Und das geht halt nur wenn man ständig Internet zur Verfügung hat.

Sobooks geht davon aus, dass der Leser an sich mit dem Autor oder mit anderen Lesern über Inhalte und Abschnitte diskutieren möchte. Wobei die Auswahl der Literatur bisher eher an das erinnert, was netzaffine Menschen gerne lesen. Themen wie Filterbubble oder die Piratenpartei etwa. Selbstverständlich können Inhalte in die diversen Sozialen Netzwerke geteilt werden. Dass Sascha Lobos nächstes Buch exklusiv erstmal bei Sobooks erscheint dürfte nicht verwundern, schließlich ist das ja sein neues Geschäftsmodell. Das sich durch den Verkauf von Büchern finanzieren will. Wobei man mit dem FAZ-Verlag immerhin schon einen – noch – finanzkräftigen Partner an Bord hat: „Nach dem Start in einigen Wochen werden Leser auf faz.net/lesesaal gemeinsam mit Redakteuren, Kritikern und auch den Autoren selbst über Bücher diskutieren können. Dabei steht jede Woche ein neues, aktuelles Buch oder ein Klassiker der Literatur im Mittelpunkt. Das jeweilige Werk lässt sich direkt auf faz.net lesen, diskutieren und natürlich auch kaufen.“

Bei dem ganzen PR-Tamtam, den Lobo schon vor Monaten für die Plattform gemacht hat, hätte man jetzt ja die Offenbarung für die Branche erwarten können. Sobooks ist allerdings – nun –  es ist halt nett. Sofern ich zulassen will, dass mir jemand beim Lesen über die Schulter schaut. Natürlich werden mir auch Lektüreempfehlungen zugeleitet, ja, wenn man mal ein Buch aufblättert – die Technik funktioniert übrigens gut, aber das war ja zu erwarten – dann wird man durch kleine schwarze Balken unten auf die Seiten verwiesen, die am meisten „Activity“ aufzuweisen haben. Also Likes oder Kommentare. Das ist – wie schon mal gesagt – nett. Und ebenso nett ist die angewiesene bisherige durchschnittliche Lesezeit, wer das Buch bisher kommentiert hat und allerlei andere Statistiken zum Buch an sich. Bei Michael Seemanns „Das neue Spiel“  – das man sich kostenlos durchlesen kann – kann man sich ansehen wie das Ganze bei Sobooks aussieht und funktioniert. Aber das soll jetzt die Revolution für den Buchmarkt bringen?

In einem Interview mit der ZEIT formulierte Sascha Lobo 2013: „Wenn die richtigen Leute mitdiskutieren und vielleicht sogar die Autoren dabei sind, dann will der Leser sehen, was die sagen.“ Wer bisher mit befreundeten Lesern kommunizieren wollte nutzte ein Internetforum oder schrieb ein Blog oder tauschte sich auf anderen Wegen mit den Autoren aus. Lobo möchte jetzt das Buch zu einem Zwei-Wege-Medium machen, zu einem Medium bei dem der Leser mit dem Autor in den Dialog tritt und das innerhalb des Mediums/Formats Buch. Kann das funktionieren? Zum einen: Was passiert wenn ich größere Abschnitte – nicht nur einen Satz oder eine Bemerkung – in den Sozialen Netzwerken teile? Ich vermute Sobooks hat sich da abgesichert, aber da auch ein Satz schon als Aphorismus geschützt sein kann und wehe dem, der Loriot oder Brecht oder Kästner unwissentlich auf seine Seite ins Netz stellt – wie kann ich als Leser sicher sein, dass die Autoren dem zugestimmt haben? Werden sie ja wohl an einer Stelle des Vertrags für Sobook, aber – hmm. Zweitens: Will ich als Leser denn unbedingt, dass man mir bei der Lektüre reinquatscht? Lesen ist seit dem Bischoff Ambrosius – und den hat Augustinus dabei ertappt – ein stilles Vergnügen. Die Vorstellung, dass man mir beim einem Roman mitten in den Handlungsablauf reinkommentiert ist eine, die mich eher nicht so begeistert. (Die Markierungen von anderen Lesen bei Amazon sind dagegen ja recht dezent.) Wobei man die Kommentare bei Sobooks ja auch dezent beiseite schieben kann wenn sie einen stören. Aber dann wäre das ja nicht im Sinne des sogenannten Social Readings, des neuen sozialen Lesezirkels.

Denn – seien wir ehrlich – nichts Anderes ist Sobooks momentan als das. Der gute alte Lesezirkel ist mit neuer Technologie zurückgekehrt. Leute setzen sich zusammen und lesen gemeinsam ein Buch. Kann man machen, ob sich das auf Dauer trägt ist die andere Frage. Denn: Die Bücher, die momentan zur Verfügung stehen sind definitiv Nischenliteratur.  Gut, Jerry Cotton ist auch dabei, aber vermutlich holt sich der Cotton-Stammleser seine Lektüre dann eher über Amazon und Co. Warum ich als Leser Sobooks jetzt nutzen sollte – nur weil der Autor eventuell auch kommentiert wenn er will? – erschließt sich mir bisher jedoch nicht.

(Zuerst erscheinen bei Zauberspiegel-Online.)

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